Ist "Charlie Hebdo" rassistisch?

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Nach den Anschlägen von Paris : "Charlie Hebdo" und das kaputte Frankreich
Wer ist hier Charlie? In Paris ist noch überall die Botschaft zu finden, die nach dem Terror das Land prägte. Doch seitdem ist ein heftiger Streit entbrannt.
Wer ist hier Charlie? In Paris ist noch überall die Botschaft zu finden, die nach dem Terror das Land prägte. Doch seitdem ist ein...Foto: M. Amjahid

Zineb El Rhazoui ist Halbmarokkanerin mit französischer Staatsbürgerschaft. Und sie war, vor allem aus ihrer Perspektive, immer Widerstandskämpferin, bereit, für ihre Überzeugungen Grenzen zu überschreiten. Stundenlang erzählt sie Anekdoten von ihrer Zeit in Marokko: Im Wald zwischen Casablanca und Rabat, dort wo sie sich in Sicherheit wähnt, versucht sie mit Freunden am helllichten Tag im Ramadan das Fasten und die religiösen Gesetze zu brechen. Sie kündigt ihre Aktion auf Facebook an, wird aber noch am Bahnhof vom Geheimdienst abgefangen.

Die Polizei nimmt sie fest wegen Beleidigung des Islams. Damals schon bekommt sie Morddrohungen von Islamisten. Die Presse empört sich über die „Ungläubige“. Mit den Jahren ist für Zineb El Rhazoui Laizität zum höchsten Gut geworden: „Religion gehört in die Privatsphäre.“ In der Öffentlichkeit dürften weder Gottes Gesetze noch religiöse Traditionen gelten. Dafür kämpft sie.

Es ist ein undurchschaubarer Kampf geworden, den die Redaktion von „Charlie Hebdo“ führt – und ganz Frankreich mit ihr oder gegen sie. Das kleine Satiremagazin ist zur großen Projektionsfläche für eine Gesellschaftsdebatte geworden.

Frankreich zählt weiter auf Charlie. So wie es nach dem Anschlag ranghöchste Politiker gefordert haben. Bei Charlie werde die Demokratie, werde die Republik, ja die Freiheit des Westens verteidigt. Präsident François Hollande hat das verkündet, und etliche Politiker und Prominente im Land haben es ihm nachgetan. Unter dem Hashtag #JeSuisCharlie solidarisierte sich die halbe Welt mit dem Satiremagazin. Wie auch die vier Millionen Franzosen, die am Sonntag nach den Attentaten auf die Straße gingen und „Je suis Charlie“ riefen.

Die Krise innerhalb der Redaktion

Zwar bleiben mittlerweile immer mehr Exemplare der mittwochs erscheinenden Satirezeitung in den Kiosken liegen, doch eine deutliche Mehrheit ist weiterhin Charlie.

Chefredakteur Gérard Biard lässt sich auf einen Stuhl in der Ecke der Cafeteria fallen. Er ist ein kleiner, eher unauffälliger Mann. Schlichtes blaues Hemd mit kurzen Ärmeln, selbsttönende Lesebrille, Halbglatze. Das kahle Foyer mit Suppen-, Kaffee- und Snackautomaten dient als Besprechungsraum für seine Redaktion. In Sichtweite sonnt sich Zineb El Rhazoui auf der Terrasse.

Zeichnen gegen den Terror: Karikaturen zu #CharlieHebdo
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09.01.2015 08:53Albert Uderzo: Asterix, Obelix und Idefix verneigen sich. @asterixofficiel

Gérard Biard wird nicht so streng bewacht wie seine Kollegin. „Ich zeichne ja nicht, schreibe auch nicht so oft“, sagt er. Biards Gelassenheit passt irgendwie nicht zur Situation. Er fühle sich permanent beobachtet und wisse, dass Fernsehsender viel Geld zahlen würden, wenn sie in seiner Redaktion eine Reality-Show drehen dürften. Gérard Biard sagt leise: „Ich hoffe sehr, dass sich alles irgendwann mal beruhigt.“ Er seufzt.

Der 56-jährige Biard weiß, er kommt aus dieser Geschichte nicht mehr raus. Nach 23 Jahren beim Satiremagazin hat der Tod der Kollegen und Freunde sein Schicksal besiegelt. Und dann sagt auch er diesen einen Satz, den sie hier offenbar alle verinnerlicht haben: „Ich lebe für Charlie Hebdo und verteidige die Republik – an vorderster Front.“ Jahrelang waren sie wegen schwacher Auflage vom Ruin bedroht, nun sind sie plötzlich Speerspitze der Demokratie.

Gérard Biard wirkt ernst wie ein Berufspolitiker. Der Satiriker scherzt selten. Wenn er gefragt wird, wie er mit dem Druck umgehe, weicht er mit einem kurzen Lacher aus. Noch ist er nicht bereit, darüber zu sprechen wie ihn das Attentat verändert hat. Nur dass ihn seit Monaten heftige Kopfschmerzen verfolgen, gibt er zu. Zur Zeit des Anschlags hatte er mit seiner Frau Urlaub in London gemacht. Kopfschmerzen bereitet Biard auch, dass er keine geeigneten Nachfolger findet für Charb, Wolinski, Cabu, Tignous und Honoré, seine ermordeten Zeichner.

Gemeinschaftsgefühl für die Mehrheitsgesellschaft

Während Biard mit seiner kleinen Redaktion um Normalität kämpft, verändert sich allmählich die öffentliche Meinung in Frankreich. Eingeläutet hat diesen Umschwung eine gezielte Provokation von Emmanuel Todd. Der Anthropologe hat Anfang Mai, ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Wer ist Charlie?“. Seine Antwort gefiel vielen nicht. Todds Thesen lauten: Die Unterstützer von „Charlie Hebdo“ seien „katholische Zombies“, die ihren Glauben aufgegeben hätten und in Frankreich Blasphemie als Staatsraison ausrufen würden. Diese übertriebene Laizität richte sich gegen religiöse Minderheiten, vor allem gegen Muslime und Juden, und „Charlie Hebdo“ sei mehr eine rassistische als eine satirische Zeitung.

Todds Buch markierte das inoffizielle Aus für das Gemeinschaftsgefühl rund um #JeSuisCharlie.

Gérard Biard, der Chefredakteur, hat Kopfschmerzen vor lauter kämpfen.
Gérard Biard, der Chefredakteur, hat Kopfschmerzen vor lauter kämpfen.Foto: M. Amjahid

Chefredakteur Biard spürt, dass sich die Stimmung in Paris wandelt. Er will die Sache nicht größer machen als sie ist: „Da versucht jemand verzweifelt, Bücher zu verkaufen und Geld mit unserem Verlust zu machen.“ Aber der Vorwurf nagt an ihm. Rassistisch seien diejenigen, die „Charlie Hebdo“ als rassistisch diffamieren, sagt Biard. Er guckt zu seiner Reporterin hinüber und ruft: „Nicht wahr Zineb?“ Sie brüllt von der Terrasse ganz charliemäßig zurück: „Scheiß Rassisten-Hurensöhne sind das!“

Dass seine Zeitung von den Rechtsextremen gefeiert wird, weiß Biard. „Dabei greifen wir Marine Le Pen und ihren Front National schärfer an als je zuvor.“ Sie zeichnen den Vater Jean-Marie Le Pen nun als halbtotes Monster, seine Tochter nicht selten mit Hitlerbärtchen – manchmal über ihrer Vagina platziert.

Um zu verstehen, wie zerrissen Frankreich ist, muss man nur den Fernseher oder das Radio einschalten und bei einer der so beliebten Talkrunden zuhören. Die Stimmen der Kommentatoren klingen heiser, die Gäste haben ihre Argumente bereits dutzendfach vorgebracht, die Meinungsmacher wiederholen sich – und die zentralen Fragen sind weiter offen: Wie soll Frankreich mit den Migranten umgehen? Wie viel Islam steckt im Islamismus? Wer sind wir?