Olympisches Gold im Eiskunstlauf : Savchenko und Massot in eisigen Höhen

In fast aussichtsloser Lage gewinnen sie olympisches Gold im Paarlauf. Mit einer Kür, die Menschen zu Tränen rührt. Spitzensport, der Gefühle weckt - dank zweier Eiskunstlauf-Stars.

Aliona SAVCHENKO mit Bruno MASSOT beim Finale im Paarlaufen an den olympischen Spielen 2018.
Aliona SAVCHENKO mit Bruno MASSOT beim Finale im Paarlaufen an den olympischen Spielen 2018.Foto: imago/Laci Perenyi

Doch dann kommt dieser Moment, dann lebt dieser kraftvolle Auftritt, dieser Traum, dann stehen alle 8000 Zuschauer auf, die zuvor nicht daran gedacht hatten aufzustehen. Sie huldigen der Schönheit: Aljona Savchenko und ihr Partner Bruno Massot gewinnen nicht einfach nur aus scheinbar auswegloser Situation olympisches Gold. Die Deutsche aus der Ukraine und der Deutsche aus Frankreich, sie tragen das Eiskunstlaufen im Olympiapark von Gangneung in eine andere Welt.

Es kommt nicht oft vor, dass eine Sportart, die nur wenige echte Fans hat, ein großes Publikum erreicht. Dass sie Menschen, die im normalen Leben nichts mit Sport zu haben, zu Tränen rührt. Es ist die absolute Ausnahme geworden, dass der Sport solche Emotionen wecken kann. Aber er kann es noch.

Vielleicht, weil eine Darbietung wie die von Savchenko und Massot in der Form noch nie im Paarlauf des Eiskunstlaufens zu sehen war. Etwas, das mehr Kunst ist als Laufen. Ja, beide zeigen eine technisch saubere Leistung – das gehört dazu. Aber sie tanzen dabei in einer Weise über das Eis, dass alles Schwere auf einmal federleicht aussieht. Immer wieder scheinen sich die Körper beider geradezu ineinander zu verschlingen. Wie durch einen Zauber überträgt sich diese Innigkeit auf die Zuschauer. Als spüre man die Wärme auf dem kalten Eis. Die Verbundenheit.

Die Perfektion so einer Kür lässt sich natürlich selbst in einer so künstlerischen Sportart statistisch greifbar machen. Alle Elemente auf dem Eis gelingen dem unter deutscher Fahne angetretenen Duo perfekt – Weltrekord mit 159,31 Punkten. Alle Einzelsprünge klappen perfekt, der exzellent vorgetragene hohe Twist als Eingangselement und auch der dreifache Wurf-Flip. Vom vierten Platz nach dem für ihre Verhältnisse verpatzten Kurzprogram vom Mittwoch schieben sich Savchenko und Massot zur Musik des Natur-Dokumentarfilms „Die Welt von oben“ auf den ersten Platz und gewinnen Gold. Und Trainer Alexander König sagt: „Wir Trainer sehen ja immer Fehler. Aber das war die beste Kür, die ich jemals gesehen habe.“

Die Schwerkraft aushebeln

Es gibt sie, diese eine perfekte Kür im Eiskunstlaufen. 1984 in Sarajevo verzückten Jayne Torvill und Christopher Dean mit ihrem Eistanz zu Ravels „Bolero“ die Sportwelt. Bis heute ist diese Eleganz auf dem Eis, diese Harmonie und Anmut nicht mehr erreicht worden. Kein Paar, das sich Chancen auf irgendetwas aufrechnet, würde es je wieder wagen, diese Musik zur Kür auflegen zu lassen, weil niemand diesem Vergleich standhalten könnte. Torvill und Dean flirteten und spielten und spaßten miteinander, auch sie schienen miteinander verwoben zu sein. Eins auf dem Eis.

Die Ähnlichkeiten zu Savchenko und Massot sind nicht zufällig. Eben dieser Christopher Dean hat die Kür des deutschen Paares choreografiert. Er hat das Eistanzen, eine völlig andere Disziplin, in den Paarlauf überführt. So getanzt wie jetzt Savchenko und Massot hat im Paarlauf noch keiner.

Ein Feuilletonist der „Zeit“ fördert schon Stunden nach der bewegenden Kür von Gangneung zutage, bereits Johann Wolfgang von Goethe habe dem Eislauf eine besondere Bedeutung eingeräumt. Ein eigenes kleines Eislaufgedicht ist von Goethe überliefert, das später „Muth“ betitelte Eis-Lebens-Lied aus dem Jahr 1776. Eiskunstlauf sticht eben heraus, steht unter den Sportarten für das Schöne, für Sprünge, die in ihrer Perfektion nicht einfach nachzumachen sind. Dabei geht es nicht nur darum, die Schwerkraft auszuhebeln wie beim Snowboard-Kunstspringen in der Halfpipe. Das wirkt aufgesetzt und künstlich. Eiskunstlauf ist Sinnlichkeit, ist feine Kunst.

Ein guter Eiskunstläufer muss das Eis riechen können. Es gerne anfassen und auch fühlen können. Kunsteis in der Halle ist weicher als Kunsteis im Freien und erst recht ganz anders strukturiert als hartes, holpriges Natureis. Eine wohl temperierte Eisfläche in einer Arena ist sanft, schmiegt sich um die Kufen – bei denen, die auf hohem Niveau in diesem Oval laufen können.

Es lässt sich fühlen, das sanfte Einsetzen der Kufen auf das Eis. Savchenko und Massot produzieren ihre eigenen Klänge. Es ist ein Moment im Sport, der keinen kalt lassen kann. Diese Kür, dieses Gold. Was muss zusammenkommen, dass Menschen von einer Sportart berührt werden, die sie zuvor nicht interessiert hat? Woher zieht der Sport in so einem Moment seine Magie?

Kampf im Kopf

Dass halb Deutschland von einer Kür im Eiskunstlaufen redet, hat es zuletzt 1988 gegeben. Katarina Witt bewegte sich damals bei den Olympischen Spielen mit einer Grazie zur Musik von „Carmen“ über das Eis, dass die Zuschauer in der Halle zunächst vor Bewunderung stumm blieben. Als Witt am Ende auf dem Eis von Calgary liegen blieb, die Arme wie eine Diva von sich gestreckt, verzückte sie alle, ähnlich wie Torvill und Dean vier Jahre zuvor. Seither haben es immer wieder deutsche Eiskunstläufer probiert – und den magischen Moment doch nicht hervorzaubern können.

Als Savchenko und Massot nach ihrem Vortrag auf das Eis von Gangneung sinken und am liebsten festkleben wollen an diesem Moment, erkennen auch die letzten Zuschauer, dass sich Einzigartiges zugetragen hat. Die Augen von Savchenko, mit denen sie ihren Partner fokussiert, während der ganzen Kür schon, sie lassen keinen mehr los.

Kurz nach ihrem Triumph sagt sie: „Wir haben Geschichte geschrieben!“ Es ist eine wunderschöne Geschichte, und nur ein Teil davon war den vielen Menschen in der Halle und vor den Fernsehgeräten zuvor bekannt. Savchenko hat mehr ein Jahrzehnt lang für dieses olympische Gold gekämpft. 2014 in Sotschi stürzte sie an der Seite ihres damaligen Partners Robin Szolkowy und sagte: „Bronze ist scheiße!“ Zumal sie diesen verflixten dritten Platz schon 2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver belegt hatten. Aljona Savchenko, diese 1,53 Meter kleine, aber kräftige und kantige blonde Frau sagte noch in Sotschi: „So wollen wir unsere gemeinsamen zehn Jahre nicht abschließen. Wir werden bei der WM im März in Japan starten.“ Sie musste sich dann doch einen neuen Partner für ihr Projekt holen. Der eloquente Szolkowy und die bisweilen bei ihren Auftritten sehr knarzig wirkende Savchenko, sie waren immer nur eine Zweckgemeinschaft. Das ist der bekannteste Teil ihrer Geschichte.

Doch da ist noch mehr. Da ist die sichtbare und fühlbare Faszination dieser kunstvollen Sportart. Die Sprünge, Drehungen, Figuren, die Kostüme, das Theater – und der Kampf im Kopf. Eiskunstlauf ist Kopfsache, ist Konzentration und Körpersprache. Schon beim Einlaufen kurz vor dem Auftritt der finalen vier Paare ist Savchenko und Massot diese besondere Entschlossenheit anzumerken. Savchenko gleitet nicht, sie hackt, wie die Eisläufer sagen, sie macht raumgreifende Schritte und rustikale Bewegungen, als würde sie sich für ein Eishockeyspiel aufwärmen. „Platz da, jetzt komme ich!“ Das illustriert auch Selbstbewusstsein und soll die Konkurrenz einschüchtern. Breitbeinig macht Aljona Savchenko den ersten Schritt zum Gold.

Tränen nach dem Auftritt

Als der Auftritt dann vorbei ist, aber immer noch nachwirkt, kommen die Tränen. Aljona Savchenko weint, Bruno Massot und Trainer Alexander König – und natürlich weint auch Katarina Witt. Die Gold-Kati, die immer dann ran muss, wenn es im deutschen Eiskunstlauf etwas zu kommentieren gibt; seit Jahrzehnten vorrangig Negatives. Der Sport ist in Deutschland am Boden. Es gibt zu wenig guten Nachwuchs in Deutschland, in den zu wenigen Eishallen streiten sich Eishockey und Eiskunstlauf mit den Kommunen oder privaten Betreibern, die am liebsten Publikumslauf veranstalten lassen, weil das mehr Geld bringt.

Auch Savchenko und Massot stehen nur bedingt für eine Renaissance des deutschen Eiskunstlaufs. Sie ist in der Ukraine geboren, der Franzose Massot musste sich für 30.000 Euro vom französischen Verband loskaufen und besitzt erst seit drei Monaten die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit 2014 trainiert er mit Savchenko in Chemnitz.

Einbürgerungen sind im Jahr 2018 mehr Thema denn je, vor allem abseits des Sports. Es ist also ein modernes deutsches Paar, das da nun bei den Winterspielen Gold geholt hat – als erstes deutsches Paar seit Ria und Paul Falk im Jahr 1952 in Oslo. In der DDR gab es dann Romy Kermer und Rolf Oesterreich, sie gewannen 1976 in Innsbruck die Silbermedaille.

Aljona Savchenko beginnt im Alter von drei Jahren mit dem Eislaufen, unter der Anleitung ihres Vater auf einem zugefrorenen See. Mit vier Jahren will sie einem Verein beitreten und wird wieder weggeschickt. Es heißt, sie sei zu klein und habe nicht die Statur einer Eiskunstläuferin. Doch sie kommt wieder und wird schließlich angenommen. Dieser Kampf um Akzeptanz, er spornt sie früh an. Mit 16 Jahren wird Aljona Savchenko an der Seite ihres ukrainischen Partners Juniorenweltmeister. Doch sie will mehr und sucht international nach Partnern, das ist nicht unüblich im Eiskunstlauf. Wer sehr gut ist, kann schnell auch den Pass wechseln, wird quasi im nationalen Interesse eingemeindet, denn jeder Staat will olympische Medaillen. So kommt die Ukrainerin nach Deutschland, im Alter von 19 Jahren. Sie trainiert fortan mit Szolkowy unter dem renommieren, aber wegen seiner Stasivergangenheit umstrittenen Trainer Ingo Steuer. Aljona Savchenko interessiert sich nicht dafür, sie stellt den Erfolg über alles. Und wird dafür 15 Jahre später mit olympischem Gold belohnt.

Über den Moment, der die Menschen an diesem 15. Februar 2018 von den Sitzen reißt, sagt Aljona Savchenko: „Das war der Moment meines Lebens.“ Die Bilder sind für die Ewigkeit eingefangen und wenn Savchenko bald aufhört mit dem Sport, dann kann der Moment auch nicht verwischen. Es ist diese Kraft, mit einem guten Moment alles davor Gewesene zu ändern. Das ist Aljona Savchenko gelungen.