Die Menschen fahren Taxi, haben Angst vor der Metro

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Paris nach den Terror-Anschlägen : Ein Leben zwischen Trotz und Trauer
Gemeinsame Trauer: Vor dem Restaurant La Carillon im 10. Arrondissement, einem der Tatorte in Paris, versammelten sich nach den Attentaten viele Menschen.
Gemeinsame Trauer: Vor dem Restaurant La Carillon im 10. Arrondissement, einem der Tatorte in Paris, versammelten sich nach den...Foto: Benoit Tessier/Reuters

Während andere Städte ihre Sehenswürdigkeiten in den Farben der französischen Flagge anstrahlen, bleibt der Eiffelturm – normalerweise leuchtet er jede Stunde auf – dunkel. Und unbegehbar. Auch die Kathedrale von Notre-Dame ließ am Sonntag aus Sicherheitsgründen keine Touristen zur Besichtigung hinein. Wer wollte, konnte jedoch an einem der fünf Gottesdienste teilnehmen. Die waren besucht wie immer, sagt eine Sprecherin. „Die Leute brauchen jetzt Trost.“

Schulen und Universitäten sollen am heutigen Montag wieder öffnen. Auch Unternehmen arbeiten zwar weiter, legen aber wie überall in Europa um 12 Uhr eine Schweigeminute ein. Eine renommierte Pariser Anwaltskanzlei erlaubt allen Mitarbeitern, die nicht im Zentrum wohnen, diese Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Dienstreisen finden auch nicht statt. Bei einer großen Autoversicherung überlegen sie, den Angestellten Taxis zu bezahlen, damit niemand mehr Metro fahren muss. Eine Strategie gegen die Angst: Das führende Taxiunternehmen der Stadt, G7, hat weit mehr Aufträge als gewöhnlich. Viele weichen so der U-Bahn aus.

Nur einen kurzen Spaziergang von der Rue du Chemin Vert entfernt liegt der Club Bataclan, in dem die Terroristen ihr Massaker verübten und rund 90 Menschen töteten. Valérie Robert, 47, wohnt in Sichtweite zu dem alten, 1862 erbauten Theater. Während sie erzählt, zupft sie an ihrem dünnen rot-weiß gestreiften Pullover, wickelt eine ihrer kurzen Locken um den Finger. Die Linguistin und Germanistin an der Universität von Sorbonne hörte am Freitag von ihrer Wohnung aus die Detonationen und Schüsse. „Als ich realisierte, was da abgeht, versuchte ich meine Studenten zu erreichen“, sagt die Dozentin. Sie weiß genau, wie es ist, wenn man in dieser Stadt 25 Jahre alt ist und studiert. Dann startet man nämlich beispielsweise ins Wochenende mit einer Kneipentour im 10. und 11. Arrondissement. Danach geht man in ein Konzert. Später noch essen. Vielleicht tanzen.

In Paris kann man dabei im Jahr 2015 getötet werden.

"Ich brauche Wärme"

Nach der Horrornacht, in der Valérie Robert jedes Mal erleichtert durchatmete, wenn sie wieder ein Lebenszeichen von einem ihrer Liebsten und Bekannten bekam, zog sie für den Rest des Wochenendes zu ihrem Freund Pierre Brunet und seinen beiden Kindern Octave und Madeleine. „Ich brauche ein bisschen Wärme“, sagt sie an der Wohnungstür im fünften Stock. Sie lädt ein in die Stube, die ihr so viel Halt in diesen schwierigen Tagen gibt.

Im Wohnzimmer ist es wohltemperiert, die Patchworkfamilie sitzt am gedeckten Tisch. Edles Porzellan. Es riecht nach Käse, Nüssen und feinem Salatdressing. Eine Flasche Rotwein, Jahrgang 1999, schon fast leer. Im Regal stehen Bücher mit großen Titeln: „Grundlagen der Ethik“ oder „Recht und Revolution“. „Wir sind eine typische Bobo-Familie“, sagt Pierre Brunet, 46, Jurist. Bobo ist eine Wortkreation aus „Bourgeois“ und „Bohémien“. Er sagt: „Uns geht es gut in diesem Viertel.“ Dann lässt er sich aufs Sofa fallen, grübelt kurz, analysiert. „Die Terroristen haben gezielt gehandelt. Diese Attentate können nicht aus dem Ausland gelenkt sein.“ Pierre Brunet behauptet: „Die Strippenzieher dieser Verbrechen sind Europäer wie wir.“

Terror in Paris - Solidarität in der ganzen Welt
Gedenkminute vor der französischen Botschaft in Rom. Überall in der Welt gedachten heute Menschen der Opfer der Terroranschläge von Paris.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Foto: Andreas Solaro/AFP
16.11.2015 16:10Gedenkminute vor der französischen Botschaft in Rom. Überall in der Welt gedachten heute Menschen der Opfer der Terroranschläge...

Die 17-jährige Madeleine guckt ihren Vater irritiert an und unterbricht ihn durch Kichern. Sie kennt das schon, Papa doziert. Er ergänzt: „Syrische Pässe hin oder her, diese Attentate sind doch nicht in Raqqa geplant.“

Die wahllosen Schüsse in die Menge der Restaurantterrassen und Konzerthallen in der östlichen Innenstadt von Paris zielten präzise auf einen bestimmten Teil der französischen Gesellschaft. Zwischen dem Gare du Nord und der Bastille wohnen viele Wissenschaftler, Anwälte, Lehrer, Journalisten, junge Unternehmer, Studierende. Hier war es für die Terroristen leicht, so viele wie möglich von ihnen zu ermorden.

Der Professor wiederum, Pierre Brunet, drückt es in seiner Analyse hart aus: „Wir Bobos bleiben gern unter uns.“ Das sei den Menschen hier zum Verhängnis geworden.

Zur Zielscheibe geworden

Familien wie die Brunet-Roberts bilden in ihren schön renovierten Apartments, wo früher Afrikaner, Araber, arme Franzosen wohnten, das Rückgrat der Republik. Der Staat zählt auf diese Menschen und rekrutiert seinen Nachwuchs aus ihren Reihen. Die beiden aber sagen: „Wir schließen Menschen aus, deswegen sind wir zur Zielscheibe geworden.“ Und dann fällt ein Satz, den man seit Freitagabend sehr oft hört in Paris und den hier Pierre Brunet ausspricht: „Ich habe Angst, dass es gar nicht mehr aufhört.“

Damit wäre Paris kein Sehnsuchtsort mehr, sondern tatsächlich nur noch die Stadt der Angst. Und natürlich ist das auch die Sorge der Unternehmer, die von der Attraktivität der Metropole leben. Nicole Grunder, Chefin von „Stadtrundgang Paris“, hat darüber viel nachgedacht. Ihre Agentur richtet sich an deutschsprachige Besucher, und Grunder hat bereits Samstagfrüh alle Touren für die nächsten Tage per SMS und Mail abgesagt. Ohne Stornierungskosten.

„Es kam mir unangemessen vor, Leuten fröhlich Paris zu zeigen“, sagt Grunder. Sie habe aber auch niemanden gefunden, der ihre Gäste, allein am Samstag sechs Gruppen, durch die Stadt geführt hätte. Ihre Guides wollen weder das Haus verlassen noch in die Metro steigen. „Das kann ich gut verstehen.“ Gestern sei sie ebenfalls den ganzen Tag daheim geblieben. „Aber jetzt will ich spüren, welche Energie die Stadt gerade hat.“ Deshalb wolle sie nun gleich losstiefeln, eine Reisegruppe will trotz allem die Innenstadt sehen: den geschlossenen Louvre, die Seine.

Es scheint die Sonne in Paris.

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