Helfer haben Angst

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Proteste in Berlin : Marzahn macht mobil - gegen Asylbewerber

Auch Stephan Jung kennt die Klagen der Anwohner. Er wohnt nicht weit vom Flüchtlingsheim in der Hellersdorfer Carola-Neher-Straße. Als dort im vergangenen August gegen das Heim protestiert wurde, gründete er mit anderen den Verein „Hellersdorf hilft“, er wollte die Flüchtlinge willkommen heißen. In diesem August hat der Verein dann die bunt dekorierte Begegnungsstätte Laloka am verwahrlosten Kastanienboulevard eingerichtet, einem Ort, an dem sich Anwohner mit den Flüchtlingen aus dem benachbarten Asylbewerberheim treffen können.

Viele Anwohner haben Angst - vor Kriminalität zum Beispiel, obwohl die Polizei sagt: Ein Anstieg der Kriminalität in der Nähe von Flüchtlingsheimen ist nicht zu registrieren.
Viele Anwohner haben Angst - vor Kriminalität zum Beispiel, obwohl die Polizei sagt: Ein Anstieg der Kriminalität in der Nähe von...Foto: dpa

An diesem Donnerstagnachmittag ist das Lokal geschlossen, wie oft in den vergangenen Tagen. Die Leute von „Hellersdorf hilft“ haben gerade kaum Zeit für die Flüchtlinge. Sie sind vor allem damit beschäftigt, den Protesten gegen das Asylbewerberheim in Marzahn entgegenzutreten. „Hellersdorf hilft“ hat an den vergangenen beiden Montagen gegen die rechtsradikal unterwanderten Demos in Marzahn protestiert. Sie haben auch zu der Gegendemo an diesem Samstag aufgerufen. „Der Protest gegen die Rechten hat gerade absolute Priorität“, sagt Jung.

Wenn er nicht bei den Demos ist, spricht er in Marzahn von seinen Erfahrungen in Hellersdorf. Er möchte die Menschen für die Situation der Flüchtlinge sensibilisieren, er will, dass die Anwohner verstehen, dass man die Asylbewerber willkommen heißen muss – gerade wenn sie in ungemütlichen Containern untergebracht werden. Kürzlich hat er versucht, mit zwei jungen Frauen zu reden, die gegen das Heim demonstrierten. „Sie konnten nicht verstehen, wieso ich mich für Geflüchtete einsetze“, erzählt er enttäuscht. „Sie wiederholten immer wieder, dass der deutsche Staat kein Geld für Ausländer ausgeben sollte, sondern nur für Deutsche.“ Er habe keine Chance gehabt, die Frauen mit Argumenten zu erreichen.

Viele wollen helfen -
haben aber Angst vor den Rechten

Ein paar Sportvereine aus Marzahn haben sich immerhin schon bei „Hellersdorf hilft“ gemeldet, sie wollten wissen, wie sie die Flüchtlinge unterstützen können. „Leider zögern sie aber, sich offen für die Flüchtlinge zu positionieren. Sie haben Angst vor den Rechten im Bezirk.“ Auf Videos von den Protesten an den vergangenen Montagen sind grölende glatzköpfige Männer zu sehen. Auch wenige Frauen sind dabei. Sie alle rufen: „Unsere Straße und unser Land, maximaler Widerstand.“ Ein Redner brüllt durch die Lautsprecher, hier und in Buch seien Bürger für ihr Recht auf der Straße, „ihre Heimat frei von Asylanten zu haben“. Einer hält einen Schal über seinen Kopf, darauf das Signum der Neonazi-Hooligan-Band „Kategorie C“. Stephan Jung sagt, er habe Hooligans erkannt und das Rudolf- Heß-Lied gehört.

Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist bekannt als Hochburg der Rechten. Bei der vergangenen Bundestagswahl erzielte die NPD im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf 3,9 Prozent der Stimmen, ihr bestes Ergebnis in ganz Berlin und fast eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Im Wahlbezirk 617, in dem das Hellersdorfer Asylbewerberheim liegt und wo die Partei noch am Wahltag protestierte, erhielt die NPD sogar 11,9 Prozent der Erststimmen und 10,4 Prozent der Zweitstimmen. Das ist der Bodensatz, der bei den Protesten gegen Flüchtlingsheime mitläuft, oder wie Carl Chung vom Mobilen Beratungsteam es nennt: Menschen mit Affinität zur rechten Szene. „Jetzt“, sagt er, „geht die Szene zur Mobilisierung über.“

In Marzahn werden heute nicht nur tausend Rechte erwartet, sondern noch mehr Linke, aber auch bürgerliche Gegner der Rechten. Insgesamt sind neun Gegendemonstrationen angemeldet, die meisten von demokratischen Parteien. An einer nimmt Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) teil. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagt: „Am Samstag wird Berlin Haltung zeigen und sich den dumpfen Hassparolen und der plumpen Stimmungsmache des rechtsextremen Mobs friedlich, aber beherzt entgegenstellen.“

Auch Stephan Jung sagt: „Es ist falsch, dass gerade der Eindruck erweckt wird, bei der Demo am Samstag protestierten Linksradikale gegen Rechtsradikale. Wir repräsentieren die Zivilgesellschaft.“ Doch die Angst der Anwohner kann er nicht so leicht zerstreuen. Eine alte Dame, die am Donnerstagnachmittag ihren Vorgarten in Marzahn winterfest macht, nur 50 Meter von dem künftigen Standort der Container, sagt: „Die Ausländerpolitik dieser Stadt schürt doch Rassismus. Wenn die Asylanten in diesen Containerdörfern unter uns leben, werden sie sich niemals integrieren können.“

Das Problem ist kein Marzahner Problem

Carl Chung vom Mobilen Beratungsteam sieht noch eine ganz andere Gefahr. Dass die Rechtsextremen zu Protesten mobilisieren, dass es Gegendemonstrationen gibt – aber zwischen diesen Fronten die betroffenen Anwohner gar nicht mehr gehört werden. Dass sie sich nicht vertreten fühlen, nicht einmal von den Demokraten. Dass sie schweigen. Und sich ein Bild von Marzahn festsetzt, wie die Rechten es gerne hätten.

Dabei ist all dies, wie gesagt, nicht mal ausschließlich ein Marzahner Problem. Im Allendeviertel, wo Köpenick sich kurz vor dem Müggelsee noch einmal zu einem Plattenbauviertel auftürmt, sind Asylbewerber in einem früheren Seniorenheim in der Salvador-Allende-Straße in der Nachbarschaft überwiegend freundlich aufgenommen worden. Aber jetzt wird im neueren Teil des Viertels, kurz hinter der Endhaltestelle des letzten Busses vor dem Wald, ein ganzes Containerdorf gebaut. „Ganz mies“ sei die Stimmung, berichtet eine ältere Frau, die 1982 mit den ersten Bewohnern hier eingezogen ist. „Jeden Tag stehen die Leute fassungslos vor dem Grundstück und schauen zu, wie die Bäume gefällt werden. Sonst wird um jeden Baum wochenlang diskutiert, aber hier machen die Baumaschinen sofort alles platt.“

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Das direkte Nachbargrundstück ist ein Kindergarten, ein paar Schritte weiter steht eine von zwei Schulen aus den 1980ern komplett leer. Die Leute hätten gern gewusst, warum man nicht lieber die umbaut. Oder eines der vielen anderen Gebäude von Land und Bezirk, die in der Umgebung seit Jahren vor sich hin gammeln. Aber sie erfahren es frühestens am 1. Dezember, wenn die erste Bürgerversammlung ansteht. Neun Tage später soll eine weitere folgen. „Die wollen die Leute vor vollendete Tatsachen stellen“, sagt eine Frau, die hinzugekommen ist. „Unter Demokratie stellt man sich eigentlich was anderes vor – gerade als Ostdeutscher.“

Die Freundlichkeit, die sich – maßgeblich organisiert übrigens vom früheren Chef der DDR-Jugendorganisation FDJ – den Bewohnern des ersten Heims gegenüber gezeigt habe, werde es hier garantiert nicht geben, sagen die Leute am Zaun. Gerade hatten sie wieder einen Zettel mit einem Demo-Aufruf im Briefkasten: „Handeln statt Klagen, Nein zum Asylcontainerdorf im Allendeviertel“, stand darauf.

Ein weiterer Rentner, Wissenschaftler im Ruhestand und weit gereist, kommt hinzu. Er würde jederzeit gegen das Containerdorf demonstrieren, sagt er – aber selbstverständlich werde er es nicht wirklich tun. „Weil ich dann zwischen den NPD-Leuten stehen würde.“ Vielleicht beschreibt das die Katastrophe am besten: dass die Nazis und die ganz normalen Bürger sich plötzlich einig sind. Die Dumpfbacken und die Gescheiten. „400 Leute mit all diesen Schicksalen sind auch einfach zu viel“, sagt die Frau am Zaun. „Was hier passiert, ist nicht nur unüberlegt, das ist ein Skandal.“