"Der Zahlmeister der SS": Oskar Grönings Kriegs-Karriere

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Prozess gegen Oskar Gröning : Der "Buchhalter von Auschwitz" sagt aus
Die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi und ihre Enkelin Luca Hartai im Gerichtssaal in Lüneburg.
Die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi und ihre Enkelin Luca Hartai im Gerichtssaal in Lüneburg.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Oskar Gröning ist nur wenig älter als Eva Pusztai. Er wird 1921 im niedersächsischen Nienburg geboren, in seiner Familie denkt man deutschnational. Zur NS-Ideologie war der Weg von dort aus nicht weit. Er selbst sei „adolftreu“ gewesen, sagt er vor Gericht. Schon 1933 tritt Oskar in die Hitler-Jugend und in die Jugendorganisation des „Stahlhelm“ ein. Nach der Schule beginnt der Musterschüler eine Lehre bei der Sparkasse in seiner Heimatstadt. Bereits mit 18 Jahren wird er Mitglied der NSDAP, ein Jahr später meldet er sich zur Waffen-SS. Er will Karriere in der SS-Verwaltung machen, bei der Musterung sagt er, er wolle „Zahlmeister der Waffen-SS“ werden. Doch im Herbst 1942 wird Oskar Gröning für eine „kriegswichtige Sonderaufgabe“ abkommandiert. Mehr erfährt er erst einmal nicht. Der Zug fährt nach Auschwitz. Am ersten Abend berichten ihm die anderen SS-Männer bei ihrem Wodka-Gelage, dass in diesem Lager arbeitsunfähige Juden „entsorgt“ würden.

Er ist für Devisen zuständig und wird bald befördert

Weil Oskar Gröning sich mit Zahlen auskennt, wird er in der „Häftlingsgeldverwaltung“ eingesetzt. Er ist nun für Devisen zuständig und wird bald befördert. Zwei lange Jahre ist er in Auschwitz, zwischendurch heiratet er die Verlobte seines in Stalingrad gefallenen Bruders und wird Vater. Am Ende ist er SS-Unterscharführer.

Schon im Jahr seiner Ankunft in Auschwitz beobachtet er zufällig, wie in einem umgebauten Bauernhaus Menschen vergast werden. Die Schreie der Opfer bleiben ihm in Erinnerung. Später sieht er sich an, wie die Gaskammern funktionieren, sieht zu, wie Menschen darin ermordet werden, „aus Neugier“, wie der Staatsanwalt sagt.

Vor Gericht schildert Gröning auch seinen ersten Tag auf der Rampe von Auschwitz. Ein Baby, von der Mutter beim Gepäck zurückgelassen, schreit und schreit. Ein SS-Mann packt das Kind und schleudert es gegen einen Lkw, bis das Schreien aufhört. „Mein Herz blieb stehen, ich war erschüttert.“ Er habe darüber mit seinem Vorgesetzten gesprochen. „Wenn das hier immer so ist, will ich damit nichts zu tun haben.“

Das Morden in den Gaskammern dagegen beschrieb er einmal in einem Interview als „Mittel der Kriegführung“. Das wiederholt er nun vor Gericht nicht mehr.

In seiner Aussage stellt Gröning immer wieder seine Bitten um einen Arbeitsplatzwechsel heraus. „Es kam zu Szenen, die mich so bedrückt haben, dass ich meine Versetzung beantragt habe.“ Er habe nicht an der Tötung der Menschen beteiligen wollen, betont er auch.

Im Herbst 1944 wird er versetzt und kommt an die Front

Im Herbst 1944 wird sich der SS-Unterscharführer tatsächlich versetzt und kommt später an die Front. Fast drei Jahre verbringt er in britischer Kriegsgefangenschaft, kehrt dann in seine Heimatstadt zurück und wird Buchhalter in einer Glasfabrik. Wieder zählt er Geld, diesmal den Lohn der Arbeiter. Er macht bald Karriere in der Fabrik , wird am Ende Personalchef. Am Arbeitsgericht Nienburg ist der ehemalige SS-Mann sogar 12 Jahre lang als ehrenamtlicher Richter tätig.

„Meine Erfahrungen mit der Nazi-Zeit haben mich mein ganzes Leben lang beschäftigt“, sagt Gröning vor Gericht. Mit seiner Vergangenheit setzt er sich öffentlich auseinander, als er über einen Briefmarkenhändler Kontakt zu Holocaust-Leugnern erhält. Er beteuert, dass er selbst in Auschwitz war und alles gesehen habe. Für seine beiden Söhne schreibt er seine Lebensgeschichte auf, will erklären, wie er an diesen Ort gelangen konnte. Was er dort getan hat und was nicht.

Ist auch der, der nur Geld zählt und zusieht, ein Täter? Kann man in Auschwitz gewesen sein und sich nicht mitschuldig gemacht haben am Massenmord? Wie lebt man jahrzehntelang mit dieser Geschichte, mit diesen Bildern? Auch um diese Fragen wird es in den kommenden drei Monaten vor Gericht gehen.

 Dass Gröning ins Gefängnis kommt mit seinen 93 Jahren, glaubt Nebenklägerin Eva Pusztai nicht. Aber um die Strafe geht es ihr auch nicht. Ihr ist wichtig, dass die deutsche Justiz Grönings Taten klar verurteilt. Der Prozess komme sehr spät, sagt sie, aber noch nicht zu spät. Sie hofft auf Einsicht beim Angeklagten. „Aber wenn er nicht zur Einsicht kommt, wenn er sagt, ich habe nur meine Pflicht getan und bin nur da gestanden, dann werden wir, die Überlebenden, doch darüber reden, wie es war.“ In der kommenden Woche wird die 89-Jährige selbst  als Zeugin aussagen.

Und wenn sie dem Angeklagten eine Frage stellen dürfte, nur eine einzige?

„Ein Mensch, wenn er sich einen Menschen nennen will, wie hat er es dort ausgehalten? Wie konnte er dort stehen und zuschauen, als meine Familie in die Gaskammern marschiert ist?“

Darüber spricht Gröning am ersten Prozesstag nicht. „Es steht außer Frage, dass ich mich durch meine Tätigkeit moralisch mitschuldig gemacht habe“, sagt er. „Zu dieser moralischen Mitschuld bekenne ich mich mit Reue und Demut vor den Opfern.“ Diese letzten beiden Sätze seiner Aussage liest er vom Blatt.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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