Der umgebaute Nissan hat mehr als 700 PS

Seite 2 von 3
Prozess um illegales Autorennen in Berlin : Warum Raser die Schuld bei anderen suchen
Immer wieder sterben in deutschen Innenstädten Unbeteiligte bei illegalen Autorennen. In Köln hat die Polizei nach tödlichen Autorennen eine eigene Soko gegründet.
Immer wieder sterben in deutschen Innenstädten Unbeteiligte bei illegalen Autorennen.Fto: dpa/Talasch

Am Abend des Unfalls war Hamdi H. in seinem Audi zunächst mit einem Bekannten unterwegs. Weil dieser am nächsten Morgen arbeiten musste, setzte H. ihn zu Hause ab, fuhr allein weiter. Am Adenauerplatz hielt er vor einer Ampel, ausgerechnet neben dem Mercedes von Marvin N.. Die beiden hatten eine Woche zuvor im Diamonds am Kurfürstendamm miteinander geplaudert. Die Shisha-Bar gilt als beliebter Treffpunkt für junge Männer, die schnelle Autos fahren.

Das Rennen, das folgte, war offenbar nicht abgesprochen. Doch beiden Fahrern war klar: Ich gebe nicht auf, bevor der andere nachgibt.

Solange niemand verletzt wird, werden illegale Autorennen in Deutschland nur als Ordnungswidrigkeit gewertet und mit 400 Euro Bußgeld sowie einem Monat Fahrverbot belegt. Eine Bundesratsinitiative will das Gesetz verschärfen: Schon die bloße Teilnahme an illegalen Rennen soll künftig eine Straftat darstellen. Es drohen dann bis zu zwei Jahre Haft.

Ein Großteil der Raser stammt aus der sogenannten Tuningszene - einem losen Zusammenschluss sportwagenfahrender Technikfreaks, die ihre Autos durch Umbauten schneller machen oder eindrucksvoller wirken lassen wollen. Mitglieder dieser Szene beschweren sich, sie würden systematisch von der Polizei schikaniert und in den Medien schlecht dargestellt. Die meisten scheuen die Öffentlichkeit. Florian Kerber zum Beispiel. Er ist zum Gespräch bereit, aber nur per Facebook-Chat, und sein echter Name soll nicht in der Zeitung stehen.

Auf seinem Youtube-Kanal sieht man, wie ein Nissan GTR R35 durch Berlins Straßen rast. Über die Stadtautobahn, aber auch in der Nähe vom Alexanderplatz. Wie er immer wieder abrupt beschleunigt, über Zebrastreifen heizt, an Ampeln Gas gibt, Autos überholt. Es sind auch Rennen zu sehen, zum Beispiel gegen einen Audi R8. Würde die Polizei den Kanal sichten, sie fände genug Gründe für ein Fahrverbot. Würde.

Er nennt seinen Wagen „Weißer Godzilla“

Der Nissan aus den Videos ist stark umgebaut, hat mehr als 700 PS. Florian Kerber nennt ihn „Weißen Godzilla“. Im Chat behauptet er, der Nissan gehöre gar nicht ihm, sondern seinem besten Freund. Der sitze bei den Fahrten immer am Steuer, er selbst drehe die Videos.

Florian Kerber sagt, wie viele andere sei er durch „The Fast and the Furious“ zum Rasen gekommen. Die Schnellen und die Wilden. Der Hollywoodfilm erzählt die Abenteuer eines Ermittlers, der sich in der amerikanischen Tuningszene einschleust und an illegalen Rennen teilnimmt. Kerber hat „The Fast and the Furious“ mit zwölf gesehen, er sagt, da fing es an. Die aufgemotzten Sportwagen hätten ihn fasziniert - und auch „die Art, wie Leute sich dort versammeln und brüderlich miteinander Spaß haben“. Das wollte er auch.

Stimmen Sie ab! Der Tagesspiegel kooperiert mit dem Umfrageinstitut Civey. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Mehr Informationen hier.

Auf seinem ersten Tuningtreff durfte er in einem fremden Wagen mitfahren. „Ich war überwältigt davon, wie die Gas geben können.“ Seine Euphorie erklärt er so: „Durch die enorme Beschleunigung kannst du kaum atmen, und es kommt einem so vor, als würde alles in Zeitlupe ablaufen - weil das Gehirn bei der Beschleunigung nicht hinterherkommt.“ Kerber sagt, er kriege dann das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Ein Kerzenmeer für Paul Walker

Diesen April läuft der achte Teil von „The Fast and the Furious“ in den Kinos an. Hauptdarsteller Paul Walker ist nicht mehr dabei. Er starb - im echten Leben - vor drei Jahren im Porsche Carrera eines Freundes auf dem Beifahrersitz. Das Auto raste mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Laternenmast und ging in Flammen auf. Seitdem ist die Verehrung in der Szene noch größer geworden, in Berlin gab es Gedenkfahrten und Hupkonzerte, an einer Tankstelle in Mahlsdorf entzündeten Fans zu Walkers Ehren ein Kerzenmeer. Am ersten Todestag war Florian Kerber auf einer Gedenkveranstaltung an der Nonnendammallee, es gibt ein Video davon. Vor dem Schnellimbiss stellte er sich neben den mitgebrachten Lautsprecher und las eine Trauerrede vom Zettel ab. Durch Paul Walker, sagte er, seien seine Freunde und er „zu dem geworden, was die Tuningszene hier in Berlin heute ist“. Danach schalteten auf dem Parkplatz alle ihre Warnblinkanlagen an. Trauerminute.

Im Chat sagt Kerber, er habe mit Typen wie Hamdi H. kein Mitleid, er hoffe auf ein hartes Urteil. Das klingt vernünftig, bis Kerber seine Begründung nachschiebt. Er sagt nicht: Der Täter verdiene Strafe, weil er ein illegales Rennen fuhr. Er sagt: Hamdi H. verdiene Strafe, weil er offensichtlich ein schlechter Fahrer sei. „Wenn man sein Auto nicht unter Kontrolle hat, sollte man das schnelle Fahren sein lassen.“

Bächli-Biétry, die Verkehrspsychologin, kennt dieses Erklärungsmuster. Es sei geradezu notwendig, um das Konstrukt der Selbstüberhöhung aufrechterhalten zu können. In der Vergangenheit habe sie bereits mit Rasern gesprochen, die an Rennen teilgenommen hatten, bei denen ihr Konkurrent einen tödlichen Unfall verschuldete. „Die haben ebenfalls gefordert, ihre Mitraser hart zu bestrafen. Den eigenen Anteil blendeten sie aus.“ Aus dieser verqueren Logik heraus sei es auch verständlich, dass sich die Raserszene empöre, in der Öffentlichkeit mit Unfallfahrern in einen Topf geworfen zu werden. „Sie glauben, dass ihnen selbst so etwas nie passieren könnte.“

254 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben