Die Tuner-Szene fühlt sich verfolgt

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Prozess um illegales Autorennen in Berlin : Warum Raser die Schuld bei anderen suchen
Sascha Hartmann hat 25.000 Euro in seinen Honda CR-X gesteckt. Zu viel, um ein Rennen zu riskieren - der 29-Jährige aus Hohenschönhausen sieht die eigene Szene kritisch.
Sascha Hartmann hat 25.000 Euro in seinen Honda CR-X gesteckt. Zu viel, um ein Rennen zu riskieren - der 29-Jährige aus...Sebastian Leber

In Köln, wo bei Autorennen innerhalb kurzer Zeit drei Menschen starben, wurde die „Soko Rennen“ gegründet. Sie verfolgt eine Null-Toleranz-Strategie. Zivilbeamte patrouillieren an Tuner-Treffpunkten, messen mit Hilfe einer Smartphone-App die Lautstärke des Auspuffs. Bei zu hoher Dezibelzahl wird das Auto abgeschleppt. In der Werkstatt können Spezialisten in Ruhe nach weiteren illegalen Umbauten suchen. Meistens werden sie fündig.

Auch die Berliner Polizei hat ihre Kontrollen verstärkt. Als die Tuner im Oktober Saisonabschluss im Tiergarten feierten, verengte die Polizei die Straße des 17. Juni auf eine Spur und winkte auffällige Sportwagen heraus. Elf Fahrzeuge wurden stillgelegt und abgeschleppt. Die Veranstalter sagen, die Polizei solle sich, statt den Tunern ihr Hobby kaputt zu machen, lieber um die Flüchtlinge kümmern. Außerdem kündigten sie an, sich „nicht mehr als Melkkühe missbrauchen“ zu lassen. 2017 werde „sich einiges ändern“. Ort und Zeitpunkt von Treffen sollen nur noch über eine App bekannt gegeben werden. Die Zugangsdaten für diese App sollen bloß „bestimmte Leute mit Loyalität“ erhalten. Im April ist Saisonstart.

Einer, der die eigene Szene kritisch sieht, ist Sascha Hartmann, 29, Tuner aus Hohenschönhausen. Er wohnt bei seinen Eltern in einem Einfamilienhaus in der Nähe des Linden-Centers unterm Dach. Sein Honda CR-X steht in der Einfahrt unterm Carport. Er sagt, die Szene sei selbst schuld an ihrem Ruf. Weil es ihr nicht gelinge, schwarze Schafe aus den eigenen Reihen zu entfernen.

Umbauten für 25 000 Euro

Drei Jahre hat Hartmann mit Freunden an seinem Wagen geschweißt und geschraubt, 25 000 Euro investiert. Vorn hat er die Stoßstange, Scheinwerfer sowie Teile der Motorhaube und des Kotflügels gegen die eines VW Scirocco ausgetauscht. Hinten sind Rückleuchten der S-Klasse dran, der Heckspoiler gehört einem Audi TT RS. Viel zu viel Aufwand, sagt Hartmann, um damit ein Rennen zu riskieren. Außerdem hat der Wagen bloß 135 PS, damit würde er sofort abgehängt. Sein Vater steht neben ihm in der Einfahrt. Er sagt, er verstehe zwar nichts von der Materie, aber er sei sehr froh, dass sein Sohn mehr Wert auf Optik als auf Leistung lege. „Als Elternteil muss man da ein stückweit vertrauen.“

Sascha Hartmann sagt, die Szene habe sich in den zehn Jahren, in denen er dabei ist, verändert. Die Risikofreude habe stark zugenommen. „Früher wussten die Leute, wann genug ist.“ Hartmann sieht zwei Gründe für den Wandel. Erstens bauten die Hersteller Autos, bei denen man Beschleunigung immer weniger spüre. Der Motor röhre kaum noch auf, der Fahrer werde beim Gasgeben nur minimal in den Sitz gedrückt. Für den normalen Fahrer sei das auch sinnvoll, sagt Sascha Hartmann. Der solle sich schließlich komfortabel und sicher fühlen. Dem Raser fehle aber das Zeichen, dass es jetzt gefährlich werde.

Zweitens sei da die allgemeine Verrohung, die Rücksichtslosigkeit, die Abstumpfung in der Gesellschaft. Diese Tendenz finde man natürlich auch in allen anderen Lebensbereichen, Autofans seien davor nicht weniger gefeit als Basketballer oder Briefmarkensammler. „Überall gibt es unsoziale Idioten.“ Doch auf der Straße habe die Rücksichtslosigkeit leicht tödliche Konsequenzen.

Brachflächen für Rennen freigeben?

Harte Strafen findet er richtig. Auch um den Ruf derer zu retten, die sich an Regeln halten wollen. Gleichzeitig, sagt Hartmann, solle man den Rasern aber Möglichkeiten schaffen, sich auf legalem Weg auszutoben - und auf abgesicherten Freiflächen gegen eine kleine Gebühr Rennen zu fahren. Damit könnten die ihre Lust ausleben, ohne andere zu gefährden. Vielleicht hätte man so sogar das Rennen von Hamdi H. durch die City West verhindern können. In Brandenburg, sagt er, gebe es genügend Brachen, die sich für Viertelmeilenrennen eigneten. Ganz wie im ersten Teil von „The Fast and the Furious“. Vor allem aber ohne Tote.

Am Montag treten Hamdi H. und Marvin N. wieder vor den Richter. Dann soll das Urteil verkündet werden. Der Mordvorwurf der Staatsanwaltschaft wird sich kaum halten lassen. Auch deshalb, weil das Gutachten jeden Tötungsvorsatz ausschließt. Hamdi H. war schließlich überzeugt, ein guter Fahrer wie er könne gar niemandem schaden.

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