Shakespeares Bühne : Ein Globe-Theater für Berlin

Seit 20 Jahren träumt Christian Leonard von einem Globe-Theater für Berlin, wie Shakespeare es gemeint hat. Nun könnte es im Mierendorffkiez Realität werden.

Seine alte Company hat Christian Leonard verloren – die neue Truppe spielt sich schon warm.
Seine alte Company hat Christian Leonard verloren – die neue Truppe spielt sich schon warm.Foto: Thilo Rückeis

Undenkbar, ich wäre Filmstar in Amerika geworden! Für Augenblicke steht ein kleines Entsetzen in Christian Leonards offenem Gesicht, es wird zur Sekunden-Maske, dann fasst er sich und fährt fort: „Ich hatte den Vertrag schon unterschrieben, 17 Seiten lang. Für einen fiesen deutschen Agenten in Jerry Bruckheimers Hollywood-Serie ,Soldier of Fortune‘.“ Das war 1997. Nun können sich viele Menschen schlimmere Laufbahnen vorstellen, als in Hollywood zu enden, aber Leonard sagt: Dann hätte ich alles, was danach kam, nicht erlebt.

Alles, was danach kam? Seit nunmehr 20 Jahren wacht der einstige Schurkendarsteller des deutschen Kinos mit dem Gedanken auf: ein Globe-Theater für Berlin! Und so geht er wieder schlafen. 20 Jahre. Das Globe war Shakespeares Theater in London. Die anderen drum herum hießen The Swan, The Rose, The Fortune oder The Hope, aber Shakespeare hielt sich bei solchen Weltinneneinrichtungs-Details nicht auf: Globe. Die Welt also. Welttheater.

Das will Leonard auch. Manchmal schien das Theater schon zum Greifen nah, etwa, als die Architekten Schlaich und Bergermann eins ganz aus Glas für ihn und seine Shakespeare-Company entwarfen, für nur 7,2 Millionen Euro.

7, 2 Millionen Euro? Also rückte es wieder in eine eigensinnige Ferne, dann ein Stück vor. Und wieder zurück. Aber so greifbar wie jetzt war es noch nie. Und wie sagt der Meister in Shakespeares „Cymbeline“, 4. Akt, 3. Szene: Meet the time as it seeks us. Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht. Die Überzeugung, dass die Zeit ihn sucht, ihn, Christian Leonard, 57 Jahre alt, Absolvent des Wiener Max-Reinhardt-Seminars, Schauspieler an verschiedenen Fremdbühnen, bevor der Eigenbühnengedanke in ihm erwachte, Beinahe-US-Serienstar, hat ihn nie verlassen: Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält! I'll make a ghost of him that lets me! Hamlet, 1. Akt, 4. Szene. Dies ist das Porträt eines Langatmigen in kurzatmiger Zeit.

6.000 Zuschauer, 48 Vorstellungen

Die Charlottenburger Sömmeringstraße ist ein typisch großstädtisches Niemandsland. Hier ist nichts, würden die Puristen sagen. Wohnblocks, die große Straße, nebenan ein Sportplatz. Ein urbaner Transitraum, mehr nicht. Und plötzlich die Sonne im orangen Kreis: Globe Berlin. In Shakespeares Fall war das noch anders: rundherum Bordelle, Kneipen, Gefängnisse. Das Londoner Vergnügungsviertel eben, am linken Themseufer.

Es regnet, aber Leonard ist trotzdem mit dem Fahrrad gekommen. Er mag den Himmel über Berlin für seine Rücksicht, sich vorzugsweise an spielfreien Tagen zu öffnen. Und dies ist einer. Denn das Theater, das es noch gar nicht gibt, spielt schon. Man kann mit dem Anfangen nicht immer auf Immobilien warten. Welch Trübsinn dehnt Romeo die Zeit, fragt dessen Freund Benvolio. Romeo: Das zu vermissen, was sie verkürzen könnte. Also spielen! Das Haus kommt nach, vielleicht, ganz sicher.

Leonard steht etwas verloren inmitten des von Containern gerahmten Platzes, der bis eben ein Parkplatz war. Ein Container zum Kartenverkaufen, einer für die Garderobe, einer für die Technik. Aber da ist noch mehr, vor allem ist da ein Durchmesser, ein Durchmesser von 26 Metern. Shakespeares Globe hatte wohl 30 Meter. Minus 4 für die Demut. Hier, genau hier wird es stehen. Jetzt ist da ein Amphitheater-Provisorium mit roten Plastikschalensitzen, sechs Reihen hoch. Rund 6.000 Zuschauer haben seit Juni darin gesessen, in 48 Vorstellungen, Schauspiel, Wortkunst, Weltmusik.

Aber was überhaupt gehen Jetztzeitbewohner Londoner Theaterrundbauten aus dem frühen 17. Jahrhundert an, die nicht mal ein richtiges Dach hatten und leicht Feuer fingen? Alles, sagt Leonard. Diese Intimität von Schauspielern und Publikum, diese fulminante Abstandslosigkeit gab es danach in keinem Theater mehr. Energieübertragung: 100 Prozent. Vorausgesetzt, da ist eine Energie, die sich übertragen lässt, sagt Leonard vieldeutig, und sein Blick lässt keinen Zweifel, dass er sich als Fachmann für Hochspannungserzeugung und Kraftübertragungen ohne Reibungsverluste versteht.

Ein Fest aus Sprache und Musik

Es war kurz nach seiner Rückkehr aus Amerika, sein Bruckheimer-Vertrag war den Turbulenzen der deutsch-amerikanischen bilateralen Beziehungen zum Opfer gefallen. Die Hollywood-Sekte Scientology hatte sich Ende der Neunzigerjahre vorgenommen, Deutschland zu erobern, was auf empfindliche Gegenwehr der einheimischen Politik stieß, worauf Scientology befand, das sei ja schlimmer als bei den Nazis. Und Bruckheimer machte in letzter Minute vorsichtshalber aus dem deutschen Agenten einen britischen.

So saß der geschasste Serien-Agent beim Shakespearefestival in Neuss, sah eine kanadische Aufführung von „Was ihr wollt“ und wusste plötzlich wie zum allerersten Mal, was Theater ist: genau das. Ein Fest aus Sprache und Musik, aus Körperlichkeit und Tanz. Ein sirrender Energiebogen. Fast keine Kulissen, wie schon bei Shakespeare, aber Kostüme. Volkstheater.

Und Leonard dachte daran, wie er schon als Schüler am Kolleg St. Blasien Lord Stanley in „Richard III.“ spielte. Mit anderen eine Welt erschaffen! Er hat es nie vergessen. Seine Eltern hatten das Frankfurter Kind wegen tiefen Misstrauens in die deutsche Gesamtschule zu den Jesuiten in den Schwarzwald geschickt, wo es so sportliche Leistungen vollbrachte, wie das Große Latinum in nur drei Jahren abzulegen. Auch begann es zunehmend, in Pentametern zu denken.

Es gibt vielleicht 50 Geschichten, die uns alle bewegen, sagt Leonard, und Shakespeare hat sie gekannt. Der größte Irrtum ist wohl, ihn zur Hochkultur zu zählen. Ganz falsch, sagt Leonard. Im Globe-Theater blickten die Spieler unmittelbar vor der Bühne in die Gesichter der Groundlings, das waren die, die für ihre Stehplätze nur einen Penny bezahlten und äußerst leicht zu langweilen waren, was sich vorzugsweise dadurch äußerte, dass sie mit den Resten ihrer mitgebrachten Mahlzeit nach den Schauspielern warfen.

Der mangelnde Respekt der Regisseure vor den Stücken

Unvorstellbar, die Londoner Groundlings des frühen 17. Jahrhunderts hätten die „König Lear“-Inszenierung gesehen, mit der das Deutsche Theater kürzlich seine neue Spielzeit eröffnete. Natürlich, irgendwann stand auf dem zweiten Rang ein älterer Mann auf und rief auf die Bühne hinunter, dass er hier Shakespeare sehen wollte und nun alles Mögliche und Unmögliche erblicke, aber eines garantiert nicht: Shakespeare. Er war sehr gut zu hören, denn auf der Bühne war ohnehin nichts los, weshalb er auch ziemlich lange sprach. Leonard lächelt gut erzogen.

Er hat von diesem Nicht-„Lear“ gehört. Der mangelnde Respekt der Regisseure vor den Stücken war für ihn ein Hauptgrund gewesen, die öffentlich geförderten Stadttheater zu verlassen. Dass, wer einen richtigen Shakespeare sehen will, tendenziell zu ihm kommen muss, ist dem früheren Leiter der Berliner Shakespeare-Company schon lange klar.

So ein Stück atme doch, sagt er, das habe doch einen Rhythmus. Über einen vorsätzlich herbeigeführten mehrstündigen Atemstillstand, von den Heutigen vorzugsweise Dekonstruktion genannt, den Namen eines Shakespeare-Stücks zu setzen, hält er für im höchsten Maße unlauter. Für ihn entsteht ein Stück aus diesem Atem. Und um den möglichst genau zu erfassen, übersetzt er Shakespeare auch neu. Zwölf von 36 Dramen hat er schon geschafft.

Auch „Romeo und Julia“ ist seine eigene Übersetzung. Die verfeindeten Gangs der Montagues und Capulets in den Straßen von Verona haben es fürwahr nicht leicht: Die Sömmeringstraße lärmt von hinten und direkt nebenan auf dem Fußballplatz wird ein Tor geschossen. Von der obersten Reihe kann man das Spiel auf dem Rasen und das auf der Bühne parallel verfolgen. Mikroports? Aber Shakespeare hatte doch auch keine.

Das Theater stand vorher in Schwäbisch Hall

Verona schafft es auch so. Mit drei Gitarren brechen Romeo und seine Freunde in das Fest der Capulets ein. Leonards Übersetzung schärft Shakespeares Anzüglichkeiten und Obszönitäten: „Ist es denn schon zwölf?“, fragt eine ältere auskunftsbedürftige Frau, Julias Amme. Und Romeos Freund antwortet: „Kurz davor: Gerade steckt der lange Zeiger seinen kurzen in die Mittagsruh ...“ Leonards Übertragungen haben die knappe Präzision, die Reimsicherheit eines guten Raps und bewahren zugleich Shakespeares Poesie. Die Mischung ist großartig. Darum ist es ihm wohl auch gelungen, das Stück vor Jahren an einer Neuköllner Brennpunkt-Schule zu machen, mit Neunt- und Zehntklässlern aus zehn Nationen. Am Anfang gab es blutende Nasen, am Ende Tränen: Weil es vorbei war.

Auch hier lässt das Publikum sich vom starken, langen Atem des Stücks und seiner Spieler durch den schon empfindlich kalten Septemberabend tragen, und als der Sportplatz nebenan sein Flutlicht einschaltet, gegen das eigentlich kein Theaterscheinwerfer eine Chance hat, bemerkt das kaum einer noch.

An jedem Donnerstag wurde „Romeo und Julia“ auf Englisch gezeigt. Leonard und seine Spieler haben den Anwohnern der Sömmeringstraße die Angst genommen vor dem Tag, an dem sie statt auf die vertraute, heimatliche Pkw-Großfamilie vor ihrem Haus auf einen merkwürdigen Kubus ohne Fenster blicken werden, vierzehn Meter hoch, mit drei Galerien und ganz aus Holz. Sie haben diesen Platz gewissermaßen warm gespielt. Das Theater soll sich nicht fremd fühlen, wenn es endlich hier ankommt.

Vorher stand es in Schwäbisch Hall. Doch die Haller haben sich 2016 ein neues gebaut. 1925 fingen sie auf der Freitreppe ihrer größten Kirche an, Sommertheater zu spielen, jetzt sind sie schon zwei Schritte weiter. Da war also 2016 ein richtiges Globe-Theater zu haben. Ein elisabethanisches. Natürlich, Leonard hätte weghören können. Was geht’s mich an, wenn irgendwo ein Globe-Theater verschrottet wird, hätte er sich sagen können. Sagen müssen?

Seine alte Company hat er verloren

Denn eigentlich war der frühere Leiter der Shakespeare-Company Berlin längst angekommen. Genauso wie seine Company, und zwar auf der Freilichtbühne im Naturpark Schöneberger Südgelände. Seit 2011 spielten sie da. Leonard gewinnt vielleicht ein neues Theater, aber seine alte Company hat er darüber verloren. Immobilienangelegenheiten, so viel weiß man, ruinieren immer wieder die intimsten menschlichen Beziehungen.

Die wollten damals schon nicht in den Park mitkommen, sagt Leonard mit einem Anflug von Traurigkeit. Da spielen wir vielleicht vor 30 Leuten, argwöhnten sie, da könne er allein hingehen. Damals, 2011, hatte Leonard schon mal ein Globe-Theater erworben, oder sagen wir: ein halbes Theater, ein Viertel-Theater. Und zwar die Babelsberger Globe-Kulisse von Roland Emmerichs Hollywood-Shakespeare-Epos „Anonymous“. Skeptisch verließ die Company ihr „Shake!“-Zelt am Ostbahnhof. Und wurde immer erfolgreicher.

Wir haben schon ein Theater, und das ist hier, behauptete sie, als Leonard sie 2016 mit den Haller Aussichten konfrontierte. Das ist kein Theater, das ist eine Kulisse, widersprach Leonard. Uns egal!, las er in den Augen seiner Gefährten. Fast 20 Jahre waren sie zusammen, immer war das Theater das Ziel gewesen.

Christian Leonard ließ das Theater in Schwäbisch Halls abbauen, wegkarren und einlagern.
Christian Leonard ließ das Theater in Schwäbisch Halls abbauen, wegkarren und einlagern.Foto: Ingo Woesner

Leonard fragte noch einmal, sehr grundsätzlich: Würdet Ihr im neuen Globe-Theater spielen? Die Antwort lautete: Ja. Würdet Ihr Euch am finanziellen Risiko beteiligen? Die Antwort lautete: Nein. Kein Borger sei und auch Verleiher nicht! Neither a borrower nor a lender be! Hamlet, 1. Akt, 3. Szene. Doch Leonard entschied sich für Othello: Wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen.

Nun war das Haller Globe nicht wirklich teuer. 1 Euro. Aber ein ganzes Theater zerlegen, abbauen, abfahren, einlagern? Das kostete. Leonard nahm Darlehen auf. Und einlagern musste er das Haller Globe, denn es gab keinen Ort in Berlin, an dem er es aufstellen durfte. Auf drei Standorte bewarb er sich: Naturpark, Spreepark, Park am Gleisdreieck. Absagen. Dann schrieb der verschuldete Besitzer eines eingelagerten Theaters Politiker in allen Bezirken an. Der depressive Prinz von Dänemark hatte Leonards Lage einst so kommentiert: It is not, nor it cannot come to good. Es ist nicht, und es wird auch nimmer gut. Hamlet, 1. Akt, 2. Szene. Aber dann, Ende 2017, kurz vor Ablauf seines selbst gesetzten Ultimatums, meldete sich Charlottenburgs SPD-Sportstadträtin Heike Schmitt-Schmelz: Mierendorffkiez?

Derb, bunt, sehr komisch

Es war ein Abend im vorigen Sommer, als seine Weggefährten ihm andeuteten, dass sie ihn nicht begleiten würden in den Mierendorffkiez. „Am nächsten Morgen bin ich gegangen“, sagt Leonard.

Für diese Prolog-Saison mit dem nagelneuen Ensemble musste er noch einmal Kredite aufnehmen. Er hätte mit mehr Zuschauern gerechnet, das hätte auch seine finanzielle Zuversicht bestärkt, aber die Resonanz derer, die da waren, macht ihn sehr froh. Schulklassen aus anderen Städten kamen, erste Tournee-Einladungen, etwa nach Griechenland, gibt es auch schon. Und wie schnell Menschen, die sich bis eben nicht kannten, die er nicht kannte, auf der Bühne zu einer Familie wurden! Alle wollen im nächsten Jahr weitermachen.

Leonard hat die nächste Spielzeit längst entworfen. Um „Macht und Ohnmacht“ soll es gehen, mit Shakespeares „Heinrich V.“ und Schillers „Maria Stuart“, beide auch auf Englisch. Dazu kommt wieder ein neues Stück. Jetzt spielten sie Oliver Bukowskis „Nach dem Kuss“: Hartz-IV-Romeo trifft Hartz-IV-Julia mit russischem Migrationshintergrund. Das war derb, bunt, sehr komisch, selbst dort, wo gar nichts mehr komisch ist. Fast jeder Satz eine verbale Übertretung, aber noch jenseits aller Form formbewusst und das Ganze war: eine Tragödie. Das schafft kaum ein Gegenwartsstück mehr.

Noch ist der Bebauungsplan nicht ganz durch, Pachtvertrag und Baugenehmigung fehlen, aber dann könnte alles ganz schnell gehen. Für den reinen Aufbau plant Leonard vielleicht sechs Wochen. Die Lotto-Stiftung hilft. Noch in diesem Herbst, hofft er, könnte es stehen.

Wir gehen ins Globe

Nach 20 Jahren! Aber 20 Jahre sind gar nichts, findet Leonard. Bei Sam Wanamaker hat es 48 gedauert. Der amerikanische Schauspieler Sam Wanamaker war 1949 nach London gereist, wo er am ersten Abend seine Freundin fragte: Und was machen wir jetzt? Wir gehen ins Globe, was sonst, lautete die Antwort. Der Besuch scheiterte an einem ebenso simplen wie unfassbaren Umstand: an der vollkommenen Inexistenz eines solchen Theaters. Und schlimmer noch, niemand wusste, wo genau es gestanden hatte. So viel kulturelle Barbarei konnte der Amerikaner nicht auf sich beruhen lassen. 1997 öffnete Wanamakers Londoner Globe, er selbst war 1993 gestorben. Leonard sieht aus wie jemand, der noch sehr viel Zeit hat, eventuell sogar bis zum nächsten Frühling. Aber ab April wird gespielt!

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