Siemens-Chef : Joe Kaeser versteht seine Welt nicht mehr

Er konnte immer gut mit Zahlen. Doch jetzt hat sich Joe Kaeser verkalkuliert. Seine Pläne zum Stellenabbau sorgen für Protest. Die Glaubwürdigkeit des Siemens-Chefs steht auf dem Spiel.

Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser bei einer Pressekonferenz in München.
Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser bei einer Pressekonferenz in München.Foto: dpa/Peter Kneffel

Bei Scherzen mit seinem Namen hört für Joe Kaeser der Spaß auf. Als Siemens-Beschäftigte vor gut drei Jahren bei einem Aktionstag „Kaeser-Häppchen“ verteilten, um gegen den Abbau Tausender Arbeitsplätze zu demonstrieren, wurde der Chef sauer. „Das war eine mittlere Staatsaffäre“, erinnert sich ein Beobachter. „Da ist Kaeser äußerst empfindlich.“ Die Käsewürfel mit dem Namenssticker spielten darauf an, wie der Siemens-Chef die Beschäftigten häppchenweise mit Informationen über ihre Zukunft versorgte. Kaeser baute den Konzern um. Wie so oft in der Unternehmensgeschichte sollten dabei viele Arbeitsplätze wegfallen. Doch Kaeser nahm das Spiel mit seinem Namen sehr übel.

Heute wird bei Siemens wieder gegen den Abbau Tausender Arbeitsplätze demonstriert, wieder wird umgebaut – diesmal die Kraftwerks- und Antriebssparte – und ist dem Vorstandsvorsitzenden das Lachen vergangen. Nach draußen dringt davon wenig. Kaeser hatte kaum öffentliche Aufritte, seit er am 16. November zusammen mit Personalchefin Janina Kugel ankündigte, weltweit 6900 Stellen zu streichen, gut die Hälfte davon in Deutschland. Standorte sollen geschlossen werden, darunter die ostdeutschen Werke in Leipzig und im strukturschwachen Görlitz.

Sechs Milliarden Gewinn - 6900 Stellen gestrichen

Allein dort sollen fast 1000 Jobs wegfallen – mit katastrophalen Folgen für die gesamte Region. Fast 900 Stellen werden in Berlin gestrichen. Dabei hatte der Konzern kurz zuvor hervorragende Zahlen vorgelegt, einen Gewinn von mehr als sechs Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr.

Kaeser fühlte sich angesichts der starken Zahlen sicher genug, diesen Spagat hinzubekommen – hier der Milliardengewinn, dort massenhafter Stellenabbau. Warnende Stimmen hielten ihn nicht auf. „Wir wussten, dass wir uns warm anziehen müssen“, heißt es im Unternehmen. Dann aber wurde es draußen viel turbulenter, als alle gedacht hatten. Als Kaeser und Kugel ihre Pläne vorgetragen hatten – moderat im Ton, hart in der Sache –, brach nicht nur im Konzern, sondern auch in der Politik eine Empörung los, die die Führung des Dax-Konzerns in den Ausnahmezustand versetzte.

Kaeser, dem man nachsagt, Stimmungen gut einschätzen zu können und stets zu wissen, welche Wirkung seine Auftritte haben, reagierte ratlos. „Die öffentliche Gegenwehr hat ihn verstört, die kann er gar nicht einordnen“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter. „Das ist ihm völlig aus dem Ruder gelaufen.“ Zum ersten Mal habe der Chef die Stimmung falsch eingeschätzt. „Dabei kennt er das Unternehmen von der Pike auf, er weiß eigentlich sehr gut, wie die Leute ticken.“ Nicht nur seine Leute. Joe Kaeser hat in den mehr als vier Jahren, die er Siemens als Vorstandsvorsitzender führt, gezeigt, dass er ebenso gut weiß, wie die Öffentlichkeit tickt, die Politik, die Medien.

Totengräber und Jobkiller

Der Name verpflichtet. Siemens ist ein Symbol der deutschen Wirtschaft – und Joe Kaeser ist sich dieser Symbolkraft sehr bewusst gewesen. Die Reaktionen auf den 16. November haben ihn verunsichert. Auf den Titelblättern ist Joe Kaeser plötzlich als „Visionär“ mit erhobener Axt zu sehen. Der Boulevard zeichnet das Schreckbild eines draufhauenden Jobkillers. Kaeser, der „Totengräber“.

Im Trubel ging fast unter, was sonst ein großer Aufreger ist: Kaeser hat im vergangenen Geschäftsjahr knapp sieben Millionen Euro verdient. „Asozial“ sei das, rief SPD-Chef Martin Schulz auf der Bühne der IG Metall. Aus allen Parteien schlossen sich Politiker dem Protest an, in Berlin, in Görlitz, in Leipzig und anderswo. Siemens war Thema einer Aktuellen Stunde im Bundestag. Anfang dieser Woche zitierte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries Janina Kugel ins Ministerium. Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee mobilisierte die vom Stellenabbau betroffenen Länder: „Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren.“

An diesem Freitag laden die Kirchen in Görlitz zu einem „Gebet für alle, die sich um ihre Arbeitsplätze sorgen“. Kommende Woche gibt es ein „Weihnachtsliedersingen am Werkstor von Siemens“, etliche Demos sollen folgen.

Das Siemens-Gewächs

Draußen toben sie. Und drinnen versteht ein Top-Manager die Welt nicht mehr. Dass dieser angesichts von mehr als 100 000 Siemens-Beschäftigten in Deutschland überschaubare Stellenabbau eine Dynamik entwickelt, die dem Konzern schaden könne, sei Kaeser wohl nicht klar gewesen, heißt es. Sicher, die Politik ist immer noch im Wahlkampfmodus, während der Regierungsbildung entzündet sich manches Thema schneller als sonst. Doch auch Kaesers Apparat habe nicht gut gearbeitet. „Das hätte man ihm sagen müssen.“ Doch wer erklärt seinem Chef schon gerne die Welt?

So weit kommt es noch, dass sich Joe Kaeser bei Siemens etwas erklären lassen muss. Der 60-Jährige, dessen Vertrag im August um vier Jahre vorzeitig verlängert wurde, kennt jeden Winkel bei Siemens, das in mehr als 200 Ländern Geschäfte macht. Kaeser, das Urgestein, das Siemens-Gewächs. 1980, direkt nach dem Examen zum Diplom-Betriebswirt an der Fachhochschule Regensburg, kam er ins Unternehmen. Der damals 23-Jährige hieß noch Josef Käser, geboren in Arnbruck, einem Dorf im Bayerischen Wald. Jahre später, nach Arbeitsaufenthalten in den USA, schrieb er den Namen um. Aus Josef wurde Joe, aus Käser Kaeser. Das sollte wohl international eingängiger klingen. Lachen kann der Chef darüber nicht.

Kaeser machte schnell Karriere. Nach Stationen in verschiedenen Konzernbereichen, nach Einsätzen in Malaysia und in Kalifornien wechselte er 1999 unter Konzernchef Heinrich von Pierer in die Zentralabteilung Finanzen. Kaeser fand zu seinem Thema, den Zahlen. Er begleitete die Börsengänge von Infineon und Epcos. Später, als Bereichsvorstand für Mobiltelefone, setzte er die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich durch. Der Krisenplan scheiterte, die Sparte musste verkauft werden.

Der schlichte Kompass seiner Mutter

Kaeser zog weiter und wurde unter dem neuen Vorstandschef Klaus Kleinfeld Leiter der Konzernstrategie. Ein Sprungbrett in den Vorstand, wo er 2006 als Finanzchef landete. Dort überlebte er den Korruptionsskandal um Bestechungsgelder in der Kommunikationssparte, Anschuldigungen konnte er glaubhaft widerlegen. Auch unter Kleinfelds Nachfolger Peter Löscher blieb er Finanzvorstand.

Kaeser lief sich warm. Sein Weg an die Spitze des Unternehmens zeichnete sich an der Seite von Löscher ab. Dem blassen Österreicher, den Aufsichtsratschef Gerhard Cromme geholt hat, stahl Kaeser als Herr der Zahlen die Schau. Während Löscher sich auf der Dauerbaustelle Siemens bei der Neuordnung der Geschäftsfelder verzettelte, steuerte Kaeser souverän die Gewinn- und Verlustrechnung – auch durch die Finanzkrise.

Am Kapitalmarkt schätzt man die bajuwarische Standhaftigkeit des Mannes mit dem großen Schnauzbart, dem vollen schwarzen Haar, der das „R“ so schön rollt. London, Frankfurt, München – Kaeser ist überall präsent und wächst in die Rolle des weltläufigen Top-Managers. Stets bemüht, den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren. „Gib nicht mehr Geld aus, als du einnimmst, sonst musst du verarmen“, habe ihm seine Mutter gesagt, erzählt er einmal. Ein schlichter Kompass, der ihm helfe, den Überblick über die Siemens-Bilanz nicht zu verlieren.

Seine Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Dann kommt der Tag, an dem Kaeser nach der Macht greift, die er bis heute in den Händen hält. Siemens schlingert, Löscher muss 2013 seine Gewinnziele mehrfach revidieren, selbst die Kanzlerin wünscht sich das „Flaggschiff der deutschen Wirtschaft“ in „ruhigeres Fahrwasser“ zurück. Kaeser ist bereit. Am Morgen, als er mit Löscher die letzte Gewinnwarnung veröffentlicht, sitzt er ohne Schnurrbart da. Er hat ihn sich in der Nacht abrasiert. Kurz darauf ist Joe Kaeser Vorstandsvorsitzender von Siemens.

Die Wandlung zum Chef eines Global Players mit weltweit fast 380 000 Beschäftigten findet nicht nur kosmetisch statt. Kaeser verlässt die Sphäre des Rechnungswesens, tritt immer staatsmännischer auf und packt die großen Themen an: Globalisierung, gesellschaftliche Verantwortung, Industrie 4.0. So oft wie kein anderer Manager fliegt er mit der Kanzlerin um den Globus. Siemens ist den Mächtigen nah, Kaeser genießt seine Rolle als Ratgeber und Einflüsterer.

Im fünften Jahr seiner Amtszeit, nach 37 Jahren im Konzern, steht ihm, der fast alles erreicht hat, die vielleicht schwierigste Phase seiner Karriere bevor. Kaesers Glaubwürdigkeit steht zum ersten Mal ernsthaft auf dem Spiel. „Wer bei jeder Gelegenheit von gesellschaftlicher Verantwortung spricht, wer auf öffentliche Aufträge angewiesen ist und die Nähe zur Politik, der macht sich mit einem Stellenabbau wie in Görlitz angreifbar“, sagt ein Industrievertreter. Kaeser erinnere an Josef Ackermann. Auch der Ex-Chef der Deutschen Bank hatte mit der zeitgleichen Bekanntgabe von hohen Renditezielen und Massenentlassungen einen Proteststurm ausgelöst.

Was wird aus den "Langsamen"?

„Wenn ein Unternehmen Tausende von Arbeitsplätzen sichert, erbringt es einen anderen gesellschaftlichen Wert, als wenn ein paar hochintelligente Hedgefonds-Manager durch geniale Modelle für sich und ihre vermögenden Investoren Milliarden verdienen.“ Es sind solche Sätze, wie sie Kaeser im Sommer dem „Spiegel“ sagt, die man ihm nun vorhält. Wie glaubwürdig ist das angesichts des kühl geplanten und betriebswirtschaftlich durchaus begründbaren Stellenabbaus in der Kraftwerkssparte? Wenn Siemens jetzt nicht handele, sei dies verantwortungslos, antwortet Kaeser.

Die Zukunft ist digital, vernetzt, dezentral, erneuerbar – darauf müsse sich der Konzern einstellen. „Wir können auf die Langsamen nicht mehr warten, dafür ist die Geschwindigkeit im internationalen Wettbewerb viel zu hoch.“ Kaeser muss dieses Tempo mitgehen, wenn er die Erwartungen jener Fondsmanager nicht enttäuschen will, die ihm im Nacken sitzen.

Sechs Prozent der Siemens-Aktien liegen beim US-Investor Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt. Bisher hat Kaeser geliefert, der Aktienkurs ist in seiner Amtszeit um 50 Prozent gestiegen. Doch was wird aus den „Langsamen“, die Teil der Siemens-Familie bleiben wollen?

Sorgen um das Image des Vorzeigekonzerns

„Kaeser konnte das immer perfekt austarieren – hier die betriebswirtschaftlichen Zahlen, dort die gesellschaftlichen Herausforderungen“, sagt ein Aufsichtsrat. Deshalb sei es nicht nachvollziehbar, warum er sich diesmal so verhake. „Er hat das aus dem Blick verloren.“ Stattdessen schreibt Kaeser einen bösen Brief an Martin Schulz, wirft den Parteien vor, Deutschland habe wegen der langwierigen Regierungsbildung „Kratzer“ bekommen. Industrievertreter sorgen sich um das Image des Vorzeigekonzerns: „Ein Reputationsschaden wird bleiben, ganz klar.“

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Der Top-Manager ist auf den Zugang zu den Mächtigen angewiesen. Auch, wenn es mal keine Demokraten sind, wie in Russland, Saudi-Arabien – oder Ägypten. Der dortige Bau des größten Gaskraftwerks der Welt bekam intern den Titel „Green Light Project“. Freie Fahrt für Siemens, allen politischen Bedenken zum Trotz. Gerade erst hat man einen weiteren Großauftrag aus Libyen gewonnen. Geschäfte, die den Stellenabbau in der Kraftwerkssparte verzögern, aber nicht verhindern. Man müsse schauen, „wie wir als Gesellschaft möglichst viele bei diesem Wandel mitnehmen“, sagte Kaeser vor wenigen Monaten. Wir als Gesellschaft – da bezieht er Siemens und sich selbst mit ein.

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