Streit um Familiennachzug : Papa, der Mann vom Bildschirm

Frau und Kinder in Griechenland, der Vater in Berlin. Seit mehr als zwei Jahren. Eine syrische Familie wartet darauf, wieder vereint zu sein. Das Recht darauf hat sie, aber umgesetzt wird es nicht.

Vera Deleja-Hotko
Der knapp drei Jahre alte Nemir und seine siebenjährige Schwester Zahra haben ihren Vater lange nicht mehr gesehen.
Der knapp drei Jahre alte Nemir und seine siebenjährige Schwester Zahra haben ihren Vater lange nicht mehr gesehen.Foto: Vera Deleja-Hotko

In der einen Hand die Zigarette, in der anderen das Smartphone. Zwei Dinge, die Sadin beruhigen. Er bläst den Rauch in die Berliner Kälte, senkt den Blick und fährt mit dem Finger über den Bildschirm. Seine Hände zittern. Sadin scrollt durch seine Galerien, betrachtet Bilder – aus seinem eigenen Alltag, aus dem seiner Familie und dem ehemals gemeinsamen. Bei dem Foto eines gelb-roten Laufrades hält er inne und lächelt. Dann wird sein Mund wieder schmal. „Für Nemir“, sagt er. „Meinen Sohn.“ Der wird bald drei Jahre und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Fahrrad. Also zog Sadin los, streifte durch Berlin, um eines zu suchen, das den Vorstellungen seines Sohnes entspricht. Aber nicht, um das Fahrrad dann zu kaufen, sondern um es zu fotografieren. Denn Sadin weiß nicht, wann er seinen Sohn wiedersehen wird.

Seit Oktober 2015 lebt der 33 Jahre alte Sadin in Berlin, zunächst war er in einer Turnhalle untergebracht, dann in einer Wohngemeinschaft, dann in zwei Gemeinschaftsunterkünften, nun in einem Hostel. Seine Frau Fadila, Sohn Nemir und die anderen beiden Kinder leben in Griechenland. Nach der Flucht aus Syrien trennte sich die Familie. Das war vor zweieinhalb Jahren. Seither sehen sie sich nur auf dem Bildschirm des Smartphones. Sie warten auf einen Anruf der Behörde, die ihnen das Datum ihres Wiedersehens nennt. Aber wann das passieren wird, ist ungewiss. Weil sie ihre Zusammenführung nicht gefährden möchten, wollen sie in dieser Geschichte nicht mit ihren echten Namen auftauchen.

Die Zusammenführung ist genehmigt. Trotzdem muss die Familie warten

Im Frühjahr 2016 wurde der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte für zwei Jahre ausgesetzt. Am 1. Februar 2018, kurz bevor diese Regelung auslief, entschied der Bundestag, sie bis August 2018 beizubehalten. Ab dann sollen 1000 Familienangehörige pro Monat nach Deutschland gebracht werden. Eine Regelung, auf die sich Union und SPD bei den Koalitionsverhandlungen geeinigt hatten. Sadin und seine Familie bräuchten die Regelung noch nicht einmal, sein Status als asylberechtigter Flüchtling ist offiziell anerkannt, die Familienzusammenführung längst genehmigt. Trotzdem muss die Familie weiter darauf warten, sich wieder zu sehen. Warum?

„Wenn wir gewusst hätten, wie die Freiheit aussieht, dann hätten wir uns überlegt, die Augen zu schließen. Und wären in Syrien geblieben“, sagt Sadin.

Ein Tag im Dezember. Vier Grad zeigt das Thermometer im Hinterland der griechischen Region Thessalien. Die wenigen Straßen, die in diese Gegend führen, sind leer. In der Ferne ist der Gipfel des Olymps in graue Wolken gehüllt. Vereinzelt stehen ein Haus, eine Tankstelle oder ein streunender Hund am Straßenrand. In einem Talkessel wurde eine Flüchtlingsunterkunft errichtet. Dort steht die 25-jährige Fadila mit der zweijährigen Marlene auf dem Arm. Daneben die sieben Jahre alte Zahra die ihren Bruder Nemir an der Hand hält. Es regnet. Die drei Kinder haben ihre Kapuzen tief in die Stirn gezogen. Hinter ihnen reiht sich ein weißer Container an den anderen. Platziert auf einer mit Stacheldraht umzäunten Fläche aus Schutt und Geröll. Ein Ort, den die vier ihr „Zuhause“ nennen müssen.

Sprachkurse, Kinderbetreuung oder Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es im Camp nicht. Nur in der nächstgelegenen Stadt Larissa. Dorthin fährt zwar ein Bus, jedoch ist es für Fadila kaum möglich, den Weg mit drei kleinen Kindern zu bestreiten. Also verlassen die vier das Camp nie. Sitzen in dem Container und warten. Jeden Tag.

Das Leid der Familie beginnt im Jahr 2011

„Sie müssen Geduld haben. Es gibt viele Menschen, die warten.“ Das ist alles, was Fadila von der Asylbehörde in Griechenland gesagt bekommt. Aber wie lange?

Das Leid der Familie beginnt im Jahr 2011, im Osten Syriens, wo Sadin geboren wurde und aufgewachsen ist. Damals wird der Protest gegen Syriens Machthaber Baschar Al-Assad lauter, auch Sadin protestiert gegen das Regime. Er wird drei Mal verhaftet, jeweils mehrere Wochen inhaftiert und gefoltert. So erzählt es Sadin, Berliner Flüchtlingsorganisationen halten seine Aussagen für glaubwürdig.

Bei diesem Teil seiner Geschichte wird Sadins Stimme leiser, er schluckt und starrt ins Leere. Er schielt. Eine Folge der Verletzungen, die ihm in der Haft zugefügt wurden. Als Druckmittel, damit er in den Militärdienst eintritt. Die körperliche Gewalt ließ er über sich ergehen, er weigerte sich solange, bis ihm angedroht wurde, dass seine damals vierjährige Tochter vergewaltigt werden würde, wenn er nicht zum Militär geht. Also folgte er. Dann aber floh er aus der Armee, zuerst nach Aleppo, dann in die Türkei, seine Frau und die Kinder nahm er mit. In der Türkei war die Familie das letzte Mal vereint. Denn Sadin reiste alleine weiter nach Deutschland. Wie so viele Väter wollte er seiner Familie die lebensgefährliche Überfahrt ersparen.

Sadin starrt auf sein Smartphones. Stumm betrachtet er ein Foto, auf dem er Zahra im Arm hält, Nemir steht daneben und klammert sich an seinem Hosenbein fest. Das Foto wurde in der Türkei aufgenommen. Es ist das letzte Bild, der letzte gemeinsame Moment. Sadin steigen die Tränen in die Augen. Er entschuldigt sich und greift zu einer Zigarette. Seine jüngste Tochter ist nicht auf dem Bild, als sie geboren wurde, war Sadin bereits in Deutschland. Mit eigenen Augen hat er sie noch nie gesehen.

Wie Sadin und seiner Familie geht es rund 4500 Menschen

Als Sadin bereits in Deutschland angekommen war, wagte auch die hochschwangere Fadila mit den beiden Kindern die Überfahrt nach Griechenland, in einem überfüllten Schlauchboot. In der Hoffnung, bald ihren Mann wiederzusehen. Das war vor eineinhalb Jahren.

Wie Sadin und seiner Familie geht es rund 4500 Menschen, deren Familienzusammenführung bereits genehmigt wurde, die aber in Griechenland noch darauf warten, ihren Vater, ihre Mutter oder ihr Kind in Deutschland wiederzusehen. 60 Prozent dieser Wartenden sind minderjährig. Nach EU-Recht muss die Familienzusammenführung innerhalb von sechs Monaten erfolgen, auch das Verwaltungsgericht Wiesbaden hat das im September 2017 noch einmal bestätigt. Die Bundesregierung teilte dazu mit, dass sie „dem Beschluss bereits Rechnung getragen und die griechischen Behörden um eine fristgemäße Überstellung gebeten“ habe. Die Frist von Sadins Familie lief Mitte Dezember 2017 aus.

Warum muss ich so lange warten? Warum gibt mir keiner eine Antwort? Warum sind die Behörden so unmenschlich? Drei Fragen, die sich Sadin stellt. Unmenschlich findet er nur die Behörden in Deutschland. Nicht die Menschen. Am wenigsten seine engste Freundin in Berlin, Marlene.

Die Chancen, dass er seine Tochter endlich kennenlernt, stehen nicht gut

Sadin und Marlene sind Freunde, seit die rothaarige Freiwillige ihn vor zwei Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft zum Mittagessen einlud. Zuvor hatte Marlene gehört, wie laut Sadins Magen geknurrt hatte. Sadin spricht kein Deutsch und sie kein Arabisch. Ihre Sprache nennt er ein „Special-Deutsch“ – eine Mischung aus Worten, Gestik und Mimik. An dem Abend, als Sadins jüngste Tochter geboren wurde, saßen die beiden in einer Bar. Sadin war sehr nervös, denn seine Frau war in einem Camp in Griechenland, ohne ausreichend medizinische Versorgung, ohne Unterstützung eines Vertrauten. Marlene und der Verein „Friedrichshain hilft“, für den sie tätig ist, kontaktierten deshalb eine evangelische Pfarrerin in Griechenland, die sich um die Betreuung der werdenden Mutter kümmerte. Zum Dank für diese Hilfe nannten Sadin und Fadila ihre neu geborene Tochter nach ihrer neuen Berliner Freundin Marlene.

Die Chancen, dass er seine Tochter bald persönlich kennenlernt, stehen nicht gut. Denn im Jahr 2017 ist die Anzahl der Zusammenführungen Monat für Monat gesunken. Waren es im März 2017 noch 494 Personen, die überstellt wurden, sind es im Mai lediglich 82 gewesen. In den darauffolgenden Monaten blieb die Anzahl bei diesem Tief und stieg erst im November wieder an. Das führt dazu, dass es noch mehrere Jahre dauern könnte, bis alle bereits bewilligten Anträge bearbeitet und die Betroffenen überstellt werden.

Manche glauben, das ist kein Zufall. „Lieber Thomas (...) die Überstellungen werden wie vereinbart gedrosselt. (...) Mit freundlichen Grüßen, Ioannis Mouzalas.“ Das schrieb der griechische Integrationsminister Ioannis Mouzalas am 4. Mai 2017 an Thomas de Maizière. Veröffentlicht hatte den Brief die griechische Zeitung „Efimerida ton Syntakton“, auch deutsche Medien berichteten darüber. Mouzalas betonte in dem Brief, dass Griechenland für die aufkommenden Verzögerungen der Familienzusammenführung nicht verantwortlich sei. Um diese Ansicht in der Öffentlichkeit klar zu kommunizieren, schlägt er vor, ein gemeinsames Statement zu veröffentlichen: „Wir verstehen, dass Asylsuchende sehnsüchtig ihre Familien treffen wollen, (...) aber es ist zu akzeptieren, dass die Verzögerungen unvermeidbar sind.“ Als der Brief öffentlich wurde, bestritt die Bundesregierung, dass es eine solche Absprache gegeben habe.

Griechenland? Deutschland? Wer ist Schuld an der Verzögerung?

Stattdessen führt das Bundesministerium des Inneren (BMI) andere Gründe für die schleppende Umsetzung an. Günter Krings, parlamentarischer Staatssekretär des BMI, teilt auf eine Beschwerde der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke (Linke) mit: In der „Feriensaison“ stünden „weniger freie Flugplätze, die für die Überstellungen genutzt werden könnten, zur Verfügung, da diese durch Touristen besetzt werden“. In Deutschland heißt es, an der Verzögerung sei Griechenland schuld. In Griechenland, es liege in der Hand von Deutschland.

„Mama, schau mal.“

Zahra dreht den Kopf ihres Bruders in die Blickrichtung ihrer Mutter. Mit einem schwarzen Stift hat sie ihm drei Striche auf beide Wangen und einen Fleck auf die Nase gemalt. Eine Katze. Sie grinst, als sie ihr Werk präsentiert. Der knapp dreijährige Nemir hüpft mit seiner Schwester durchs Zimmer. Er leidet an einer Fehlstellung der Beine. Wenn er geht, dann setzt er nicht einen Fuß vor den anderen, sondern dreht seine Hüfte im Halbkreis. Was der Grund für die Fehlstellung ist, ist noch unklar. In einem griechischen Krankenhaus haben die Ärzte gesagt, dass Nemir ein paar Tage bleiben müsste, damit weitere Untersuchungen durchgeführt werden könnten. Aber die Klinik ist in Larissa. „Ich schaffe das nicht mit drei Kindern“, sagt Fadila, senkt den Kopf und kramt in ihrer Handtasche. Sie holt Röntgenbilder, Befunde und eine weiße Dose hervor. „Das ist alles, was sie mir geben konnten.“ Die Dose ist gefüllt mit Vitamintabletten. Für den Jungen mit O-Beinen.

Ein weiteres Problem: der gefälschte Pass

Mit seinem anerkannten Flüchtlingsstatus könnte Sadin seine Familie zumindest besuchen. Aber der Pass, den er besitzt, ist eine Fälschung. Sein echter wurde ihm beim syrischen Militär abgenommen. Diese Umstände hat er bei seinem Antrag auf Asyl in Deutschland von Anfang an offengelegt. Aber seit dem Attentat auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 werden alle gefälschten Dokumente erneut geprüft und bewertet. Auch der von Sadin. Also wurde sein Fall im August 2017 an das LKA und von dort an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Und da liegt er nun, mit vielen anderen, auf unbestimmte Zeit. Sadins Status als Flüchtling ist davon nicht betroffen, ein neues Reisedokument bekommt er aber bis auf Weiteres auch nicht ausgestellt.

Diese Information erhielt Sadin erst ein halbes Jahr später bei einem Termin mit der Ausländerbehörde, auf den er neun Monate lang gewartet hatte. Nach eineinhalb Stunden im Wartezimmer stellt sich heraus, dass er doch nicht auf der Terminliste stand. „Das kann schon einmal passieren bei einem so regen Kundenverkehr“, teilte ihm die Sachbearbeiterin mit. „Nur weil man einen Arzttermin hat, heißt das auch nicht, dass man drankommt.“

Mitarbeit: Jonas Paintner

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