Suche nach Verschwundenen : Ein Mensch verschwindet, seine Verträge nicht

Nur, weil jemand verschollen ist, hört er nicht einfach auf zu existieren. Dann beginnt für Abwesenheitspflegerin Ariane Bartel die Arbeit – die manchmal Jahre dauert.

Ariane Bartel betreute auch den Fall von Roland Jurca. Er verschwand am Mont Blanc. Dies ist eines seiner letzten Fotos von Mitwandernden.
Ariane Bartel betreute auch den Fall von Roland Jurca. Er verschwand am Mont Blanc. Dies ist eines seiner letzten Fotos von...Foto: privat

Glücklich sind jene, die man lebend finden konnte. Traurig das Schicksal derer und ihrer Hinterbliebenen, wo das nicht gelang.

Wenn Ariane Bartel in diesen Wintertagen von Lawinenunglücken erfährt, kehrt die Erinnerung zurück. Denn es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Das Opfer wird nie gefunden. Wie der Berliner Roland Jurca, der vor knapp acht Jahren am Mont Blanc verschwand. Und zu einem der Fälle wurde, der ihr sehr naheging, näher als beabsichtigt.

„Ich achte auf Distanz“, sagt die Endvierzigerin mit dem braunen Pferdeschwanz und der rauchigen Stimme. „Sie können diesen Job nicht machen, wenn sie ihn zu dicht an sich heranlassen.“

Dieser Job, das ist die Abwesenheitspflege, so heißt die Aufgabe juristisch korrekt. Teil ihrer Arbeit als Berufsbetreuerin, das „ist die amtliche Bezeichnung“, sagt Bartel.

Ariane Bartel wird vom Amtsgericht Berlin-Schöneberg berufen, die Geschäfte jener wahrzunehmen, die das selbst nicht mehr können. Sie vertritt zum Beispiel Menschen, die krank sind. Oder Angehörige von Verschwundenen. So es sie denn gibt, geraten sie in so einem Fall oft in eine psychische Ausnahmesituation, stoßen auch an rechtliche Grenzen. Es ist eine vertrauliche Arbeit, weshalb ihr wahrer Name hier nicht genannt wird.

Sie weiß, wie man mit Ämtern umgeht

Die Gründe für eine Abwesenheit können vergleichsweise harmlos sein. Etwa, weil sich jemand im Ausland befindet und an der Rückkehr gehindert wird. Schwieriger wird es, wenn der Betroffene spurlos verschwindet. Wenn er zu einem Fall für das Verschollenheitsgesetz wird.

In Paragraf 1 heißt es dort: „Verschollen ist, wessen Aufenthalt während längerer Zeit unbekannt ist, ohne dass Nachrichten darüber vorliegen, ob er in dieser Zeit noch gelebt hat oder gestorben ist.“ Zusätzlich müssen „ernstliche Zweifel an seinem Fortleben begründet werden“. Doch nur, weil jemand verschwunden ist, hört er nicht auf zu existieren. Mietvertrag, Versicherungen, Leasingraten, der Handyvertrag, das alles läuft weiter.

Ariane Bartels Arbeitsplatz befindet sich im Souterrain einer alten Steglitzer Stadtvilla. „Zweckdienlich“ nennt sie ihr zwölf Quadratmeter großes Büro: weiße Wände, ein hellbraun furnierter Schreibtisch, ein Desktopcomputer, eine Schrankwand mit Leitzordnern. Gelb, Rot und Lila sind die Farben der Ordner im Regal. Jede Farbe steht für eine bestimmte Klientenkategorie.

Seit 16 Jahren ist Ariane Bartel Berufsbetreuerin. Früher war sie Büroleiterin in einem international tätigen Unternehmen. Sie weiß, wie man mit Ämtern umgeht, mit Versicherungen und Vermietern. Als ihre Firma den Betrieb einstellte, erklärte ihr eine Freundin, die Obdachlose betreute, wie dringend viele Menschen solche Fähigkeiten benötigten.

Am 14. August 2011 verabschiedet er sich

Ganz unten in ihrem Regal stehen die acht grünen Ordner. Das sind die Abwesenden. Solche Fälle übernimmt sie seit knapp zehn Jahren.

An dieser Stelle stand auch die Akte Roland Jurca. Inzwischen ist sie geschlossen. Ganz losgelassen hat sie der Fall bis heute nicht. Ariane Bartel ist eine Sucherin mit der Zähigkeit eines Terriers, wie die Rechtspflegerin am Amtsgericht Schöneberg sagt, die mit ihr zusammenarbeitet. Sie meint das anerkennend.

Roland Jurca wurde ein Fall für Ariane Bartel und das Amtsgericht Schöneberg, weil er zuletzt in diesem Gerichtsbezirk gemeldet war. Doch die Zuständigkeit des Amtsgerichtes Berlin-Schöneberg reicht weiter. Es ist als einziges deutsches Gericht bundesweit auch dann zuständig, wenn der Vermisste Deutscher ist, aber zuletzt in keinem inländischen Amtsbezirk mehr gemeldet war.

Roland Jurca verabschiedet sich am 14. August 2011 gegen fünf Uhr morgens von seiner Lebensgefährtin Heike Wittmann. Die beiden haben für ihren Urlaub ein kleines Chalet in Argentière auf der französischen Seite des Mont-Blanc-Massivs für vier Wochen gemietet. Sie sind seit 18 Jahren ein Paar, in dieser Zeit entdecken sie eine gemeinsame Leidenschaft: das Bergsteigen.

„Unser Leben war schön“, sagt Heike Wittmann heute, inzwischen heißt sie Jurca. Nicht, weil sie am Ende doch noch heirateten, obwohl sie genau das geplant hatten. Sondern weil das weitere Geschehen sie und Rolands Mutter einander so nahebrachte, dass die Mutter Heike adoptierte. Roland, damals 43 Jahre alt, stand unmittelbar vor der Beförderung in einem Berliner Maschinenwerk.

An Tag drei steigt der Suchhubschrauber auf

„Auf diesem Sofa hier saß er oft und hat in seinen Tourbüchern geblättert“, sagt Heike Jurca in der Schöneberger Wohnung, die mal ihre gemeinsame war. Vieles hier erinnert an ihren Lebensgefährten. Sein Fahrrad im Flur, Fotos an der Wand, die Bücher, in denen er seine Touren dokumentierte. Roland war stolz auf seinen durchtrainierten Körper, 1,85 groß bei nur zwölf Prozent Fettanteil, wie er seiner Heike vorrechnete. Den Mont Blanc hatte er bereits drei Mal bestiegen.

Am 14. August 2011, ihre letzte Urlaubswoche ist angebrochen, geht er wie schon einige Male zuvor allein auf Tour. Heike Jurca ist wach, als er das Haus verlässt, „aber richtig verabschiedet haben wir uns eigentlich nicht“. Mach dir keine Sorgen, habe er im Gehen gesagt, allerspätestens in drei Tagen sei er wieder da.

Roland Jurcas Handy verbindet sich auf 4300 Metern das letzte Mal mit dem Netz. Danach kommt kein Anruf von ihm, keine SMS, nichts. Er taucht auch nicht wie verabredet in der Bergstation auf. Die Temperatur beträgt auf dieser Höhe in jenem August minus zehn Grad. Andere Bergsteiger berichten von einem Schneesturm, das Wetter verschlechtert sich dramatisch. Am zweiten Tag wird Heike Jurca unruhig, sie wendet sich an die Gendarmerie. An Tag drei steigt der Suchhubschrauber auf.

Heike Jurca harrt bis zum Abend in der Polizeistation aus, die Beamten bringen es nicht fertig, sie wegzuschicken. Als ein paar Tage später ihr Urlaub zu Ende ist, will sie nicht weg aus Chamonix, nicht allein. Ihr Chef macht sich aus Berlin auf den Weg, um sie abzuholen.

Sie verhandelt mit den Banken

Roland Jurcas Arbeitgeber hält ihm noch eine Weile den Platz frei, doch die Gehaltszahlungen bleiben schon bald aus. Sein Konto gerät ins Minus, die Bank übergibt die Angelegenheit einem Inkassobüro. Die Versicherungen laufen weiter, ein Kredit muss getilgt werden. Roland Jurcas Auto, es kann nicht verkauft werden, solange der Eigentümer verschwunden bleibt.

Ein Mensch, so er denn volljährig ist, hat das Recht, zu verschwinden. Und nur weil er weg ist, kann nicht einfach jemand anderes für ihn die Geschäfte übernehmen. Selbst wenn Roland und Heike verheiratet gewesen wären, hätte das nicht viel geändert. „Ich kann nur jedem raten“, sagt Ariane Bartel, „erteilen Sie einer Vertrauensperson eine Vorsorgevollmacht, am besten eine, die beurkundet ist.“ Die meisten würden glauben, das sei etwas fürs Alter, könne ebenso gut später erledigt werden.

Heike Jurca befindet sich im April 2012 immer noch in einem psychischen Ausnahmezustand, in Therapie, benötigt Medikamente, als Ariane Bartel zur Abwesenheitspflegerin für Roland Jurca bestimmt wird. Sie ist es, die von nun an mit den Banken verhandelt.

Normalerweise gehört es auch zu ihren Aufgaben, den Verschollenen zu finden, tot oder lebendig. Tatsächlich wurde noch eine ganze Weile nach Roland Jurca gefahndet, auch im benachbarten Italien. Es hätte ja sein können, dass er als hilflose Person in irgendeinem Krankenhaus eingeliefert wurde. Doch die Umstände legten den Verdacht nahe, dass der Vermisste nicht mehr am Leben ist. Vermutlich stürzte er in eine Gletscherspalte.

2013 wird sein Leben auf dem Rechtsweg beendet

Bleibt alle Suche vergebens, kann ein Vermisster nach dem Verschollenheitsgesetz für tot erklärt werden. Die Hürden sind hoch. Aus gutem Grund. „Sie glauben nicht, wie schwierig es ist, einen einmal für tot Erklärten wieder zum Leben zu erwecken“, sagt die Rechtspflegerin am Amtsgericht Schöneberg.

Eine Todeserklärung ist nach dem Gesetz nur zulässig, „wenn seit dem Ende des Jahres, in dem der Verschollene nach den vorhandenen Nachrichten noch gelebt hat, zehn Jahre oder, wenn der Verschollene zur Zeit der Todeserklärung das 80. Lebensjahr vollendet hat, fünf Jahre verstrichen sind“.

Es gibt Ausnahmen. Bei Schiffsuntergängen kann die Frist auf sechs Monate, bei Flugzeugabstürzen auf drei Monate verkürzt werden. In Roland Jurcas Fall griff noch eine weitere Ausnahme. Wer erkennbar in Lebensgefahr geriet und seitdem verschollen ist, der kann nach dem Gesetz bereits nach einem Jahr für tot erklärt werden.

Am 14. August 2011 um fünf Uhr morgens verabschiedete sich Roland Jurca von seiner Lebensgefährtin.
Am 14. August 2011 um fünf Uhr morgens verabschiedete sich Roland Jurca von seiner Lebensgefährtin.Foto: privat

Voraussetzung ist ein entsprechender Antrag. Ariane Bartel stellt ihn, und im August 2013, zwei Jahre nach Roland Jurcas Verschwinden, stimmt das Amtsgericht Schöneberg zu. Dann muss eine Anzeige veröffentlicht werden, auch der Tagesspiegel druckt solche Annoncen ab. Darin wird der Verschollene aufgefordert, sich binnen drei Monaten bei Gericht zu melden, ebenso jeder, der über seinen Verbleib Auskunft geben kann. Andernfalls wird er für tot erklärt.

Im November 2013 wird Roland Jurcas Leben auf dem Rechtsweg beendet. Erst jetzt, nach Vorliegen einer Sterbeurkunde, können beispielsweise Konten aufgelöst werden. Heike Jurca empfand keine Erleichterung. Sie hofft bis heute, dass Rolands sterbliche Überreste wieder auftauchen, damit sie wirklich Abschied nehmen kann. So etwas passiert manchmal nie, manchmal noch nach vielen, vielen Jahren, wie der Fall des Steinzeitmenschen aus dem Ötztal zeigt.

Die Polizei findet einen Pass

Wie schwierig es sein kann, eine Todeserklärung zu erwirken, zeigt der Fall Fela Oumar. Oumar hieß in Wirklichkeit anders, sein Name ist mit Rücksicht auf seine Kinder geändert. Fela Oumar wird 1943 in Mauretanien geboren. Später erlangt er die deutsche Staatsangehörigkeit und lebt in Köln, wo er mit seiner Frau fünf Kinder hat. Die Ehe läuft nicht gut, Oumar setzt sich nach Paris ab, beginnt dort ein neues Leben. Ein Leben, das am 27. April 2014 in einer Pariser Wohnung endet.

Offensichtlich starb der Mann eines natürlichen Todes. Nur, ist es wirklich Fela Oumar? Die französische Polizei findet neben der Leiche einen Pass, ausgestellt auf einen anderslautenden Namen und sieht sich außerstande, die tatsächliche Identität des Toten zu klären. Das ist der Auftakt zu einem der langwierigsten Fälle für Ariane Bartel.

Fela Oumar erhält aus seiner Tätigkeit in Köln eine deutsche Rente. Voraussetzung für deren Bezug im Ausland ist die turnusmäßige Lebendmeldung des Berechtigten. Als die ausbleibt, wird die Zahlung eingestellt. Das ist der Zeitpunkt, an dem Oumars Ex-Frau Halbwaisenrente für die gemeinsamen Kinder beantragt.

Die Rentenversicherung lehnt den Antrag ab. Zwar fehlt der Nachweis, dass Oumar noch lebt. Doch den gibt es ebenso wenig für seinen Tod. Ariane Bartel wird im Februar 2015 berufen, die Rechte der Kinder vor der Rentenversicherung wahrzunehmen. Einen Monat später wird die Abwesenheitspflegschaft auf „Ermittlung des Abwesenden“ erweitert.

Zu diesem Zeitpunkt ist Fela Oumar bereits begraben. Für Ariane Bartel beginnt von ihrem Berliner Schreibtisch aus eine Reise durch die Behörden Frankreichs und Mauretaniens. Mehrmals besucht sie die Berliner Botschaften beider Länder.

Der Geheimdienst gab Auskunft

Es gibt Fälle, in denen sie vor Ort recherchiert, bei kalifornischen Staatsanwälten auftaucht und Sheriffs in Florida. Wenn es einen Ermittlungsansatz gibt, dem nur dort erfolgversprechend nachgegangen werden kann und die in Rede stehende Summe solche Auslagen zulässt.

Sie ist dann im gerichtlichen Auftrag unterwegs, die Behörden anderer Länder sind in der Regel kooperativ. Selbst beim amerikanischen Geheimdienst NSA stellte sie schon einen Antrag auf Auskunft, dem auch stattgegeben wurde.

Schnell ist klar, dass der Pass nicht zur Leiche gehören kann, denn der Tote war 22 Jahre älter als in diesem Papier angegeben. Ariane Bartel ermittelt drei Freunde und Arbeitskollegen, die den Toten noch gesehen hatten und eidesstattlich versichern, ja, es habe sich um Oumar gehandelt. Sie stellt fest, dass es nach Oumars mutmaßlichem Sterbetag keine von ihm ausgelöste Kontobewegung mehr gab.

Für eine offizielle deutsche Todeserklärung reicht das nicht, weil „ernstliche Zweifel am Fortleben des Betroffenen nicht ausgeräumt werden konnten“, wie es in der Begründung heißt. Klarheit könne nur ein DNS-Abgleich bringen, Voraussetzung wäre die Exhumierung des Toten.

Oumar ist aber nicht in Frankreich beigesetzt worden, sondern sonderbarerweise in Senegal. Offenbar hat er in Sorge um eine gerichtliche Auseinandersetzung mit seiner Ex-Frau seine Herkunft verschleiert und sich eine senegalesische Identität verschafft. Deshalb wurde Oumar in seine vermeintliche Heimat Senegal überführt und in Dakar beigesetzt.

Sie kennt bislang nur die letzte Anschrift

Ariane Bartel wendet sich an das LKA mit der Bitte um Exhumierung in Dakar. Das LKA lehnt jede Zuständigkeit ab, da keine Straftat vorliegt. Im Übrigen sei für die Polizei offensichtlich, dass es sich bei dem Toten um Herrn Oumar handeln müsse. Der Rentenversicherung reicht das immer noch nicht. Erst im November 2017, drei Jahre nach Oumars mutmaßlichem Ableben, geht man auch dort vom wahrscheinlichen Tod aus.

Es gibt nur einen Fall, bei dem Ariane Bartel bis heute gar keinen Erfolg hatte. Das ist der Fall Roswitha Stumpo.

Roswitha Stumpo, heute 73 Jahre alt, wanderte zu Beginn der 60er Jahre nach Kanada aus. Die Verbindungen nach Deutschland wurden immer dünner, bis jeder Kontakt abriss. Dann starb ein entfernter Verwandter und Roswitha Stumpo wurde im Nachlass bedacht. Nur wusste niemand, wo sie sich mittlerweile befand.

Ariane Bartel übernahm den Fall im April 2015, doch alles, was sie bis heute in Erfahrung bringen konnte, war die letzte Wohnanschrift in Toronto. Sie rief sämtliche Stumpos an, die im kanadischen Telefonbuch stehen, sie schaltete das Rote Kreuz ein, die kanadische Botschaft und die kanadische Polizei. Sie bat einen Freund, während seines Kanadaurlaubs in Toronto zu recherchieren. Zum Misserfolg trugen die strengen kanadischen Datenschutzgesetze bei. Wahrscheinlich ist nach Aktenlage nur, dass Frau Stumpo zumindest 2016 noch lebte.

Weshalb das Erbe, es handelt sich um eine Summe im niedrigen vierstelligen Bereich, nun beim Amtsgericht Tiergarten hinterlegt wurde. Dort bleibt es 30 Jahre, fällt dann an die Stadt Berlin. Es sei denn, irgendjemand kann bis dahin dazu beitragen, Roswitha Stumpo oder eines ihrer Kinder in Kanada ausfindig zu machen. Ariane Bartel wäre für einen Hinweis dankbar.