Touristenschwemme : Barcelona wehrt sich

Diese Stadt ist einfach großartig: immer gutes Wetter, Strand, Kneipen, Kultur. Doch genau das ist ihr Problem. Millionen Touristen strömen nach Barcelona. Sie bringen Geld. Aber auch Müll – und jede Menge Ärger. Den Einwohnern reicht’s allmählich.

Touristen in Barcelona.
Touristen in Barcelona.Foto: Patrick Piel/laif

An jenem Samstagabend rollen sie eine Kanone auf den Platz vor der Markthalle. Männer und Frauen, Mütter mit Kinderwagen und Greise in Rollstühlen. Nein, sie wollen nicht auf Spatzen schießen, aber gerne doch auf Nackedeis und Krakeeler und Säufer, natürlich nur symbolisch mit Platzpatronen. Feuer an, Feuer frei! Das gibt einen hübschen Lärm hier in Barcelonas schickem Hafenviertel La Barceloneta, wo sie sich alle treffen und jetzt zum Rathaus marschieren, eine antike, aber noch sehr laute Kanone an vorderster Front.

Nach drei Warnschüssen setzt sich der Zug in Bewegung. Gut 1000 Menschen, über den Köpfen selbstgebastelte Schilder, auf denen steht: „Barcelona ist not a WC“ oder „My building is not a hotel“. Links und rechts der Straße sitzen junge Männer und Frauen an weißen Plastiktischen, sie ziehen ihre Smartphones aus den Taschen, fotografieren und lachen. Keiner lacht zurück. „Haut ab!“, ruft einer aus der Menge. „Das ist unsere Stadt!“

David Garcia sitzt in einem Café, an einem der weißen Plastiktische. „Das müsst ihr doch kennen aus Berlin, ihr habt doch auch so viele Touristen“, sagt er. Garcia fragt nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain und der Clubszene in Mitte, aber viel mehr interessiert ihn doch die Außenwirkung all dessen, was sich Tag für Tag vor seiner Haustür abspielt. „Ist das ein Thema bei euch? Wisst ihr, was hier abgeht?“

Ein kleiner Bürgerkrieg

Barcelona erlebt in diesen Spätsommertagen einen kleinen spanischen Bürgerkrieg. Gut eineinhalb Millionen Einwohner stehen gegen fast zwanzigmal so viele Touristen. In Zeiten billiger Mobilität sind vor allem Großstädte gezeichnet von den Symptomen des Massentourismus. Dem Erfolg und Ansehen der betroffenen Städte muss das nicht abträglich sein. Die Spezies der Metropolen-Hopper nimmt Lärm und Bedrängnis in Kauf, ja empfindet sie als wesentlichen Bestandteil ihres Abenteuers. Das gilt für Barcelona wie für Prag, Tallin, Venedig oder London. Und, natürlich, auch für Berlin. „Attraktive Metropolen werden die Menschen weiterhin wie ein Magnet anziehe“, sagt Burkhard Kieker, Chef der Tourismusorganisation „Visit Berlin“. „Die Menschen kommen und saugen das auf und haben dann zu Hause was zu erzählen. Das wird auch in Zukunft so sein.“

Studien verweisen auf blendende Aussichten für Städte mit einer breiten und weit gestreuten Palette von Sehenswürdigkeiten. Da hat es Barcelona besser als Pisa mit seinem schiefen Turm oder Tallinn mit seiner winzigen Altstadt. Und doch begehrt die Stadt jetzt auf. So laut und heftig wie noch keine zuvor.

"Die nehmen uns unsere Stadt weg!"

In Barcelona murren sie schon lange über die zugemüllten Gassen im Barri Gotic. Über die Souvenirshops, die in die prächtigen Paläste der Altstadt ziehen. Oder die chronisch überlaufene Flaniermeile Las Ramblas, über die kein Einheimischer mehr flanieren mag. Die Kriegserklärung aber hat der „Turisme de Borratxera“ ausgelöst, der Sauf-Tourismus. Horden von jungen Leuten, die freitags in die Stadt einfallen, sich billig in den Quartieren unten am Hafen von La Barceloneta einmieten und dann bis zum Sonntag durchfeiern. Mit allen Konsequenzen von voll gepinkelten Straßen, durchgrölten Nächten und ganz eigenen Moralvorstellungen.

Unter jungen Briten zum Beispiel ist es gerade schwer angesagt, in Barcelona Junggesellenabschied zu feiern. Mit jedem Billigflieger, der am internationalen Flughafen Prat landet, fühlen sich die Barcelonesen ein bisschen fremder in Barcelona. Eine Frau im kanonenbewehrten Demonstrationszug Richtung Rathaus gießt die Stimmung in den Satz: „Die nehmen uns unsere Stadt weg!“

Die Statistiker im Rathaus an der Plaça Sant Jaume haben nachgezählt und 27 Millionen Gäste jährlich ermittelt. Bei einer Einwohnerzahl von 1,6 Millionen kommen auf jeden Barcelonesen 17 Touristen. Der Platz wird eng. Auf den Ramblas, an der Sagrada Familia und in La Barceloneta, diesem neuen Szeneviertel am alten Hafen, das früher von Fischern und Arbeitern bewohnt wurde. Prenzlauer Berg und Friedrichshain waren auch mal Arbeiterquartiere, bis sie hip wurden und die Leute mit dem großen Geld kamen. Gehen müssen die Leute mit dem kleinen Geld. Leute wie David Garcia.

Genug! Die Einwohner Barcelonas demonstrieren gegen Sauftourismus.
Genug! Die Einwohner Barcelonas demonstrieren gegen Sauftourismus.Foto: picture alliance / dpa

David Garcia ist 29 Jahre alt, er hat gerade seinen ersten Job als Programmierer angetreten. Vor ein paar Tagen kündigte ihm sein Vermieter die Wohnung. „Er hat Eigenbedarf angemeldet“, sagt Garcia, das sei ein beliebter Trick hier, um die Leute herauszubekommen aus den billigen Wohnungen, die dann teuer an Touristen vermietet werden.

Das Problem der Stadt Barcelona ist, dass sie großartig ist und einfach alles hat. Immer gutes Wetter, Strand und Kneipen für die Jugend, Museen und Baudenkmäler für das Bildungsbürgertum. Dazu einen Flughafen, der aus 170 Städten in ganz Europa angeflogen wird. Gut eine Milliarde Euro sind im Jahr 2013 in neue Herbergen investiert worden. An der Sagrada Familia, Gaudís ewig unvollendeter Kathedrale, stehen die Touristen schon vormittags einmal um den Block herum Schlange. Den ebenfalls von Gaudí angelegten Parc Güell bevölkerten im vergangenen Jahr Tag für Tag 25 000 Menschen. Seitdem lässt die Stadtverwaltung nur noch 800 Besucher pro Stunde rein. Und das gegen Eintrittsgeld.

Was können andere Städte, was kann Berlin von Barcelona lernen? „Dass man die Bewohner einer Stadt mitnehmen muss, wenn es um das Thema Tourismus geht“, sagt der Berliner Tourismus-Chef Kieker. „Bei uns ist der Tourismus der wichtigste Wirtschaftsfaktor, an dem viele Bewohner direkt oder indirekt partizipieren. Wenn man es versäumt, das deutlichzumachen, wird der Tourismus schnell für alles verantwortlich gemacht, was nicht richtig läuft.“

Aus der Balance geraten

In einer Nebenstraße der Ramblas in Barcelona sitzt Jordi Carnes in seinem Büro und sagt, er wolle nichts beschönigen. „Ja, es gibt ein Problem“, aber doch vorwiegend in einem sehr überschaubaren Segment. „Wissen Sie, wie viele unserer Gäste im Jahr an den Strand gehen? Gerade 170 000. Die meisten Touristen wissen gar nicht, dass wir überhaupt einen Strand haben.“

Jordi Carnes steht der städtischen Agentur „Barcelona Turisme“ als Marketing-Direktor vor und ist deswegen von Berufs wegen verpflichtet, eventuelle Probleme kleinzureden. Ein großer, massiger Mann, zum Gespräch hat er Kataloge mitgebracht, sie zeigen ein buntes Barcelona mit glücklichen Menschen. Señor Carnes sagt: „Die eine Hälfte unser Gäste kommt zu Kongressen oder Messen. Der große Teil der anderen Hälfte besucht unsere Sehenswürdigkeiten.“ Natürlich sei es voll auf den Ramblas. „Aber wie sieht es bei Ihnen vor dem Brandenburger Tor aus? Wie viele Berliner finden Sie da noch?“ Und was das Viertel La Barceloneta betreffe, müsse ein neuer Konsens geschaffen werden zwischen allen Beteiligten: „Dort ist das Dreieck zwischen Gästen, Anwohnern und den Behörden aus der Balance geraten. Das müssen wir wieder in Ordnung bringen.“

Das ist ein schönes Bild, denn La Barceloneta ragt tatsächlich wie ein überdimensioniertes Dreieck ins Mittelmeer hinein. Die Anwohner hier haben die Segnungen des Massentourismus lange und stillschweigend ertragen. Die angesagten Bars und Bistros und Bodegas mit den ständig steigenden Preisen, die sich hier niemand mehr leisten kann. Lärm bis morgens früh um fünf. Kopulierende Paare in den engen Gassen. „Es schwelt hier schon lange“, sagt David. „Aber laut geworden sind die Leute erst seit der Sache mit den Italienern.“

Drei splitternackte Jungs

Die Sache mit den Italienern liegt ein paar Wochen zurück. Drei junge Burschen, die morgens um neun zum Supermarkt an der Hafenspitze zogen. Sie lachten und grölten und sangen, aber daran haben sich die Leute in La Barceloneta längst gewöhnt. Das eigentliche Problem mit den Italienern war die Kleidung, sie trugen nämlich keine.

Ein Passant hat die Szene fotografiert. Wie die drei splitternackten Jungs fröhlich im Kreis hüpfen, die Hände vors Gemächt gefaltet, im Hintergrund der Supermarkt und eine Handvoll entsetzte Anwohner. Der Passant stellte die Fotos ins Internet, und dann brach der Sturm los. Zu hunderten versammelten sich die Ureinwohner von La Barceloneta auf dem Platz vor der Markthalle. Auch jetzt, Wochen später, wird noch protestiert. Zwar nicht mehr im Viertel, dafür direkt an der Sagrada Familia.

Der Supermarkt ist leicht zu finden, unten an der Hafenspitze. Er hat auch spät am Abend noch geöffnet und ist gut frequentiert, hauptsächlich von jungen Männern und Frauen, die noch schnell ein paar Flaschen Bier holen wollen oder Tabak oder Chips, was man halt so braucht für eine Party am Strand. Kurze Frage an den Mann an der Kasse: „Entschuldigen Sie, ist das hier der Supermarkt mit den nackten Italienern?“ Hmm, sagt der Mann und dass er noch nicht so lange hier sei, „fragen Sie doch mal den Chef“. Der Chef steht weiter hinten beim Gemüse. Er sagt, von nackten Italienern habe er noch nie gehört, und außerdem müsse er weiterarbeiten. „Sie sehen ja, viel Kundschaft, schönen Abend noch.“

In La Barceloneta reden sie nicht gern mit Fremden, die mit Mikrofonen und Kameras kommen, auf dass der Rest der Welt noch neugieriger wird. Sind eh schon genug da in den alten Barceloneta-Häusern. Fünfstöckige Kästen, vier Wohnungen auf einer Etage, drei Zimmer auf 38 Quadratmetern. Das ist bescheiden für eine Familie, aber großartig für ein Party-Wochenende.

Kein Tourist hat sich früher hierher verirrt. Das alte La Barceloneta war nicht nur das Viertel der Hafenarbeiter und Fischer, sondern auch das der Diebe, Dealer und Nutten. Die Wende kam 1992, mit den Olympischen Spielen und dem Anspruch, Barcelona zum Meer zu öffnen. Die Baracken an der Küste wurden ebenso geschleift wie die Anlagen des Industriehafens. La Barceloneta bekam eine Seilbahn und einen kilometerlangen Sandstrand, der Bürgermeister pries ihn als „gelebte städtische Sozialdemokratie“.

Wer an Touristen vermietet, verdient mehr

Im dritten Jahrtausend wird die Sozialdemokratie global gelebt, mit jungen Leuten aus aller Welt, die nach Sonne und Party begehren. David Garcia wohnt – noch – in der Carrer Guitert, einer der langen und engen Straßen, die das Viertel in Nord-Süd-Richtung durchziehen. Für seine Wohnung im vierten Stock zahlt er im Monat 505 Euro Miete plus Nebenkosten. „Aber wer an Touristen vermietet, verdient 1200 Euro. In der Woche!“ David Garcia hat sich damit abgefunden, dass der Eigentümer seiner Wohnung auf dieses Geschäft nicht verzichten wird.

Warten auf Einlass.
Warten auf Einlass.Foto: picture alliance / dpa

Offiziell sind in La Barceloneta 72 Touristenwohnungen gemeldet. Auf Portalen wie „Airbnb“ gehen die Angebote in die Hunderte. Wenn David Garcia die Treppen zu seiner Wohnung im vierten Stock hinaufsteigt, trifft er jeden Tag neue Nachbarn. „Wisst ihr, woran man die Wohnungen der Touristen erkennt? An den Handtüchern, die zum Trocknen an den Balkonen hängen. Handtücher hängen hier nur die Touristen raus.“

Die Straße ist ein Meer von Handtüchern.

Erkennungsmerkmal: Rollkoffer

Die Politik tut sich schwer mit der gar nicht mehr so friedlichen Koexistenz zwischen Besuchern und Besuchten. Der Tourismus ist wichtig in einer Stadt, die immer noch unter den Folgen der Finanzkrise leidet und in der jeder zweite Jugendliche arbeitslos ist. Die führende Tageszeitung „La Vanguardia“ vergleicht die Demonstrationen gegen die Gäste mit dem Werfen von Steinen auf das eigene Dach. Aus dem Rathaus heißt es auf Anfrage vage: „Der Tourismus ist positiv, aber wir müssen die Qualität und Ausgewogenheit wahren.“ Und: „Barcelona ist auf der Suche nach einem Qualitätstourismus, und dazu gehört der Respekt vor dem Alltag der Bewohner.“

Die Stadt hat angekündigt, sie werde verstärkt Wohnungen in La Barceloneta kaufen und an Einheimische vermieten. Inspektoren aus dem Rathaus fahnden vor Ort nach Schwarzvermietern. Das ist ein mühsames Geschäft. Manchmal aber kommt auch der Zufall zur Hilfe.

Neulich, ein paar Tage nach der Sache mit den Italienern, als die Bewohner von La Barceloneta schon alle Zurückhaltung abgelegt und ihre Wut auf die illegalen Touristen entdeckt hatten – neulich also gab es einen nächtlichen Auflauf vor einem Haus. Drei Frauen standen da, mit ihren Rollkoffern deutlich zu erkennen als Touristen, und sie wollten in eine Wohnung, die keineswegs als Touristenapartment angemeldet war. Eine Anwohnerin alarmierte die Polizei, aber als die eintraf, war auch schon die Besitzerin der Wohnung zugegen. Alles kein Problem, sagte die Frau, „das sind keine Touristen, das sind drei gute Freundinnen, die mich für ein paar Tage besuchen wollen“.

Vielleicht wäre die Frau damit sogar durchgekommen. Wenn sie denn wenigstens die Namen ihrer drei guten Freundinnen gekannt hätte.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.