Helfer aus Langeweile und Zeitüberschuss?

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Vermisster Elias aus Potsdam : Eine Stadt sucht ein Kind
Es fehlt jede Spur von Elias.
Es fehlt jede Spur von Elias.Foto: dpa

Das Wasser ist auch im Fall Elias nicht weit. Die Nuthe, ein grün und trüb in der Sonne dösendes Flüsschen. Theodor Fontane hat mal über die Nuthe gesagt, im Vergleich mit ihr wirke die Havel so, als ströme die Wolga an einem vorbei. Zeugen wollen gesehen haben, dass sich Elias am Tag vor seinem Verschwinde für ein Floß interessiert habe, das Jugendliche am Wasser gebaut hatten. Vom Buddelkasten und dem Nashorn bis zum Ufer sind ein paar Minuten auf einem Trampelpfad durch den Wald. Die Böschung fällt steil ab, und die Wassertiefe von 80 Zentimetern könnte für einen Sechsjährigen verhängnisvoll sein. Aber der Uferweg wird so gut frequentiert von Spaziergängern und Radfahrern, dass die Schreie eines Ertrinkenden schwer überhört werden könnten. Und in einen reißenden Strom hat sich die Nuthe auch 150 Jahre nach Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg nicht verwandelt.

Weil aber die Polizei sich nicht dem Vorwurf aussetzen mag, sie habe eine mögliche Spur missachtet, lässt sie am neunten Tag nach Elias’ Verschwinden schweres Gerät auffahren. Federführend sind Kollegen vom Technischen Hilfswerk, sie setzen einen blauen Ponton auf das Wasser, beschwert mit einem orangenfarbenen Bagger. Männer mit Tauen achten an beiden Seiten der Nuthe darauf, dass die schwankende Konstruktion nicht havariert, während der Bagger Schlamm nach oben schaufelt und wieder zurück aufs Wasser kippt. Ein Polizist kommt. „Was machen Sie hier? Gehen Sie zurück hinter die Absperrung!“ Wie lange wird denn der Bagger noch baggern? „Keine Ahnung.“ Und wie lange baggern sie schon? „Keine Ahnung. Gehen Sie jetzt bitte.“

Die Bürger trauen der Polizei nicht

Zurück durch den Wald, vorbei an den Polizeiwagen und dem Nashorn vor dem Buddelkasten, den Bisamkiez hinunter bis zum Schlaatzer Bürgerhaus. Hier haben die freiwilligen Unterstützer ihr Quartier aufgebaut. Tag und Nacht sitzen sie hier unter Zelten auf Bänken und koordinieren ihre Einsätze, aber viel koordiniert wird nicht mehr nach mittlerweile neun durchwachten Nächten. Eine Handvoll Frauen und Männer hockt noch unter dem Zeltdach. Wie der Stand der Dinge ist? Allgemeines Schweigen.

Freiwillige Helfer wollen Elias auf eigene Faust finden.
Freiwillige Helfer wollen Elias auf eigene Faust finden.Foto: dpa

Vor einer Woche sah es hier noch ganz anders aus. Hunderte von Helfern zogen sich gelbe Warnwesten an und zogen durch den Schlaatz, durch die Wiesen, immer auf der Suche nach Elias. Erst später merkten Helfer und Polizei selbst, dass das ein Problem werden könnte für den schlimmsten Fall. Der Polizeidirektor Michael Scharf lobt die Freiwilligen ausdrücklich. Und er formuliert einen Satz, der allenfalls andeutet, dass es Probleme gab beim Koordinieren des breiten Engagaments. „Die Helfer waren in der euphorischen Phasen etwas jenseits dessen, wie man suchen sollte“, sagt Scharf.

In dieser Woche schickte Brandenburger Innenministerium sein Einsatz-Nachsorgeteam in den Schlaatz geschickt. Spezialisten von Feuerwehr, Polizei und Rettungskräften sollten die freiwilligen Helfer psychologisch betreuen. Denn nach der Anfangsphase, der Euphorie machte sich Frust breit. Ein Kritiker spricht von „Muttis, die ihre Kinder zu einem Event mitnehmen und bei Würstchen mit Senf über die Organmafia fabulieren“. Ein anderer von „einem peinlichen Happening mit Volksfestcharakter“. Viele Helfer hätten sich an der Suche vor allem beteiligt, um ihrem Alltag jenseits von Arbeitsosigkeit und Zukunftsangst einen Sinn zu geben, und dabei durften Bratwurst und Bier nicht zu kurz kommen.

Nun ist es schwer und gewiss auch ungerecht, so viele Menschen auf einen Nenner zu bringen. Und was hätte die Polizei tun sollen? Die Leute nach Hause schicken? Wer Beamte befragt, hört sehr genau diesen Zwiespalt. Die Stimmung kippte als ein Flugblatt auftauchte, es war überschrieben mit „Einsatzleitung. Team Soko Elias“, listete drei Telefonnummern auf und die Forderung „Bitte alle Hinweise ERST an die Einsatzleitung per Telefon durchgeben und NICHT die Polizei anrufen!!“

Alles nur ein Missverständnis, ließ die Polizei mitteilen. Und doch hat die Stimmung an den Tischen und Bänken unter den Zeltdächern gelitten. Ein kräftiger Mann mit kurzem Haar erhebt sich: „Kommse mal her, ich erkläre Ihnen das.“ Also: „Die Truppen sind jetzt draußen und die Einsatzleitung hat einen Termin. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen!“ Was sagt ihm sein Gefühl? „Ich hoffe immer noch, dass wir ihn finden. Lebend.

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