Die Anfragen stellt er in Zehnerpaketen

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Von Nazis bis zu Autonomen in Berlin : Tom Schreiber - der Mann, der sich mit allen anlegt
Die Polizei schätzt, dass deutschlandweit 8000 Rocker im kriminellen Milieu aktiv sind.
Die Polizei schätzt, dass deutschlandweit 8000 Rocker im kriminellen Milieu aktiv sind.Maja Hitij/dpa

Für einen, der seit zehn Jahren für die größte senatstragende Partei im Abgeordnetenhaus sitzt, legt Tom Schreiber erstaunlich wenig Wert auf Diplomatie. Oft spricht er wie einer aus der Opposition. Die Regierungszeit von Rot-Rot? „Es war ein Fehler, dass im Sicherheitsbereich so viel gespart wurde.“ Die anschließenden fünf Jahre Rot-Schwarz? „Innenpolitisch gesehen vergeudete Zeit.“

Sein wichtigstes Instrument, seine liebste Waffe, sind Kleine Anfragen an die Senatsverwaltung. Zu Linken, Rechten, Rockern, Mafia. Er stellt sie reihenweise. Sind Rocker im Autohandel und in Malerbetrieben tätig? Wie viele gewaltbereite Fußballfans gibt es bei Hertha, Union, Dynamo? Wie viele Strafanzeigen werden wegen Schutzgelderpressung gestellt? Welche Fahrzeugtypen sind im Postleitzahlengebiet 10247 - dort liegen die beiden linken Hausprojekte - im vorigen Jahr angezündet worden? Acht Stück, heißt es in der Antwort. Fünf waren BMWs.

Den Reiz des Anfragenstellens hat Schreiber erst im Lauf der Zeit entdeckt. Unter Rot-Rot schrieb er nur zehn Stück. In der jetzigen Legislaturperiode sind es schon 260. Bis September will er die 300 schaffen. „Aber nicht um die Verwaltung zu ärgern, sondern um meine Themen zu bearbeiten“, sagt er. Von den 50, die er zwischen Dezember und Mitte Januar rausschickte, sind einige noch unbeantwortet. Er ist jetzt dazu übergegangen, seine Anfragen schubweise loszuschicken. Immer in Zehnerpaketen. Wer glaube, er frage wahllos, erkenne das Gesamtbild nicht. „Ich mache das wie ein Adler“, sagt er. „Ich umkreise die Dinge und packe dann zu.“ Er muss einen sehr hungrigen Adler vor Augen haben.

Was die Anfragen bringen

Spötter sagen, Tom Schreiber sei der Grund, warum die Innenverwaltung nicht zum Arbeiten kommt. Doch oft steht in den Antworten Erstaunliches, das bisher unbekannt war. Das streut Schreiber dann in der Presse. Zum Beispiel, dass bei Rockern, die unter dringendem Mordverdacht stehen, Mobiltelefone in den Gefängniszellen gefunden wurden, mit denen sie weiter ihren Geschäften nachgehen konnten. Dass sich im vergangenen Herbst 700 Hells Angels aus der ganzen Welt im Ortsteil Biesdorf trafen, wird erst im April 2016 bekannt, weil Schreiber nach einem Tipp eine Anfrage stellte. Er bekommt inzwischen viele Hinweise. Auch von Polizisten, die hoffen, dass sich Schreiber für ihre Interessen einsetzt. Denn kein Abgeordneter kämpft so laut für Personalverstärkung wie er.

Das macht er ohnehin gern: Forderungen stellen. Schreiber hat das italienische Modell zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität vorgeschlagen, was hieße: Wird illegales Geld beschlagnahmt, geht die Hälfte in die Sanierung des Berliner Haushalts, die andere wird in weitere Ermittler und Technik investiert. Schreiber will ein Aussteigerprogramm für Rocker. Eine gemeinsame Wache von Landes- und Bundespolizei am Alexanderplatz. „Ich behaupte nicht, dass alle meine Ideen genial sind“, sagt er. Welche denn nicht? „Vielleicht die Sache mit den Segways.“ Schreiber wollte Polizisten mit den fahrenden Untersätzen ausrüsten, für nächtliche Patrouillen. Tagsüber sollte das Ordnungsamt mit den Segways Knöllchen eintreiben. Der Vorschlag wurde fraktionsübergreifend belächelt.

Als Schreiber anfing mit der Parteipolitik, interessierte er sich wenig für Sicherheitsfragen. 2001 wird er in die Bezirksversammlung Treptow-Köpenick gewählt, kümmert sich um Jugendthemen. Er engagiert sich dann aber auch gegen die Neonazi-Kameradschaft „Berliner Alternative Südost“, deren Mitglieder im Bezirk Hakenkreuze schmieren und undeutsch aussehende Imbissverkäufer verletzen. 2006 schafft es Schreiber ins Abgeordnetenhaus, 27 ist er da, in der Fraktion werden Zettel verteilt, auf denen soll jeder ankreuzen, in welche Ausschüsse er will. Schreiber wünscht sich den Innenausschuss und den für Verfassungsschutz, er darf in beide, so geht es los.

Inspiriert von Bad Boy Uli

In den folgenden Jahren wühlt er sich in die Themen ein. Zum Beispiel die Rocker. Als Vorbereitung auf eine Podiumsdiskussion kauft er sich 2012 „Höllenritt“, die Autobiografie von Ulrich Detrois, einem ehemaligen Hells Angel. Im Buch erklärt der Aussteiger mit dem Szenenamen „Bad Boy Uli“, wie Rocker mit Drogenhandel und Zwangsprostitution Geld verdienen. Tom Schreiber liest es im Türkeiurlaub am Strand. Leg doch mal das blöde Buch zur Seite, sagen seine Freunde. Aber das Thema lässt ihn nicht mehr los.

Bald kennt Schreiber die Unterschiede zwischen Hells Angels, Bandidos, Gremium und Mongols, er weiß, warum sie verfeindet sind, was ihre Abzeichen bedeuten und warum so wenige von ihnen verurteilt werden: weil Opfer und Augenzeugen unter Druck gesetzt werden. Kommt es zur Gerichtsverhandlung, sind sie so eingeschüchtert, dass sie keine Aussagen mehr machen. Viele behaupten, sie könnten sich nicht erinnern.

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