Vor den Wahlen im Iran : „Sie töten uns. Jeden Tag könnte es auch mich treffen.“

Einer seiner Freunde wurde erschossen. Reza will trotzdem demonstrieren – und die Wahlen am Freitag boykottieren. Warum die Wut junger Iraner weiter wächst.

Im Januar demonstrierten Iraner vor der Amirkabir-Universität gegen Versuche der Regierung, den Flugzeug-Abschuss zu vertuschen.
Im Januar demonstrierten Iraner vor der Amirkabir-Universität gegen Versuche der Regierung, den Flugzeug-Abschuss zu vertuschen.Foto: AFP

Es ist kurz vor ein Uhr morgens, als sein Handy vibriert. Der 30-jährige Reza liegt im Bett. „Reza. Sie haben ihn erschossen.“ – „Wen?“ – „Borhan.“

Borhan Mansournia im Sommer 2019. Im November schießen iranische Sicherheitskräfte auf ihn. Zwei Tage später stirbt er.
Borhan Mansournia im Sommer 2019. Im November schießen iranische Sicherheitskräfte auf ihn. Zwei Tage später stirbt er.privat

Iranische Sicherheitskräfte schießen auf Borhan Mansournia, als er am 16. November 2019 in der westiranischen Stadt Kermanschah demonstriert. Die Kugel trifft ihn in den Rücken. Zwei Tage später stirbt der 28 Jahre alte Tierarzt im Krankenhaus an seinen inneren Verletzungen. Von Borhans Tod erfährt Reza durch eine Freundin per SMS, das Internet funktioniert seit zwei Tagen nicht. Die iranische Regierung hat es als Reaktion auf die Unruhen gesperrt.

Borhan Mansournia ist einer von etwa 1500 Menschen, die im Iran während der Proteste gegen die Regierung getötet werden. Die Zahl meldete die Nachrichtenagentur Reuters mit Bezug auf Mitarbeiter des iranischen Innenministeriums. Eine Benzinpreiserhöhung hatte die Proteste ausgelöst. Demonstranten, unter ihnen viele Arbeiter, versammeln sich in Straßen und auf Plätzen, rufen Slogans wie „Tod dem Diktator“ und fordern das Ende der Islamischen Republik.

Am vergangenen Sonntag versammeln sich in Teheran wieder Menschen. Etwa 100 rufen vor der Amirkabir-Universität zum Boykott der iranischen Parlamentswahlen auf, die am Freitag stattfinden. Sprechchöre erinnern unter anderem an die Opfer der Proteste, bei denen auch Borhan Mansournia starb.

Als Reza am Montag aufwacht, schreibt er dem Tagesspiegel: „Ich habe geträumt, an Protesten teilgenommen zu haben. Als sie anfingen, auf mich zu schießen, wachte ich auf.“

Bisher gab es anlässlich der Wahlen lediglich vereinzelt Kundgebungen von oppositioneller Seite. Doch schon bald könnten es mehr werden: In sozialen Medien und in Chatkanälen rufen Aktivisten zum Boykott der Wahl auf, fordern einen Regimewechsel. „Ich weiß nicht, ob die Demonstrationen groß werden, aber ich denke, es wird welche geben“, sagt Reza. In den vergangenen Wochen hat er dem Tagesspiegel per Videochats und mit Text- und Sprachnachrichten über die Lage im Iran berichtet.

„Die gewählte Regierung hat keine Macht“

Wie viele junge Iraner hat auch Reza nicht vor, wählen zu gehen. Jeder wisse doch, sagt der 30 Jahre alte Sprachlehrer, dass die Ergebnisse manipuliert würden. „Mit den Wahlen will das Regime der Welt zeigen, dass die Menschen mit ihm einverstanden sind. Aber das ist nicht der Fall.“

Weder Reza noch seine Freunde glauben, dass sie mit ihrer Stimme Einfluss nehmen können: „Die gewählte Regierung hat keine Macht. Sie setzt nur um, was das Regime ihr aufträgt.“ Tausende Kandidaten hat der Ältestenrat nicht einmal zu den Parlamentswahlen zugelassen. Von den Zugelassenen kommen unbestätigten Medienberichten zufolge mehr als 75 Prozent aus den Lagern der Konservativen und Hardliner.

Boykott der Wahl als Ausdruck der Ablehnung

Nicht zu wählen sehen Reza und viele in seinem Umfeld als einzige Möglichkeit, ihre Ablehnung zum Ausdruck zu bringen: „Wir zeigen damit, dass wir bei dieser großen Lüge, die sie Wahlen nennen, nicht mitmachen“, sagt Reza. „Indem wir nicht wählen gehen, zwingen wir das Regime zumindest, noch mehr zu lügen, statt uns für ihre Zwecke zu benutzen.“

Bürger der Islamischen Republik haben nur wenige Möglichkeiten, ihre Unzufriedenheit mit dem Staat zu kommunizieren. Doch trotz drohender Repressionen haben sich in den letzten Monaten Proteste gehäuft – die Demonstrationen im November waren die größten im Iran seit 2009.

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Wütende Proteste im Iran - Trump unterstützt Demonstranten
Wütende Proteste im Iran - Trump unterstützt Demonstranten

Zuletzt gingen Mitte Januar Menschen auf die Straße. Anlass war der Abschuss des Flugzeugs PS752, alle 176 Insassen sterben, darunter viele Iraner, das iranische Staatsfernsehen spricht zunächst von einem technischen Defekt. Die Regierung gibt erst nach drei Tagen zu, die Maschine abgeschossen zu haben – das Flugzeug sei für eine US-Rakete gehalten worden. Diesmal demonstrieren vor allem Studenten und Angehörige der Mittelschicht. „Halunken“, skandieren Demonstranten, wie auf Videos zu sehen ist. Dann landet ein Tränengas-Kanister inmitten der Menschen.

Videos aus Teheran zeigen blutende Demonstranten. Zwei Mal in kurzer Zeit begehrten die Iraner in großer Zahl auf, zwei Mal wurden die Proteste erstickt. Die Revolution blieb vorerst aus.

„Was habe ich schon zu verlieren?“

Jetzt, anlässlich der Wahlen am Freitag, hoffen Regimekritiker auf eine weitere Protestwelle – und fürchten sie zugleich, denn wer im Iran demonstriert, kann sein Leben verlieren. Selbst wer sich kritisch über die Islamische Republik und ihre Führung äußert, riskiert den Verlust des Jobs oder eine Gefängnisstrafe. Politische Gefangene müssen mit Folter und Misshandlungen rechnen. Deshalb heißt Reza eigentlich anders, auch die westiranische Stadt, in der er lebt, soll hier nicht genannt werden. Borhan Mansournia hingegen heißt tatsächlich so. Es sei der Wunsch der Familie, dass der Fall öffentlich bekannt wird, heißt es aus ihrem Umfeld.

Reza, der ein guter Freund Borhans war, sagt: „Es kann jeden von uns treffen, jederzeit.“ Trotzdem würde er auf die Straße gehen, sollten sich die Proteste wieder ausweiten. „Das Leben hier ist eine Hölle“, sagt er. „Eine Zukunft habe ich nicht. Was habe ich schon zu verlieren?“

Die Preise für Brot und Gemüse stiegen um fast das Doppelte

Es ist ein Sonntag Ende Januar, 16 Uhr iranischer Zeit, als Reza vor seinem Handy auf dem Boden seines Zimmers sitzt und per Videochat mit dem Tagesspiegel spricht. „Die Regierung tut alles, um Demonstrationen zu zerschlagen. Auch meinen Freund haben sie getötet.“

Nach knapp zwei Wochen hat die Regierung die Proteste im November niedergeschlagen. Amnesty International kritisiert das „brutale und tödliche Vorgehen“ der Staatsmacht. Der Tod seines Freundes habe ihn noch mehr als zuvor von der Brutalität des Regimes überzeugt, sagt Reza. „Ich war so wütend wie noch nie in meinem Leben. Wir sind doch keine Kriminellen. Wir protestieren nur, damit unser Leben besser wird.“ Er verstehe nicht, „warum wir deshalb sterben müssen“.

Die Proteste sind auch eine Folge der wirtschaftlichen Lage im Iran, die sich in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert hat – vor allem, seitdem die USA neue Sanktionen gegen das Land verhängt haben. Allein 2018 verlor der Rial 60 Prozent seines Wertes. Gleichzeitig sind die Preise für Brot und Gemüse im vergangenen Jahr um fast das Doppelte gestiegen. Der Preis von Kartoffeln hat sich laut iranischer Statistikbehörde innerhalb eines Jahres sogar vervierfacht.

Alternativlos. Viele junge Menschen wollen die Parlamentswahl am Freitag boykottieren.
Alternativlos. Viele junge Menschen wollen die Parlamentswahl am Freitag boykottieren.Foto: Atta Kenare/AFP

Wie viele seiner Generation, die in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Straße gehen, lehnt sich Reza auf – gegen die Politik des Iran, gegen Korruption, gegen Misswirtschaft, die daraus folgende Armut, aber auch für mehr Meinungs-, Presse- und persönliche Freiheit. „Der Iran ist ein Gefängnis“, sagt er. „Ich darf nicht sagen, was ich will. Ich darf mich nicht so kleiden, wie ich möchte.“ Die Regierung kontrolliere jeden Aspekt seines Lebens. „Manchmal kommt es mir vor, als dürfe ich nicht einmal denken, was ich denken will.“

Sich gegen das Regime zu engagieren, ist im Iran nicht leicht. Reza lebt in der westiranischen Provinz Kordestan. Das öffentliche Leben der Stadt, in der er wohnt, findet vor allem um den Basar im Zentrum herum statt. Aber um sich auszutauschen, treffen sich Reza und seine Freunde lieber abseits.

Es kann immer sein, dass man verraten wird

Im Sommer gehen sie im umliegenden Zagros-Gebirge oder im Wald wandern. Im Winter kommen sie zum Essen zusammen oder feiern private Partys. Sie finden ausnahmslos in ihren Wohnungen oder in denen ihrer Eltern statt. Unter Menschen, denen man nicht voll und ganz vertraut, kritisch über das Regime zu sprechen, sei gefährlich: „Es kann immer sein, dass man verraten wird.“

Wie riskant es ist, sich dem Regime zu widersetzen, zeigen auch Rezas Erlebnisse während der Proteste. „Am Morgen des 16. November haben ich und neun Freunde beschlossen, dass wir auch in unserer Stadt etwas tun müssen. Wir fingen an, eine Demonstration zu organisieren.“ Obwohl er schon immer gegen die Regierung gewesen sei, wäre es die erste Demonstration in seinem Leben geworden.

Das Flugblatt wird entdeckt, ein Freund verschwindet

Einer seiner Freunde schreibt ein Flugblatt. Darin fordert er den Staat auf, Gelder, die in verschiedene religiöse Ämter und Institutionen fließen, dafür zu verwenden, die Benzinpreise niedrig zu halten – ein Vorschlag der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die in Großbritannien im Exil lebt. „Am nächsten Tag wollten wir auf die Straße gehen.“

Doch es kommt anders: Am 17. November ist der Freund, der das Flugblatt verfasst hatte, spurlos verschwunden – wie Reza erst später erfährt, hat ein Polizist den Aufruf in die Hand bekommen. Rezas Freund sitzt aktuell eine fünfmonatige Haftstrafe ab. Die Gruppe entscheidet, dass es jetzt zu gefährlich wäre, auf die Straße zu gehen.

Für die 1979 gegründete Islamische Republik sind Menschen wie Reza Kriminelle. Der religiöse Führer Chamenei diskreditiert Demonstranten als „Handlanger der Vereinigten Staaten“. Reza sagt: „Ich bin gegen das iranische Regime, aber ich unterstütze auch die Politik der USA nicht. Ich stehe auf keiner Seite. Ich will einfach nur eine Zukunft. Hier habe ich keine.“

Qassem Soleimani wird in Iran als Märtyrer verehrt.
Qassem Soleimani wird in Iran als Märtyrer verehrt.Foto: Nazanin Tabatabaee/Reuters

Die Proteste der vergangenen Monate zeigen, wie unzufrieden ein Teil der Iraner mit dem Kurs ihrer Regierung ist. Als die USA zwischen den beiden Protesten den einflussreichen General Qassem Soleimani töteten, wandelte sich das Bild jedoch vorübergehend: Aufnahmen von schwarz gekleideten, um ein Mitglied der Regierung trauernden Menschenmassen gingen um die Welt. „Das Regime versucht, Soleimani zu einem Helden zu stilisieren“, sagt Reza über die Trauerfeierlichkeiten zu Ehren des Generals.

Beamte drohen Mansournias Familie mit Folter

Nun soll auch der Tod Borhan Mansournias dem Regime nutzen. „Sie wollen die Eltern zwingen, im iranischen Fernsehen zu sagen, er sei im Kampf für die Regierung gestorben – und nicht im Protest gegen sie“, sagt Reza. Die Regierung wolle ihn zu einem Märtyrer erklären, der für das Regime gestorben ist.

Tue die Familie das nicht, werde man die drei verbliebenen Brüder Borhans verhaften. Beamte drohten am Telefon sogar offen mit Folter. Jemand aus dem unmittelbaren Umfeld der Familie bestätigt dem Tagesspiegel diese Aussagen telefonisch.

Borhan Mansournia wurde in der Stadt Marivan begraben. Die Familie des Toten wird von der Regierung unter Druck gesetzt.
Borhan Mansournia wurde in der Stadt Marivan begraben. Die Familie des Toten wird von der Regierung unter Druck gesetzt.privat

Mansournias Tod passt nicht ins Bild

Aber warum? Vielleicht, weil Borhans Tod das Bild ins Wanken bringt, das von den Protesten gezeichnet wurde – dass vor allem „Banditen“ demonstriert haben. Und dass es kurzlebige Unruhen innerhalb der Arbeiterklasse waren. Borhan Mansournia passt nicht in dieses Bild: Er hatte einen Doktortitel und kam aus einer angesehenen Akademikerfamilie. Auch Rezas Mitstreiter haben unterschiedliche soziale Hintergründe: Einige haben studiert und sind zum Beispiel Lehrer. Andere wiederum arbeiten als Handwerker, Buchhändler, Obstverkäufer.

Menschenrechtsorganisationen haben den Fall Borhan Mansournias über den Iran hinaus publik gemacht. Sein Tod hat internationale Aufmerksamkeit erregt – bis in die Popkultur hinein: Während eines Konzerts in Paris projizierte die im Iran populäre Sängerin Googoosh im Dezember ein Foto von ihm und anderen getöteten Demonstranten auf eine Leinwand. In Los Angeles lässt sich ihre Kollegin Leila Forouhar mit einem Poster fotografieren, das zwei Bilder von Borhan zeigt.

130 Euro – zum Leben reicht das kaum

Reza will, dass die Welt auf den Iran schaut. „Sie töten uns. Jeden Tag könnte es auch mich treffen.“ Fragt man ihn, was er sich wünscht, sagt er: „Ich will Freiheit.“ Und die Möglichkeit, etwas Geld zur Seite zu legen.

Zurzeit sei das nicht möglich. Als Lehrer verdient Reza monatlich knapp 130 Euro. Zum Leben reiche das kaum. Von seinem Gehalt zahlt Reza die Miete für seine Unterrichtsräume und trägt Schulden ab, die er gemacht hat, um die Kaution für die Räume zahlen zu können.

Eine Krankenversicherung hat er nicht, für sein Essen kommen seine Eltern auf, bei denen er gemeinsam mit seinen zwei Schwestern und einem Neffen lebt. Zu sechst teilen sie sich drei Zimmer und eine Außentoilette. Reza sagt: „Die ganze Welt spricht davon, dass Krieg kommen könnte. Dabei stecken wir hier schon längst mitten im Krieg: in einem finanziellen.“

Im Videochat erzählt Reza, wie es ihm seit dem Tod seines Freundes ergangen ist: „Ich versuche, die Hoffnung für das Land und mein Leben hier nicht aufzugeben. Aber manche Sachen sind mächtiger als meine Hoffnung.“ Er habe Angst, weitere Freunde oder Familienmitglieder zu verlieren. „Für die Regierung sind wir keine Menschen, wir sind Zahlen.“

Trotzdem spricht Reza in jüngster Zeit noch mehr über die Missstände, sagt er – mit Freunden, aber auch mit seinen Privatschülern. „Es ist meine Verantwortung, sie zu informieren und zu zeigen, dass nicht alle das Regime unterstützen.“ Das sei zwar verboten. „Aber wir müssen sie doch irgendwie bekämpfen.“ Er sei sich sicher, dass das Regime sich nicht für immer halten könne. „Aber ich glaube nicht, dass ich sein Ende noch miterleben werde.“

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