103 Enthaltungen? Ein Raunen geht durch den Saal

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Wahl des Bundespräsidenten : Eine Übung in Demut für die Union
Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz im Reichstag
In ihrer Mitte. Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz im Reichstag.Foto: dpa, Gregor Fischer

Doch auf dem Weg liegt neuerdings dieser Stolperstein. Schulz zieht inzwischen in allen Umfragen praktisch gleichauf mit Merkel. Und was noch wichtiger ist: Seine SPD ist plötzlich wieder auf Augenhöhe mit der Union. Keiner lacht mehr, wenn der Kandidat das Kanzleramt beansprucht. In diesem euphorischen Aufschwung erscheint die Bundespräsidentenwahl auf einmal doch als das, was ihr seit Langem nachgesagt wird: als eine Richtungsentscheidung. Für die SPD scheint es, als würden Weihnachten, Ostern und alle anderen Feiertage an diesem Sonntag in Berlin zusammenfallen.

Schulz selbst übt sich übrigens in staatsmännischer Bescheidenheit. Die Bundespräsidentenwahl werde „keinen Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl“ haben, sagt er dem Team des ZDF. Der Kandidat weiß, dass der Bundespräsident überparteilich agieren muss. Lammert hat darin in seiner Rede erinnert. Aber der CDU-Mann hat auch aus dem einschlägigen Urteil des Verfassungsgerichts den Zusatz zitiert, dass das Staatsoberhaupt „nicht neutral oder meinungslos“ sein müsse.

Die Union sitzt am Vorabend gesellig beisammen

Die Union hat am Vorabend ebenfalls ein geselliges Beisammensein. Es geht da aber nicht ganz so fröhlich zu. CDU und CSU treffen sich abends im Maritim-Hotel und vorher am Samstagnachmittag zur Fraktionssitzung im Reichstag. Merkel und Seehofer appellieren an die Geschlossenheit. Merkel findet auf merkelsche Weise nette Worte für den Kandidaten Steinmeier: der sei „nicht irgendein Sozialdemokrat“, sondern schon sehr geeignet für das höchste Staatsamt.

Leider hat ein Delegierter aufgezeigt und gefragt, also, er wolle ja nichts falsch machen morgen – wo er denn auf dem Wahlzettel den Kandidaten der Union finde? „Das hat die Stimmung ein bisschen versaut“, sagt einer, der die Geschichte erzählt. Wo doch jeder weiß, dass es keinen Kandidaten der Union gibt. CDU und CSU stellen 539 Delegierte, mit Abstand die größte Gruppe. Aber die Größe nützt gar nichts. Sie sollen Steinmeier wählen. Den Sozialdemokraten.

Stehender Applaus. Vorm ersten Wahlgang hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert, CDU, eine über die Fraktionsgrenzen hinweg gelobte Rede gehalten.
Stehender Applaus. Vorm ersten Wahlgang hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert, CDU, eine über die Fraktionsgrenzen hinweg...Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Es gibt verschiedene Strategien, damit umzugehen. „Der ist doch gar kein Sozi“, tröstet sich Entwicklungsminister Gerd Müller von der CSU. „Das ist eingepreist“, sagt Julia Klöckner, die CDU-Chefin von Rheinland-Pfalz, über die Niederlage. Sie ärgert sich dann aber doch darüber, dass sie jetzt vor jeder Kamera Fragen zu diesem Martin Schulz beantworten muss, bei denen die Fragesteller davon auszugehen scheinen, dass der das Kanzleramt schon so gut wie sicher hat. „Man kann sich die Welt auch schlechtreden“, schimpft Klöckner.

Das stimmt schon, theoretisch. Nur gibt es schließlich auch in der Union Leute, die sich ernsthafte Sorgen machen, ob nicht der Schulz-Hype in der öffentlichen Wahrnehmung eine Sicht auf die Dinge festschreibt, die sich dann später nur noch sehr, sehr schwer wird ändern lassen: Hier der umjubelte Schulz mit steil nach oben geschossenen Umfragen, dort Merkel und Seehofer mit heruntergezogenen Mundwinkeln in Abneigung vereint. Wie man das ändern könnte? „Das ist die Aufgabe der Chefin“, sagt ein CSU-Mann. „Sie muss jetzt zwei, drei Bilder setzen!“ Aber solange sein eigener Chef solche Bilder setzt wie an diesem Sonntag, wird das nicht viel nutzen.

Durch den Reichstag schrillt am frühen Nachmittag die Glocke und ruft alle zurück in den Saal. Die lange Prozedur der Abstimmung ist vorbei, die Auszählung beendet. Lammert bekommt das Ergebnis von einem Schriftführer aufs Podium hochgereicht. 1253 Delegierte haben abgestimmt. „Enthaltungen – 103“, liest der Sitzungspräsident vor. Ein Raunen geht durch den Saal. Wenn man die Stimmen für die vier Kandidaten von Linken, Freien Wählern und AfD zusammennimmt und die immerhin zehn für Vater Sonneborn dazu, dann kann das nur heißen: Da müssen sich neben dem ein oder anderen Grünen oder FDP-Anhänger auch größere Mengen Unionsdelegierte der erbetenen Geschlossenheit verweigert haben. Noch so ein Bild, das eine Kanzlerin nicht stärkt.

Es langt natürlich trotzdem

Es langt für ihn natürlich trotzdem: „Frank-Walter Steinmeier – 931.“ Merkel ist vorneweg mit einem Blumenstrauß, Seehofer kommt direkt danach, dann folgt eine lange Schlange. Lammert kann sich kaum durchsetzen mit der letzten, aber notwendigen Formalie der Demokratie: Er müsse ja nun wenigstens fragen, ob der Kandidat das Amt annimmt. „Ich nehme die Wahl an“, ruft Steinmeier über die Gratulanten hinweg.

Einfach wird es nicht, das weiß er. „Wenn wir anderen Mut machen wollen, brauchen wir selber Mut“, sagt das künftige Staatsoberhaupt. Mut, Werte, das Fundament des alten Westens, das demokratische Ringen um Lösungen, der Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments sind seine Stichworte. „Liebe Landsleute, lasst uns mutig sein, dann ist mir um die Zukunft nicht bange“, schließt Steinmeier die kurze Ansprache. Mut ist das staatsbürgerliche Mittelding zwischen Frohmut und Missmut. Passt also.

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