• Wenn die Gondeln Mundschutz tragen (7): Wie ich auf Schloss Neuschwanstein das erste Homeoffice der Welt bestaune und König Ludwigs Stimme höre

Wenn die Gondeln Mundschutz tragen (7) : Wie ich auf Schloss Neuschwanstein das erste Homeoffice der Welt bestaune und König Ludwigs Stimme höre

Jetzt oder nie: Nach Traumtagen in Venedig steuern wir die nächste Touristenattraktion ohne Touristen an – Disneys weltberühmtes Märchenschloss.

Aline von Drateln
Das sonst überlaufene Märchenschloss Neuschwanstein war acht Wochen ohne einen einzigen Besucher.
Das sonst überlaufene Märchenschloss Neuschwanstein war acht Wochen ohne einen einzigen Besucher.Foto: Aline von Drateln

Um einmal allein auf dem Markusplatz zu sein, fuhr unsere Kolumnistin mit Mann, Kindern und einer Großpackung Mund-Nasen-Masken 1.135 Kilometer im Auto nach Venedig. Jetzt ist sie auf dem Rückweg. Und nutzt die Chance für einen unwirklichen Rundgang.

Es war einmal ein König, der wohnte in einem Märchenschloss. Er hatte es für sich ganz allein bauen lassen. Keine Gesellschaften, keine Gäste. Und weil gerade das Telefon erfunden wurde, konnte er von hier aus auch regieren. Das erste Homeoffice der Welt. Er wurde für verrückt erklärt.

134 Jahre später regiert ein Virus die Welt. Und weil eine Moderatorin nicht von zu Hause aus arbeiten kann, fahre ich mit meiner Familie durch Europa zu den berühmtesten Touristenattraktion, die jetzt nur noch Attraktionen sind, ohne Touristen. Neuschwanstein ist keine Stadt. Es ist nicht mal eine Ortschaft. Neuschwanstein ist nur das Schloss. Alles drumherum dient der Sehenswürdigkeit.

Empfehlungen klingen hier wie Befehle

Unser Hotel wirbt im Internet mit Schlossblick. Wie jedes andere der handvoll Häuser hier auch. Es gibt keinen anderen Grund, hierher zu kommen, als das Schloss zu sehen. Weil das Spa im Hotel noch nicht öffnen darf, gibt´s als Ersatz an der Rezeption beim Check-in eine Schachtel Pralinen und ein Fläschchen Alkohol… Desinfektionsmittel natürlich. Und vielleicht waren die vier Pralinen auch Seife.

Strikte Hygieneregeln im Hotel.
Strikte Hygieneregeln im Hotel.Foto: Aline von Drateln

Hier misst und klebt man gerne Verbote. Abstandsregeln von 1,50 Meter sogar in dem 1,5 Quadratmeter kleinen Fahrstuhl. Empfehlungen klingen hier wie Befehle. An unserer Tür klebt ein Hygienesiegel, das ich resolut mit der Zimmerkarte zerstören muss wie eine TV-Kommissarin bei der beschlagnahmten Wohnung.

Die sterilen Zimmer wirken plötzlich fürsorglich

Es ist diese Art von Hotel, das moderne Standards erfüllen will und die Hotelbar deshalb „Lounge“ nennt, wo es am Kopfteil des Bettes aber keine Steckdosen gibt, dafür eine rutschfeste Badewanne. Ein Hotel für die Generation von Gästen, für die „schön“ gleich „sauber“ bedeutet. Die sterilen Zimmer wirken plötzlich fürsorglich.

Der Regen in den Tagen rund um die Europäischen Grenzöffnungen verlangt nach Gemütlichkeit, die Suche danach gestaltet sich schwieriger als gedacht in diesem kleinen Ort, der ausschließlich dazu angelegt wurde, Millionen von Menschen zu beherbergen und abzuspeisen.

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„Die Alpenstuben“ klingen einladend. Trotz „Mir San Mia“-Mentalität tragen die Kellner neben Schweinshaxen Mund-Nase-Maske. „Haben´s reserviert?“, fragt der eine. Überflüssige Dekorationen wie Blumengestecke auf den Tischen hat man sich hier schneller abgewöhnt als die antrainierte Frage. Die Stube ist halb leer. Die Tische sind ausnahmslos paarweise besetzt, alle unterhalten sich nur gedämpft.

Zwei kleine Hündchen am Tisch eines belgischen Pärchens heben die Stimmung meiner Tochter. „Was heißt „streicheln“ auf englisch?“, fragt die Zehnjährige. „Kill“, antwortet ihr großer Bruder. Nach unserem viertägigen Trip sehnt sich der Teenager nach Isolation.

Tex und Victoria aus Belgien mit den Hunden „Prada“ und „Kenzo“.
Tex und Victoria aus Belgien mit den Hunden „Prada“ und „Kenzo“.Foto: Aline von Drateln

Das Schloss zu schließen hat vorher nur ein Weltkrieg geschafft

Ludwig II war kein Menschenfreund. Er mochte Schwäne. Leise Tiere, solange man sie in Ruhe lässt. Er ist der Social-Distanceking. Bereits sechs Wochen nach seinem Tod im See kamen Schaulustige in Scharen in sein Schloss. 180.000 im ersten Halbjahr. Das war 1886. Heute sind es 6.000 am Tag. Eigentlich.

Wir gehören zu den wenigen ersten Besuchern nach acht Wochen Schließzeit. Das Schloss zu schließen hat vorher nur ein Weltkrieg geschafft.

Im Morgennebel sieht dieser Ort noch unwirklicher aus. Hier wohnt ja niemand, außer der Touristen. Das Personal fährt nach der Schicht nach Hause nach Füssen. Oder in irgendeinen anderen Nachbarort mit dm oder Edeka. Neuschwanstein ist ein Geisterschloss. Der Aufstieg dorthin ein einsamer Waldspaziergang.

Im Schloss müssen Mund und Nase bedeckt sein.
Im Schloss müssen Mund und Nase bedeckt sein.Foto: Aline von Drateln

Die wenigen Touristen, die sich oben im Schlosshof sammeln, tauschen verschwörerische Blicke. Das triumphierende Lächeln, das Disneyschloss im Alleingang zu erleben, bleibt wegen des Mundschutzes verborgen. Nur mit Führung darf Neuschwanstein besichtigt werden. Im Zehn-Minuten-Takt. Dank Corona sind wir nicht 60 pro Gruppe, sondern zu zehnt.

Ein Ort, der das Alleinsein feiert

Der halbfertige Thronsaal ohne Thron, Schwänezählen im Arbeitszimmer, das Schlafzimmer, in dem Ludwig entmündigt wurde. Wenige Fragen, viel Schweigen. Noch mehr Staunen. Warum gilt ein Monarch, der lieber träumt als tötet, als absonderlich?
Kriegsherren königlicher als Hedonisten? Der Regen rauscht vor den kleinen Fenstern der verspielten Türmchen.

Eiffelturm zu verkaufen.
Eiffelturm zu verkaufen.Foto: Aline von Drateln

Kein Blinzeln nach dem Verlassen des Gebäudes. Der Himmel ist wolkenverhangen. Die Stimmung der Verkäuferin am Souvenirstand auch. Hier drängeln sich sonst die vielen Menschen, die sich erinnern wollen an den Ort, der das Alleinsein gefeiert hat.

Zwischen Miniatur-Neuschwansteinen, Plastikschwänen und König-Ludwig-Fingerhüten steht einsam ein Eiffelturm. „Eine Fehllieferung“, sagt die Verkäuferin. „Aber für einen Euro werde ich ihn vielleicht trotzdem los.“

Von weitem sieht alles gleich aus. Als wir uns auf den Rückweg machen, hat der Regen aufgehört. Sogar der Wind ist still. Und durch die langsam vorbei ziehenden Wolkenschwaden ist mir, als hörte ich die Stimme Ludwigs: „Stay at home!“.

Lesen Sie hier die vorangegangene Folge des Reiseberichts Wie ich meinem Mann in Venedig die ultimative Frage stelle und eine Entscheidung fürs Leben treffe.

Folge 5: Wie ich endlich in Venedig ankomme – und meine Liebe zum ersten Mal nackt sehen kann.

Folge 4 : Wie wir in Verona verunsichert vor einem Balkon stehen und in einem Parkhaus eine große Überraschung erleben.

Folge 3: Wie wir als einzige Menschen am Brenner eine unheimliche Raststätte betreten.

Folge 2: Wie wir mit dem Auto nach Venedig aufbrechen und das schon am Schkeuditzer Kreuz bereuen.

Folge 1: Wie ich mich entschließe, die Chance meines Lebens zu nutzen und nach Venedig zu fahren, aber behaupte, es ginge an den Müggelsee.