Der Bundestrainer wird von nun an ein Getriebener sein

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WM-Aus der Nationalelf : DFB-Chef Grindel hat sich Joachim Löw völlig ergeben
DFB-Präsident Reinhard Grindel
DFB-Präsident Reinhard GrindelFoto: dpa/Martin Schutt

Doch der Bundestrainer wird von nun an ein Getriebener sein. Er wird in viele Richtungen Druck ausüben müssen – den Druck, den er seit dem WM-Gewinn vor vier Jahren nicht mehr zu spüren bekommen hat, weder von der Öffentlichkeit, die ihren Bundes-Jogi feierte, noch von seinem Arbeitgeber, der sich im güldenen Glanz des Weltpokals sonnte. Löw schwebte. Der Bundestrainer müsse niemandem mehr etwas beweisen, war während der WM selbst aus dem Umfeld der Nationalmannschaft zu hören, er mache nur noch, was und wann er wolle.

Irgendwann ist ihm diese Haltung in die Quere gekommen. Löw wirkte selbstzufrieden, ja selbstgefällig. Und so spielte seine Mannschaft.

Ob er erkennt, dass von ihm wieder mehr kommen muss? Vorerst ist er abgetaucht. Eine schnelle Analyse der Weltmeisterschaft wird es nicht geben. Erst Ende August ist mit seiner Erklärung zu rechnen. Zwei Monate werden dann vergangen sein seit dem Aus. Eine quälend lange Zeit, wie aus dem Verband inzwischen zu hören ist. Denn solange Löw schweigt, wird es keinen neuen Sachstand geben. Und ohne neuen Sachstand keine sachliche Diskussion. Wieder einmal ist der Verband eingeknickt und hat sich damit arrangiert, dass sein erster Trainer nach seiner eigenen Zeitrechnung lebt.

Es gibt keinen Plan

Mit seinem Krisenmanagement schreibt der DFB die WM-Performance der Mannschaft auf dem Platz fort: Es gibt keinen Plan, keine abgestimmten Laufwege, nur zielloses Ballgeschiebe. Jeder macht das, von dem er glaubt, dass es für ihn das Beste sei. Ausgeschlossen ist es nicht, dass auch den Funktionären ein vorzeitiges Ausscheiden droht.

Bei ihren Versuchen, sich zu erklären, haben sie sich jedenfalls ähnlich dilettantisch verhalten wie bei der Handhabung der Personalie Löw: Da war zunächst das Interview von Oliver Bierhoff mit der „Welt“, von dem vor allem hängen geblieben ist, es wäre vielleicht besser gewesen, Mesut Özil nicht für die WM zu nominieren. Am Tag danach sitzt der Manager der Nationalmannschaft im Studio des ZDF und muss erklären, dass es so natürlich nicht gemeint gewesen sei. „Ich hoffe, dass es glaubwürdig rüberkommt.“ In der Öffentlichkeit aber hat sich längst der Eindruck verfestigt, dass der erste prominente Vertreter von Özil abrückt, nachdem der sich Mitte Mai gemeinsam mit Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen hat.

Zwei Tage später äußert Grindel im „Kicker“ seinen Wunsch, Özil möge sich doch bitte in dieser Angelegenheit erklären. Die Fans seien enttäuscht und erwarteten von ihm zu Recht eine Antwort. Einen Monat zuvor hatte der DFB-Präsident in einem Interview mit der „Zeit“ noch ganz anders geklungen. Özil und Gündogan hätten versichert, alles für die deutsche Mannschaft zu geben. „Mein Wunsch ist, dass unsere Fans sie dabei unterstützen.“ Und überhaupt, fragt Grindel: „Glauben Sie ernsthaft, Mesut Özil und Ilkay Gündogan seien unser wahres Problem in Deutschland?“

Ja, im Moment könnte man fast glauben, dass Özil zum Problem gemacht werden soll. Vielleicht, um von den eigentlichen Schwierigkeiten abzulenken. Denn als es vor der WM noch um den sportlichen Erfolg ging, war zum Thema Erdogan angeblich alles gesagt; jetzt aber, da es der Führung an den Kragen gehen könnte, soll sich Özil bitte erklären.

Wenn es sportlich nicht läuft, wird plötzlich vieles denkbar. So war es auch vor 14 Jahren, als die Nationalmannschaft bei der EM in Portugal ebenfalls in der Vorrunde ausschied. Der DFB-Präsident hieß damals Gerhard Mayer-Vorfelder, ein Erzkonservativer, dessen Beliebtheitswerte sich beständig rund um den Nullpunkt bewegten. Aber selbst der stärkste Gegenwind konnte ihm nichts anhaben. Das änderte sich 2004. Nach dem frühen EM-Aus, vor allem aber nach Mayer-Vorfelders gescheitertem Versuch, Ottmar Hitzfeld als neuen Bundestrainer zu gewinnen, probten die Provinzfürsten unter Führung des Schatzmeisters Theo Zwanziger erfolgreich den Aufstand. Die jüngsten drei Präsidenten – Gerhard Mayer-Vorfelder, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach – sind alle vorzeitig aus dem Amt geschieden.

Großspuriges Auftreten

Anfang Juni, nach dem Testspiel gegen Österreich, fliegt Reinhard Grindel mit dem Nationalteam nach Südtirol zurück ins Trainingslager. Am nächsten Morgen trainiert Toni Kroos zum ersten Mal mit der Mannschaft. Kroos ist ihr größter Star und wichtigster Spieler; eine Woche zuvor hat er zum dritten Mal hintereinander mit Real Madrid die Champions League gewonnen, die wichtigste Trophäe des Vereinsfußballs. Auf der Internetseite des DFB gibt es später ein Video von dieser Trainingseinheit und eine Fotogalerie. Das Video wird angekündigt mit: „Grindel besucht die Mannschaft“, die Fotostrecke mit: „Grindel beim Training in Eppan“.

An Selbstbewusstsein hat es Grindel nie gemangelt. Bei seiner Verabschiedung aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion soll Reinhard Grindel gesagt haben, er habe beim ZDF Karriere gemacht, er habe beim DFB Karriere gemacht; nur in der CDU sei ihm das nicht gelungen. Das sage ja wohl einiges über das Scouting von Angela Merkel. Mag sein, dass das ironisch gemeint war, aber schon als Korrespondent beim ZDF sei Grindels Auftreten großspurig gewesen, erzählen ehemalige Kollegen; ein regelrechter CDU-Fanatiker sei er gewesen, der peinlich darauf achtete, dass in den Beiträgen nicht mehr O-Töne von SPD-Politikern vorkamen als von denen der Union. Auch deshalb gab es nach seinem Wechsel in die Politik unter den Berliner Korrespondenten ein stilles Einvernehmen, keine Interviews mit Grindel zu führen. Als DFB-Präsident ist er jetzt endlich ein gefragter Gesprächspartner.

Im Moment aber hält sich Grindel eher zurück. Nach seinem Interview im "Kicker" will er sich nicht mehr äußern. Der Verband macht sich klein, wohl mehr aus taktischen Gründen als aus echter Besorgnis. Dass die Medien das Krisenmanagement des DFB geißeln, Politiker Grindels und Bierhoffs Rücktritt fordern, das alles muss die Verbandsspitze nicht tangieren – solange sich die Bundesliga nicht gegen Grindel wendet. Und das tut sie nicht. Joachim Löw hat sich in der vorigen Saison durchaus kritisch über deren desaströse Europapokalauftritte gegen Mannschaften aus Schweden, Rumänien und Zypern geäußert. Zu den desaströsen WM-Auftritten von Löws Team gegen Mexiko, Schweden und Südkorea gab es hingegen keine einzige kritische Stimme aus der Bundesliga. Stattdessen nur Gruß- und Dankesbotschaften an den Bundestrainer.

Das liegt an einem Projekt, durch das die Klubs und der Verband eng miteinander verbandelt sind. Am 27. September fällt die Entscheidung, ob Deutschland oder die Türkei 2024 die Europameisterschaft austragen darf. Grindel hat diesen Tag als wichtiger für den deutschen Fußball bezeichnet als den Tag des WM-Endspiels. Eine erfolgreiche Bewerbung, so sagt er, würde den DFB in die Lage versetzen, „eine neue Geschichte zu erzählen“.

Der September könnte also zum Schicksalsmonat für den deutschen Fußball werden. Am 6. September steht das erste Länderspiel nach der WM an. Joachim Löw wird dann nicht nur beweisen müssen, dass er die Erneuerung wirklich ernst meint; er benötigt auch ein respektables Ergebnis gegen die Franzosen, die am Sonntag Deutschland als Weltmeister ablösen können. Und Grindel braucht am 27. September ein Ja zur EM. Sonst könnte die neue Geschichte des deutschen Fußballs ganz schnell von jemand anderem erzählt werden.

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