"4 Blocks"-Szenenbildner im Interview : "Berlin ist über-dreht"

Echter als echt: Der "4 Blocks"-Szenenbildner Claus Rudolf Amler findet ikonische Bilder der Stadt – wenn sie ihn lässt.

Raum für Gedanken. Claus Rudolf Amler im Rosenzimmer der Pension Funk in Berlin.
Raum für Gedanken. Claus Rudolf Amler im Rosenzimmer der Pension Funk in Berlin.Foto: Kai Müller

Claus Rudolf Amler, geboren 1968 in Ingolstadt, ist verantwortlich für Entwicklung und Ausstattung der Neuköllner Gangster-Saga „4 Blocks“, deren zweite Staffel aktuell gedreht wird. Mit „Gnade“ von Matthias Glasner und „Das finstere Tal“ von Andreas Prochaska war Amler zur Berlinale eingeladen, 2014 erhielt er für seine Arbeit eine Lola, 2015 den Europäischen Filmpreis.

Herr Amler, wir sitzen im Rosenzimmer der Pension Funk in der  Fasanenstraße, der ehemaligen Wohnung der Schauspielerin Asta Nielsen.  Warum haben Sie sich diesen Raum für unser Gespräch gewünscht?

Hotelzimmer sind wie kleine Bühnen, ein Konzentrat menschlicher  Emotion. Menschen verbringen aus den unterschiedlichsten Gründen Zeit in  Hotels, alleine oder zu zweit. Sie finden Zuflucht, Anonymität. Einen Ort, um Dinge zu tun, die zu Hause nicht möglich sind. Ich fühle mich  hier auf seltsame Weise geborgen. In meinem Kopf entwickeln sich sofort  Geschichten... Ich bin nicht übertrieben esoterisch veranlagt - aber ich glaube, dass Räume Schwingungen speichern. Es bleibt immer ein bisschen was von den Menschen, die mal hier waren. Nehmen wir diese Schublade hier...

... aus einem geschwungenen, weißen Jugendstil-Nachttisch.

Riechen Sie mal rein!

Riecht alt!

Film braucht immer Zeit, um irgendwohin zu kommen. Bei Musik geht's schneller. Und über die Nase geht es am schnellsten. Hier habe ich gleich tausend Bilder: Das riecht wie die dunkle Speisekammer meiner Großeltern, wie der nasse Mantel meines Opas, der Jäger war. Hier sieht man auch kleine Einsprengsel, hat da jemand mal eine Nadel reingesteckt und abgebrochen?

In dieser Pension wurden auch schon Filme gedreht und Fotoshootings gemacht.

Ich würde hier nicht drehen wollen. Dreharbeiten können so einen Ort zerstören. Natürlich versucht man als Gast, als Filmschaffender, sich gut zu verhalten und möglichst wenig Schaden anzurichten. Trotzdem: Man greift in einen gewachsenen Organismus ein.

Haben Sie es mal bereut, irgendwo gedreht zu haben?

Für die Serie "Kriminaldauerdienst" drehten wir bei einem älteren Ehepaar in Kreuzberg, die beiden waren bestimmt über 80, es war nur eine kurze Szene. Ich habe der Frau gesagt, dass nicht nur fünf oder zehn Leute kommen, sondern vierzig, fünfzig, das ganze Team, Beleuchter legen Kabel, dann die Requisiteure ... Ich habe gemerkt, dass sie sich das nicht richtig vorstellen konnte, aber ich dachte: Am Ende haben wir beide was davon - wir das Motiv und sie ein bisschen Geld, um sich vielleicht einen neuen Teppich zu kaufen.

Und dann?

Sie war total überfordert, hat sich die ganze Zeit über in ein kleines Zimmer zurückgezogen. Und als wir fertig waren und alles zurückgeräumt hatten, saß sie in ihrem Wohnzimmer und weinte und sagte: Es ist nicht mehr wie vorher. Dabei war nichts kaputtgegangen, und alles stand exakt am gleichen Ort. Aber für die Frau war es zu viel.

Klaustrophobisch. Amlers Papp-Modell des Hauses in "Gnade".
Klaustrophobisch. Amlers Papp-Modell des Hauses in "Gnade".Foto: Claus Rudolf Amler

Welche Veränderungen müssen Sie vornehmen, damit aus der echten Realität eine echt wirkende Filmrealität wird?

Schwere Frage. Nehmen wir "Gnade" von Matthias Glaser. Da geht es um ein Auswandererpaar, deren Ehe zerrüttet ist und die in Norwegen neu anfangen wollen. Das Haus, das wir an einem Fjord bei Hammerfest gefunden haben, war perfekt - von außen. Aber wir haben gemerkt, dass es innen eine ganz falsche Energie hat. Die Familie, die in dem Haus lebte, war glücklich, das hat das Haus durchdrungen: viele Bilder, warme Farben, viel Holz. Das hätte man nie rausgekriegt. Das Gefühl war einfach zu optimistisch für uns.

Was tut man da?

Wir mussten das Innere des Hauses eh im Studio Hamburg nachbauen, wegen der Filmförderung, das traf sich gut. Ich habe die Oberflächen abgedunkelt, das Kinderzimmer in sich verschachtelt, alle Figuren waren isoliert. Die norwegische Familie hat uns besucht, ging in den Studiobau - und war überrascht: Das soll unser Haus sein? Als der Film dann auf der Berlinale lief, wurde ich gefragt: Musstest du an dem Haus irgendwas machen? Die Leute dachten, wir hätten das vor Ort so gedreht. Das empfinde ich dann schon als Lob für meine Arbeit.

Fast echt. Von Amler gestalteter Studionachbau des Hauses in "Gnade".
Fast echt. Von Amler gestalteter Studionachbau des Hauses in "Gnade".Foto: Claus Rudolf Amler

Muss man in der Gestaltung manchmal übertreiben, gerade um realistisch zu wirken?

Es gibt Filme, bei denen für mich der Designwille zu weit geht, wie "Die wunderbare Welt der Amélie". Jedes Bild ist so perfekt, dass man es ausdrucken und als Postkarte an die Wand hängen könnte. Wenn es nur noch um schöne Bilder geht, dann ist für mich der Inhalt nicht mehr da, und man verliert die Figuren, um die es eigentlich gehen sollte.

Wie ist Ihr Ansatz?

Fokussierung kann helfen, eine Figur glaubhaft zu machen, eine Dynamik reinzubringen. Dass man auf dem ersten Blick sieht: Mit wem haben wir es hier zu tun? Etwa die Wohnung von Toni Hamady in "4 Blocks"

... mit einer tollen Kassettendecke, sehr hochherrschaftlich!

Hochherrschaftlich. Die Wohnung von Toni Hamady, der Hauptfigur von "4 Blocks".
Hochherrschaftlich. Die Wohnung von Toni Hamady, der Hauptfigur von "4 Blocks".Foto: Claus Rudolf Amler

Wegen der Decke habe ich die Wohnung ausgesucht. Diese Untersicht! Auf der einen Seite ist das eine Altbauwohnung, die auf den ersten Blick nicht zu der Hauptfigur passt

... diesem massigen arabischen Gangster-Teddybären.

Gleichzeitig haben die Räume eine Schwere, eine Wärme, eine Geborgenheit mit den satten Wandfarben, den arabischen Kalligrafien, dieser Üppigkeit. So habe ich versucht, die Figur begreiflich zu machen. Toni sagt an einer Stelle: "Ich will deutscher sein als alle Deutschen" - eigentlich möchte er aus seiner Gangsterwelt raus. Die Wohnung zeigt Tonis Herkunft und seine Sehnsucht.

Das Gegenstück dazu ist die Wohnung von Tonis Gangsterbruder Abbas: kalt, glatt, haltlos, wie die Figur selbst.

Ja, Abbas lebt in einer Wohnung, die genauso gut eine Spielhalle oder ein Club sein könnte. Das war ein Loft in der Mariannenstraße. Wir haben so viele Leuchtstoffröhren und LEDs eingebaut, wie nur möglich war: unter den Möbeln, hinter Wänden... Eigentlich wollten wir im Carloft in der Reichenberger Straße drehen, wo die Bewohner ihr Auto mit in die Wohnung nehmen können. Meine Idee war: Wir sehen - als erstes Bild - einen gläsernen Couchtisch, Abbas zieht sich eine Line rein, sein Billardkugelkopf geht hoch - und hinter ihm steht sein weißer Mercedes, grell beleuchtet. Wir haben die Wohnung auch gekriegt, aber drei Tage vor dem Dreh kam die Rückmeldung von der Hausverwaltung: Der Motivgeber darf sie uns gar nicht vermieten! Ich brauchte innerhalb von drei Tagen eine neue Location - Blutsturz.

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