Gehirnmasse, Pappkarton, Bartstoppeln

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"4 Blocks"-Szenenbildner im Interview : "Berlin ist über-dreht"
Glatt und kalt. Das Wohnzimmer von Toni Hamadys Bruders Abbas.
Glatt und kalt. Das Wohnzimmer von Toni Hamadys Bruders Abbas.Foto: Claus Rudolf Amler

Wie haben Sie die neue Location gefunden?

Film-Parship! Also eine Location-Agentur. An die wende ich mich, wenn ich selber nicht mehr weiterkomme, oder wenn etwas Unerwartetes passiert, wie in diesem Fall. Man bekommt quasi ein Motiv aus dem Archiv vermittelt, und wenn es passt, hat man Glück gehabt. Aber es fühlt sich natürlich immer besser an, selbst auf die Jagd zu gehen.

"Kriminaldauerdienst", "Gnade", "4 Blocks" - Sie scheinen eine Vorliebe für schwere Kost zu haben.

Ja, bei Comedy fühle ich mich nicht wohl. Die unglücklichste Zeit, die ich je im Filmgeschäft hatte, war vor 15 Jahren, als meine erste Tochter geboren wurde. Ich brauchte schnell einen Job in Berlin, um bei der Familie sein zu können, also habe ich bei einer Sitcom gearbeitet, die mir zwei Jahre lang Sorgen und Kummer bereitet hat. Es hat mich einfach nicht bewegt. Mit neun Jahren habe ich Geschichten von Edgar Allan Poe gelesen, die ersten Filme, die ich inhalierte, waren alte Universal-Horrorstreifen wie "Frankenstein". Als ich 14 war, entdeckte ich "Taxi Driver" und "Eraserhead". Die wirklich guten Drehbücher handeln eben von Menschen, die Probleme haben.

Es gibt ein Foto, wie Sie bei den Dreharbeiten zu einem "Tatort" in gelber Regenjacke am Set hocken und Blut auf eine Autoscheibe pinseln.

Es gibt meist wenig Budget für Spezialeffektler am Set. Die machen das Nötigste, aber wenn man Details braucht, wenn zum Beispiel Blut oder Gehirnmasse eine große Rolle spielen, weil jemand drauf zeigt oder so, dann mache ich das mit, auch wenn es im Grunde gar nicht in meine Zuständigkeit fällt.

Machen Sie das dann nach ballistischen Berechnungen oder nach Gefühl?

Bei diesem "Tatort" in Nürnberg hatten wir einen Polizisten am Set, der mir sagte, wie es aussehen würde. Ich habe dann gepinselt, bis er gesagt hat: "Jepp." Bei dem Kinofilm "In drei Tagen bist du tot" von Andreas Prochaska brauchten wir ein angefahrenes Reh, noch lebendig. Ich habe ein totes Tier besorgt und ihm einen schlaffen Fußball in den Bauch gesteckt. Und dann aus der Distanz eine Luftpumpe getreten, um das Atmen zu simulieren. So was macht mir total Spaß.

Wie entwickeln Sie Ihre Dekorationen?

Ich kann keinen Computer bedienen, also mache ich Zeichnungen, bearbeite Motivfotos mit Filzstift, baue Modelle aus Finnpappe im Maßstab 1:50 mit kleinen Männchen, die der Regisseur dann durchführen kann. Ich habe in Babelsberg bei Alfred Hirschmeier studiert, dem großen Defa-Szenenbildner, das war für mich mein Guru. Es vergeht kein Projekt, bei dem ich nicht an seine Ruhe und seine Präzision denke.

Was haben Sie von ihm gelernt?

Das Gespür, sich einem Raum anzunähern, ihn zu greifen und für den Film zu formen. Es gab da eine Übung: Du hast einen Stuhl, eine Tür, ein Fenster - verteile sie im Raum! Wenn ich das Fenster ganz klein mache, den Stuhl in der Mitte stelle, direkt gegenüber der Tür: Konfrontation. Oder der Stuhl steht in der Ecke, in Richtung Wand: Rückzug. Man kann mit diesen Basics sehr viel erzählen, dafür braucht es kein Riesenbudget. Manchmal ist ein kleines Budget besser, weil es dich zwingt, kreativ zu werden.

Das Schöne an diesen realistischen Berlin-Serien ist doch, dass die Drehorte sich von selbst finden, oder?

Natürlich bietet Berlin unendlich viele Locations. Aber ich versuche immer, besondere Orte zu finden. Bei "Kriminaldauerdienst", wo ich an drei Staffeln mitgearbeitet habe, habe ich fast alle Motive selber gesucht. Toll ist, wenn man durch die Stadt läuft, ein Haus von außen sieht und sich vorstellt, wie es drinen aussehen könnte. Dann klingelt man, überredet die Leute, einen in die Wohnung zu lassen - und entdeckt genau den Raum, den man braucht. Aber das erfordert viel Zeit, Vorarbeit und Akzeptanz - die Bewohner und Verwalter müssen ja auch zulassen, dass man bei ihnen dreht.

Klingt schwierig.

In Berlin zu drehen, wird immer schwieriger. Zum einen ist alles abgegrast, tausendmal vor der Linse gewesen. Zum anderen sind die Auflagen inzwischen immens, da gibt es Anwohnerschutz, öffentlichen Einrichtungen ist der Aufwand zu groß ... Vor 20 Jahren, als ich herkam, war Berlin ein Eldorado, da konnte man alles machen. Aber das ist lange her. Die Leute haben immer weniger Lust, das merkt man. Berlin ist über-dreht. Nach der zweiten Staffel "4 Blocks" werde ich mir wohl eine längere Großstadt-Pause verordnen.

Letztes Loch. Die Wohnung des Undercover-Cops Vince, ganz oben auf dem Neuen Kreuzberger Zentrum.
Letztes Loch. Die Wohnung des Undercover-Cops Vince, ganz oben auf dem Neuen Kreuzberger Zentrum.Foto: Claus Rudolf Amler

Sie haben einige tolle Orte für den Film entdeckt. In der ersten Staffel von "4 Blocks" lebt Undercover-Ermittler Vince in einer verwahrlosten Hochhausbude - mit der tollsten Aussicht über Kreuzberg.

Die Wohnung ist ganz oben auf dem Neuen Kreuzberger Zentrum, wir haben sie komplett umgebaut. Vince ist ja ein Undercover-Cop, der in den Gangster-Clan integriert wird - was natürlich ein Klischee ist, eine Drehbuchbehauptung. Das kann man nicht mit hundertprozentiger Ernsthaftigkeit darstellen.

Darum diese fiesen Schimmelecken?

Ja, das sind Sachen, die ich sehr gerne mache. Ich habe vor Drehbeginn fünf herrliche Tage lang in dieser Wohnung gewohnt, das durfte ich eigentlich gar nicht. Es war Hochsommer, wunderschön, das Dach geht ja bis zum Möbel Olfe. Da saß ich dann und habe die Adalbertstraße runtergeguckt.

Der König von Kreuzberg!

Ich habe in Vinces Bett geschlafen - das ist meine Bettwäsche in der Serie! Ich verwende oft meine privaten Sachen am Set. Wenn ich mich zu Hause rasiere, nehme ich die Bartstoppeln mit und streue sie am Set aufs Waschbecken. In jeder Wohnung, die ich einrichte, entsorge ich auch meinen Hausmüll ...

Bitte?

Nein, ich verwende ihn. Es muss leben! Moment, ich muss kurz schauen, wer eben angerufen hat ...

Blickfänger. Claus Rudolf Amler im Rosenzimmer der Pension Funk in Berlin.
Blickfänger. Claus Rudolf Amler im Rosenzimmer der Pension Funk in Berlin.Foto: Kai Müller

Nur zu!

Ach, ein sehr netter Kollege aus einem anderen Filmprojekt. Ich bin ja teilweise ein halbes Jahr lang ausgeblendet, da kann ich Freunde nicht mal auf einen Kaffee treffen. Ich habe einen Traumjob, den ich mein ganzes Leben lang angestrebt habe, ich kann mir meine Projekte aussuchen, kann meine Familie ernähren - aber ich muss so viel Zeit einsetzen, dass ein Sozialleben nur in reduzierter Form möglich ist.

Ist bestimmt auch schwer für die Familie, wenn Sie mal drei Monate auswärts auf Motivsuche sind.

Ich würde sagen, wirklich intakte Familien bei Filmschaffenden sind eher selten. Das ist halt so, wenn man diesen Beruf ernsthaft betreibt. Es ist unglaublich schwer zu akzeptieren, dass man jede Verabredung unter Vorbehalt treffen muss, dass ein nächtlicher Telefonanruf den ganzen Wochenplan zunichtemachen kann.

Im Gegensatz zu Schauspielern und Regisseuren werden Szenenbildner kaum vom Publikum wahrgenommen, obwohl sie einen Film maßgeblich prägen. Stört Sie das?

Ganz im Gegenteil. Ich bin froh, wenn ich nicht auftauche. Ich finde es eher schön, dass da andere Leute Rede und Antwort stehen müssen. Eigentlich bin ich Einzelgänger, am liebsten wäre es mir, wenn ich nur mit fünf Leuten einen Film herstellen könnte. Ich gehe auch eher selten zur Berlinale. Aber es ist schon schön, einen Film zu sehen, an dem man beteiligt war, und die Reaktion des Publikums mitzubekommen.

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