Kolumne "Berliner*innen" : Meine alte Freundin Neugier

Laura Naumann stapft schlecht gelaunt die Friedrichstraße runter. Dann biegt sie in eine Passage ein, die sie nicht kennt. Und plötzlich wird alles gut.

Laura Naumann
Mach was Sinnvolles, denkt unsere Autorin, und kauf dir nen neuen Rucksack. Dabei braucht sie natürlich was ganz anderes.
Mach was Sinnvolles, denkt unsere Autorin, und kauf dir nen neuen Rucksack. Dabei braucht sie natürlich was ganz anderes.Foto: Laura Naumann.

Die Theaterautorin Laura Naumann, geboren 1989 in Leipzig, erzählt von wärmenden Begegnungen in der coolen Stadt.

Es ist Dienstag. Oder Mittwoch. Es ist dunkel, wie jeden Tag zwischen 16 und 18 Uhr in dieser Stadt. Ich stapfe nach einem Arztbesuch die Friedrichstraße runter und meine Stimmung ist - gelinde gesagt - gloomy. Ich will noch nicht nach Hause und dort gloomy sein. Und ich will auch irgendwie nicht immer diejenige sein, die gloomy ist, aber ich bin halt echt nicht gut drauf an diesem Dienstag. Oder Mittwoch. Gibt schon Tage, da weiß ich genau, wer mein größter Feind ist: Mein eigener Kopf. Rastlos, zermürbend und fies. Macht mich fertig. Triezt mich. Gibt mir Futter für Sorgen nonstop, auch wenn ich sage, nein danke, keinen Hunger. Ihm egal. Er will, dass wir uns im Kreis drehen, komm, nur noch 50.000 Runden.

 Mach was Sinnvolles und kauf dir nen neuen Rucksack, einen guten, mit Polsterung, vielleicht tut dir dann nicht immer der Rücken so weh, denk ich, und: Was für ein Scheiß, dass man sich ständig neue Sachen kaufen muss und das dann „was Sinnvolles“ ist, und dann mein Kopf noch on top: Jetzt tu doch nicht so, du bist voll das Konsum-Opfer, und ich: Halt's Maul jetzt, echt, bitte.

Kräne über einem Berlin, das ich nicht mehr erlebt habe

 Ich biege in eine Passage ein, die ich nicht kenne. „Quartier 206 – Art & Fashion House“. Na okay. Viel leere Fläche und kaum Menschen. Ein Laden, der keinen Rucksack für mich hat. Schicke Fußböden. Ein Tunnel rüber in die Galerie Lafayette? Why eigentlich not. Plötzlich höre ich eine Stimme, die nicht aus meinem eigenen Kopf kommt: „Oder man könnte sich auch in der Paris Bar treffen, da könnte ich mal wieder auf der Theke tanzen, das habe ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht.“

Ich drehe den Kopf. Da sitzt, zurückgelehnt und in ein Gespräch vertieft, eine zierliche Dame mit einem roten Kopfschmuck aus Filz hinter einer Art Empfangscounter und telefoniert auf Lautsprecher. Ich stehe vor einer Galerie. Das Brandenburger Tor strahlt mich darin von Leinwänden an. Der Reichstag. Kräne über einem Berlin, das ich nicht mehr erlebt habe. Bespritzt mit Farben. Ich lese: Es handelt sich um Bilder von Hella de Santarossa. Nicht lang und die Künstlerin steht neben mir. Vor dem „Technikmuseum mit Rosinenbomber“, in einer blauen Wolke.

Einzelkämpfer*innentum, Kulturpolitik, schmerzende Schultern

Wir gucken uns an. Ganz freundlich, ganz offen, ganz neugierig ist ihr Blick. Und no judgement, als ich sie frage, was nochmal der Rosinenbomber war. Ich schäme mich für die Wissenslücke, aber sie erklärt es mir einfach. Ob ich auch Künstlerin sei, will sie dann wissen. Im Theater, sage ich. Und dann sind wir auch schon mittendrin in einem Gespräch über Existenzfragen. Darüber, wie es sich lebt als Künstlerin in ihrer und meiner Branche, über Einzelkämpfer*innentum, Arbeitsbedingungen, Geschlechter(un)gerechtigkeit, Männervereine, Kulturpolitik und schmerzende Schultern. Sie erzählt von den 1960er Jahren, vom Mauerfall, von Kalifornien, von einem Baby unterm Arm, von Gemälden, die einfach verschwunden sind, seit Jahren held hostage in Buenos Aires, ob ich die vielleicht mitbringen kann, wenn ich dort vielleicht bald hinreise.

 Und als ich mich verabschiede, bin ich – nicht mehr schlecht drauf. Zurück auf der Friedrichstraße hopse ich regelrecht. Ich bin besser drauf als die ganzen Leute mit ihren  Einkaufstüten. Besser drauf, als wenn ich einen Rucksack gekauft hätte. Capitalism did not win this time – Neugier did! Neugier, meine alte Freundin. Auf sie ist Verlass! Sie hat den Kopf überlistet! Hat ihm den Rücken zugedreht. Hat gesagt: Bleib ruhig im Auto sitzen, Schatz, und ärgere dich über die fehlenden PS und die kaputten Straßen, ich steige jetzt mal aus und schaue mich um. Hier gibt es etwas, das kommt mir interessanter vor, als dein olles Gelaber, das ich mir schon seit 30 Jahren anhören, Tschüss. Neugier weiß, wie's geht: Einfach mal mit anderen sprechen. Einer Stimme in einen Raum folgen. Sich neben jemanden stellen und rübergucken. Eine Frage stellen. Einer anderen Geschichte zuhören als der eigenen.