Menschenmuseum : Der Ausreißer

Ach je, ach je, ach je: Dirk Gieselmann über einen Heimweg ins verlorene Tempelhof.

Der alte Mann schaut hinüber auf die andere Seite wie auf das Ufer eines Flusses, über den einst eine Brücke führte.
Der alte Mann schaut hinüber auf die andere Seite wie auf das Ufer eines Flusses, über den einst eine Brücke führte.Foto: Saskia Otto

Der alte Mann steht an einer vielbefahrenen Straße in Tempelhof. Er schaut hinüber auf die andere Seite wie auf das Ufer eines Flusses, über den einst eine Brücke führte. Doch nun ist sie verschwunden, hinfortgerissen vom Strom der Zeit.

Wie komme ich da rüber?, fragt er.

Er fragt es sich selbst, aber er kennt die Antwort nicht. Er fragt es alle, die so gleichgültig an ihm vorüberlaufen an diesem durchaus sonnigen Tag in Tempelhof.

Er fragt es also niemanden. Jedes Auto, das in Richtung Schöneberg prescht, klingt wie eine Sekunde, die für immer vergeht.

Der alte Mann lächelt, aber seine Augen tränen. Es ist unklar, ob vom Sonnenlicht, von den Sekunden, die vergehen und zu Jahren werden, von seiner Verlorenheit oder weil er gerührt ist von einem Gedanken, den nur er kennt. Er trägt Pantoffeln, einen Trainingsanzug und sagt, er komme vom Einkaufen. Aber er hat keine Tüte bei sich. Nichts hat er bei sich, kein Portemonnaie, keinen Ausweis. Nur einen Schlüssel, den er in der Hand wiegt und dreht, als betete er einen Rosenkranz. Dieser Schlüssel birgt das Geheimnis. Wo wohnt der alte Mann? Wo ist er in Sicherheit?

Kann ich Ihnen helfen?

Wie komme ich da rüber?

Wo möchten Sie denn hin?

Da an der Ecke hat mein Vater seine Apotheke, sagt der alte Mann und zeigt auf ein Wettbüro.

Woher wissen Sie, wo ich wohne? Ich weiß es ja nicht

Die Apotheke ist verschwunden, so auch der Vater, die Brücke über den Fluss, der nie einer war, und das ganze Tempelhof. Es steht nur noch der Junge da, der der alte Mann einmal gewesen ist. Ein greiser Junge in Pantoffeln und einem Trainingsanzug. Ein Ausreißer, auf den niemand mehr wartet. Der Schlüssel dreht sich in seiner Hand. Und führe uns bitte nach Hause. In welche Tür all dieser Häuser mag er passen? Tempelhof ist groß, aber der alte Mann ist klein. Wo ist er in Sicherheit?

Darf ich Sie nach Hause begleiten?

Woher wissen Sie, wo ich wohne?

Ich weiß es ja nicht. Verraten Sie es mir?

Seine Augen tränen, aber er lächelt. Er nennt eine Adresse, etwa einen Kilometer entfernt. Am Park links rein, sagt er, da wohne ich. Dann tippelt er los, in die entgegengesetzte Richtung.

Da geht es lang.

Wo? Hier?

Ja. Wir gehen nach Hause.

Sein Arm ist so dünn wie ein Ast. Der Schlüssel scheint ein Gewicht zu sein. Es verhindert, dass der alte Mann einfach davongeweht wird vom Luftzug der Autos. Er ist nun beinahe durchsichtig. Er redet, nicht mit sich, nicht mit irgendwem. Er redet, als singe er ein Lied in einer fremden Sprache.

Ist er in Sicherheit? Auf Wiedersehen

Hier ist es, sagt er plötzlich, vor einem Haus stehend, das nicht der Adresse entspricht.

Nein, wir müssen noch ein Stück weitergehen.

Er versucht, den Schlüssel in das Schloss zu stecken. Er passt nicht. Der alte Mann tippelt weiter.

Wie aufgezogen tippelt er einem Ziel entgegen, das er nicht kennt, und singt sein Lied. Es hat einen Refrain. Ach, je. Ach, je. Ach, je. Es ist ein Klagelied, über das Verschwinden der Apotheke, des Vaters, ganz Tempelhofs. Der Menschen auch, die auf ihn warten, den Ausreißer. Und nun ist auch noch das Haus verschwunden, in dem er wohnt. Die Sekunden vergehen, sie werden zu Jahren und die Jungen zu Greisen, zu Ausreißern, auf die niemand mehr wartet. Ach je. Ach je. Ach je.

Am Park geht es links, hinter der Ligusterhecke steht das Haus, in dessen Tür der Schlüssel passt. Auf Wiedersehen, sagt der alte Mann. Seine Augen tränen, aber er lächelt und trägt die Tüte die Treppe hinauf, die Tüte, die er nicht bei sich hat. Ist er jetzt zu Hause? Ist er in Sicherheit? Auf Wiedersehen.

Der Herr M., sagt ein Nachbar, der vor dem Haus die Blumen gießt, der verläuft sich ja regelmäßig. Dabei wohnt er doch schon ewig hier. Demenz. Ein Trauerspiel. Eigentlich kann er nicht mehr allein leben. Was, wenn er mal vergisst, den Herd auszuschalten? Dann brennt das ganze Haus.

Dirk Gieselmann, 1978 in Diepholz geboren, schaut mit einer Mischung aus Faszination und Fluchtreflex auf Berlin. Hier erzählt er davon.