Sicherheit / Freiheit : Cpt. Olf: "Auf einer fahrenden U-Bahn fühle ich mich nicht unsicher"

Der Graffiti-Fotograf Cpt. Olf erzählt, wann er sich zwischen Sicherheit und Freiheit entscheiden musste - und im Zweifel für das gute Bild alles tut.

 

Der Graffiti-Fotograf Cpt. Olf im November 2019 in Berlin.
Der Graffiti-Fotograf Cpt. Olf im November 2019 in Berlin.Foto: Alena Schmick

Cpt. Olf, Mitte 20, stammt aus dem Kölner Raum und lebt seit fünf Jahren in Berlin. Bis vor kurzem war er der Fotograf des legendären Graffiti-Writers Paradox, dem Kopf der mittlerweile aufgelösten Crew Berlin Kidz, bekannt für ihre blau-roten Hieroglyphen. Seine auffällige Jacke zieht Olf beim Fotoshooting aus – „sonst müsste ich die danach wegwerfen“, sagt er, weil er sonst identifizierbar wäre. Gerade ist sein erster Bildband erschienen, erhältlich über die Galerie Urban Spree.

Bevor ich nach Berlin kam, habe ich vier Jahre lang Urbanes Klettern gemacht: Ich bin auf Brücken und Türme gestiegen - das war eine gute Vorbereitung auf das, was folgte.

Ein wichtiger Moment ganz am Anfang meiner Zeit in Berlin war der Busride auf dem M41er: einmal durch den Tiergartentunnel. Der heizt da ziemlich durch und geht auch in die Kurve, darum hatten wir Saugnäpfe dabei. Wenn der Bus steht, läuft man von hinten an und klettert hoch aufs Dach. Den ersten Versuch mussten wir abbrechen, weil der Fahrer uns gleich beim Start am Hauptbahnhof gesehen hat. Der zweite Versuch ging in die andere Richtung. Da hatten wir richtig Sausen, weil wir wussten, wir kommen aus dem Tunnel - und da ist gleich die fette Polizeistation. Die Polizisten rauchen da immer draußen. Hat aber gut geklappt.

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Klar, eigentlich ist es total dumm, was wir machen. Wenn du aber im Alltag ständig gestresst bist, nie abschalten kannst, und dann eine Action machst - das ist wie Yoga, wie Meditation. Danach fühlt man sich wie neu geboren, hat ein dummes Smilen drauf, man ist glücklich, alles ist wieder gut.

Ich fühle mich auch nicht unsicher, wenn ich auf einer fahrenden U-Bahn stehe. Ich habe einfach ein anderes Sicherheitsgefühl als andere Menschen. Weil ich die Strecke vorher ausgecheckt habe. Weil ich weiß, was ich tue: immer nach vorne gucken, nie nach hinten. Und nie durch den Sucher der Kamera, die halte ich nur in der Hand, die Bilder werden trotzdem, wie ich sie haben will.

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Ich muss fotografieren, sonst würde ich die Aktionen nicht mitmachen. Ich komme dabei in so einen Flash, ich denke an nichts anderes, nur an das Bild. Dieses Gefühl kriege ich nirgends sonst. Ich könnte gar keine normalen Porträts machen, da würde ich nichts spüren. Aber die Zeit war auch heftig und hektisch. Ich will jetzt ein bisschen langsamer machen, ein neues Kapitel anfangen. Vielleicht gehe ich irgendwann in die Berge klettern.