Sicherheit/Freiheit : "Ich schmiss einen Barhocker nach ihnen"

Die Sängerin und Schauspielerin Romy Haag erzählt, wann sie sich zwischen Sicherheit und Freiheit entscheiden musste.

 

Romy Haag im Februar 2019 in Berlin.
Romy Haag im Februar 2019 in Berlin.Foto: Ériver Hijano

1983 hatte ich das "Chez Romy Haag" in Schöneberg. Das war eine Diskothek mit Programm: ein dicker Komödiant, ein Tänzer, sonst nur Transsexuelle, in der Garderobe ist man nur über Hündchen gestolpert. Es war eine big family, aber ich war der Boss. Die Musik lief vom Band, und wir machten Shows zu den Songs, zu "Whisky Bar" bin ich aus einer Mülltonne gestiegen.

An einem Nachmittag hatten wir Probe. Ich habe den Mädels ihre Playbacks gegeben, die Show zusammengebastelt. Eins ist neu, sagte ich: Den letzten Teil mache ich alleine - live! Mit Irokesenschnitt und Netzstrümpfen, brutales Make-up... Ich wollte nicht mehr schön sein wie früher.

Da kam der Aufstand. 20 Leute standen vor mir, die blöden Hunde auf dem Arm, und sagten: Wir wollen nicht, dass du live singst. Der Geschäftsführer hatte Angst um die Umsätze, der wollte keine Veränderung. Und die Künstlerinnen fanden, sie wären die Stars.

Ich hatte einen Fahrer in Lederuniform

Ich war sprachlos, wütend. Ich habe denen Jobs gegeben, ihnen die Nummern geschrieben - einige treten heute noch damit auf! Mir hat das in dem Moment so wehgetan, dass ich die Kraft hatte, mit einer Hand einen Barhocker hochzuheben und nach ihnen zu schmeißen. Dann bin ich gegangen. Ich habe drüber geschlafen und gewusst: Jetzt verkaufe ich den Laden.

Es war ein Wagnis für mich, diesen Sprung zu machen. Der Club lief gut, ich hatte einen silbernen Mercedes Adenauer mit Kühlschrank, ich hatte einen Fahrer in Lederuniform. Da kamen auch die Zweifel: Kannst du das überhaupt? Aber ich musste mich einfach weiterentwickeln, ich wollte selbst singen!

Innerhalb von drei Wochen hatte ich einen Käufer. Und drei Monate später habe ich als Vorband von Udo Lindenberg in der Waldbühne gespielt.

Romy Haag wurde 1948 in den Niederlanden geboren, verbrachte ihre Kindheit als Junge und ließ später ihr Geschlecht anpassen. Als Sängerin, Schauspielerin und Tänzerin wurde sie in Paris und New York berühmt, ehe sie 1974 nach Berlin kam und den Club "Chez Romy Haag" eröffnete. Aktuell arbeitet Haag an einem Buch und einem Dokumentarfilm über ihr Leben.

 

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