Tagesspiegel BERLINER #8 : "Zeit, sich an jemandem zu reiben"

Die achte Ausgabe des Tagesspiegel BERLINER liegt am 8. Dezember der Zeitung bei. Worum geht es darin? Oft hilft der Blick von außen. Ein Gast-Editorial.

Kat Kaufmann
Kat Kaufmann.
Kat Kaufmann.Foto: Ériver Hijano

Ich tappe Richtung Kaffee durch die Kälte wie der Igel im Nebel im gleichnamigen russischen Trickfilm. Ich bin müde und grau wie die Stadt.

Biege ein in ein Café. Warm ist es drin. Nur den Windschutzvorhang haben sie noch nicht aufgehängt. Mit jedem neuen Besucher weht es kalt rein. Bestelle am Tresen ein Kaffeegetränk mit validem Milchersatz.

Der Igel has landed, in einem weichen Sessel, der mich mit seinen hohen Lehnen zu umarmen versucht. Ich lese schlaftrunken ein Interview ohne Worte, von Nonnen, die, ebenso schweigend, mit einem Päckchen Hunderter für eine Fahrt vom Alex in die Schweiz bezahlen, lese, wie Israel, Frankreich und Berlin in einem Croissant ohne Molkereiprodukte (natürlich, wer trinkt denn noch Milch?) verschmelzen, lese von dem Koch, der, igelig und nebelig wie ich, durch Brandenburgs Landschaften zieht, um die besten Produkte für seine minimalistischen Kreationen aus der Erde zu zupfen. Ich lese von fetzigen Drinks zum Selberbasteln, von buddhistischen Ansichten zur Transformation in Paarbeziehungen. Lese von der Rettung der Kilim-Teppiche vor ihrem Untergang, lese, wo man schöne und aufregende Weihnachtsgeschenke herbekommt.

Ein T für Liebe

Weihnachtsgeschenke. Schon wieder, denke ich, während ich unter dem Pullover fühle, wie sich die Härchen auf meinen Armen aufstellen vor Kälte und mich zwingen, einzusehen: Winter. Zeit, sich an jemandem zu reiben. An jemandem, der sehr, sehr nett ist. Und warm. Jetzt denke ich wieder an den Igel, der durch das dicke, weiße Kondensat zu seinem Freund Bär tappt. Er bringt dem Bären Marmelade. Sie zählen zusammen die Sterne.

Berliner #8 - Blick ins Heft
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06.12.2018 15:07

Ich gehe mein Telefonbuch durch, wen ich zum Sternezählen überfallen könnte. Was ich mitbringen könnte. Und denke daran, wie ich eines der Geschenke aus diesem Magazin kaufe, einen Zement-Buchstaben zum Beispiel: ein T für Liebe. Dann gehe ich damit zu dieser netten Person, an der man sich reiben kann, wir essen jüdische Croissants, liegen auf Teppichen, mixen Drinks und reden über den Nebel, der über allem liegt, während in der Stadt, die zu sehr Großstadt ist, um überhaupt Sterne zu sehen, die Weihnachtsbeleuchtung nach Kräften versucht, einen auf niedlich zu machen.

Und ihr so?

Zärtlichst, eure Kat

Kat Kaufmann, geboren 1981 in Sankt Petersburg, ist Komponistin und Schriftstellerin. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster".

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