Tagesspiegel BERLINER : "Das ehrlichste Heft von allen"

Die fünfte Ausgabe des Tagesspiegel BERLINER liegt am 17. Februar der Zeitung bei. Worum geht es darin? Oft hilft der Blick von außen. Ein Gast-Editorial.

Manuel Möglich
Der Autor Manuel Möglich.
Der Autor Manuel Möglich.Foto: Ériver Hijano

Im postfaktischen Zeitalter, sagt man, ist die Wahrheit relativ. Also gilt es, so authentisch wie möglich zu sein. Streng dich an dabei, sei aktiv echt! Natürlich ist das widersprüchlich, so wie das Leben. Manchmal kommt trotzdem was Sinnvolles dabei raus. Wie das Heft in Ihren Händen.

Ein Original hat die Fotografin Julia Luka Lila Nitzschke über zweieinhalb Jahre lang begleitet. "Herr Wolle hält die Stellung" ist die Anti-Inszenierung zum gefakten Leben auf Instagram. Ich mag die Aufnahmen von Dinos, Plüschbären und einer Armee Gartenzwerge. Inmitten seiner vollgestopften Bude steht ein Typ, der sonst höchstens in einem Ulrich-Seidel-Film auftaucht - aber doch niemals in Berlin-Mitte lebt! Trotz des vermeintlichen Chaos, in dem Herr Wolle zu Hause ist, lässt ihm die Fotografin das Wichtigste: seine Würde.

Blick in den Tagesspiegel BERLINER #5
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16.02.2018 11:18

Ähnlich unmittelbar wirkt Dirk Gieselmanns Beschreibung der Zwischenwelt vor Berlin - des Punktes, wo die A115 auf die A100 trifft. Ein Ort, der in der Gegenwart nie Ziel ist, dennoch kennt jeder den Turm mit dem Mercedes-Stern auf seinem Dach. Es geht um den Avus-Rasthof, kaum einer macht da halt. Aus Gründen bin ich kürzlich selbst mal an dieser traurigen Raste rechts rausgefahren. Und habe mit Erstaunen festgestellt: Verglichen mit der Stadt, die je nach Perspektive davor oder dahinter liegt, sind die Menschen dort herrlich real.

Manchmal ist es besser, die Klappe zu halten. Für ein Interview ohne Worte hat Torsten Körner den Künstler Jonathan Meese getroffen. Und fast hätte er es geschafft! Beinahe wäre ihm der einzige Text über Meese geglückt, der ohne die Namen Hitler oder Wagner auskommt. Doch am Ende konnte er es dann doch nicht ganz lassen, Hitler und Wagner zu schreiben, auch ohne mit Meese über Hitler und Wagner gesprochen zu haben. Geht Meese also nie ohne Hitler und Wagner?

Am Ende will ich aufrichtig bleiben: Das komplette Heft habe ich nicht gelesen, politische Talkshows langweilen mich seit Längerem - darum kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Artikel zum Thema spannender ist. Aber ich bin überzeugt, dass diese fünfte Ausgabe des Tagesspiegel BERLINER die bis dato ehrlichste von allen geworden sein muss. Fakt!

Manuel Möglich, geboren 1979 in Weilburg, ist Autor und Journalist. Am 27. März erscheint sein Buch „Alles auf Anfang“ bei Rowohlt, am 24. April liest er im Heimathafen Neukölln.

Der Tagesspiegel BERLINER erscheint mit 64 Seiten am 17. Februar 2018 in der Sonnabendausgabe des Tagesspiegels, zusätzlich wird es an mehr als 80 stilprägenden Orten der Stadt sowie in der Audi Lounge der Berlinale erhältlich sein.

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