Judenhass : Mit Leidenschaft verlacht

Der Holocaust-Überlebende Arthur Langerman öffnet seine Kollektion antisemitischer Bilder für die Forschung.

Uffa Jensen
Arthur Langerman stellt sein Archiv auf einer Pressekonferenz an der TU Berlin vor.
Arthur Langerman stellt sein Archiv auf einer Pressekonferenz an der TU Berlin vor.Foto: © TU Berlin/Alexander Rentsch

Antisemitismus ist eine Leidenschaft, so wurde er schon vor 70 Jahren definiert. Als Leidenschaft kann er jedoch keineswegs als völlig irrational gelten, sondern besitzt vielmehr eine innere Logik, eine Logik der Leidenschaft.

Doch wie untersucht man eine solche Emotionslogik, kann man den Antisemiten doch nicht in die Herzen schauen? Bleibt man nicht notgedrungen stets bei den inhaltlichen Aussagen stehen, die von Antisemiten über Juden getätigt werden? Um das Problem noch zu verschärfen: wie kann die Geschichtsforschung Gefühle in der Vergangenheit untersuchen? Forscher haben in den letzten Jahren viele Ansätze entwickelt, wie man aus verschiedenen Quellen, aus sprachlichen Äußerungen, Gesichtsausdrücken, Körperhaltungen etc., Emotionen rekonstruieren kann. Die Emotionsgeschichte untersucht dabei vergangene Emotionsausdrücke zumeist anhand von sprachlichen Quellen, sei es mit Hilfe von schöngeistiger Literatur, in Ego-Dokumenten wie Tagebüchern, Briefen oder anderen Textgattungen, in denen überraschend viele Emotionswörter vorkommen.

Eine wichtige Quelle, die gerade den körperlichen Ausdruck von Emotionen dokumentieren kann, sind Bilder. Dabei ist nicht nur an historische Fotografien etwa von Gesichtsausdrücken gedacht, aus denen man bestimmte Emotionen ablesen könnte. Vielmehr vermitteln gerade Karikaturen, Witz- oder Genrebilder interessante Einsichten in vergangene Gefühlswelten und deren Ausdrucksformen.

Belgischer Privatsammler trug Tausende von Bildern zusammen

Die Antisemitismusforschung muss sich daher, will sie doch eine Leidenschaft untersuchen, auch besonders mit judenfeindlichen Bildern beschäftigen. Dem Zentrum für Antisemitismusforschung bietet sich dabei eine außergewöhnliche Möglichkeit: Der belgische Privatsammler Arthur Langerman öffnet seine Kollektion antisemitischer Bilder für die Forschung des Zentrums. Langerman, der als Kind den Holocaust in Belgien überlebt hat, trug in jahrzehntelanger Arbeit Tausende von Bildern zusammen: antisemitische Karikaturen, Plakate, Postkarten, Gemälde, Zeichnungen etc. Die visuellen Artefakte stammen aus der Zeit seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, mit einem Schwerpunkt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Langerman besitzt Exemplare aus fast ganz Europa sowie aus der islamischen Welt, wobei Bilder aus Deutschland, Österreich, Frankreich und Russland vorherrschen.

Eine besondere Kollektion umfasst Bilder des Wiener Zeichners und Karikaturisten Emil Hübl. Hübl, geboren 1890 in Wien, produzierte vor allem in der Zwischenkriegszeit Karikaturen für Witzblätter wie den Wiener „Kikeriki“, die auch Judenfiguren darstellten. Während diese aus heutiger Sicht klar als antisemitisch zu erkennen sind, waren sie zeitgenössisch scherzhaft gemeint. Eine emotionsgeschichtlich informierte Erforschung muss genau an solchen Punkten ansetzen: Was wurde wie und warum für witzig gehalten? Wie funktionierte der aggressive Witz über Juden unter den Zeitgenossen?

Die Bildersammlung bietet der Antisemitismusforschung neue Einblicke

Die Sammlung von Langerman ist auch deshalb so wertvoll, weil sie nicht nur Beispiele aus Hübls Hauptschaffensperiode enthält, sondern auch seine Übungsstudien. Die durchweg unangenehm, ekelhaft oder furchterregend wirkenden Zeichnungen dokumentieren, wie intensiv sich Hübl in Fantasien über den (männlichen) jüdischen Kopf hineinsteigerte.

So lässt sich am Beispiel Hübls die Produktion antisemitischer Bilderwelten und die Logik der Emotionen untersuchen, die der Wiener Zeichner mit diesen Bildern evozieren wollte. Damit bietet das Studium der Bildersammlung Arthur Langermans der Antisemitismusforschung neue Einblicke, wie leidenschaftlich Juden geschmäht, verlacht und abgelehnt werden konnten.

Der Autor ist Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung.