Studium in der Nachkriegszeit : Mit Briketts in den Hörsaal

Fenster aus Röntgenbildern, Baumaterial vom Schwarzmarkt und TBC – Studieren nach dem Krieg.

Carina Baganz
Reklame fahren zwischen Trümmern (1950).
Reklame fahren zwischen Trümmern (1950).Hans Herrmann

Wer heute an der TU Berlin studiert, hat die passenden Rahmenbedingungen: ein WG-Zimmer, Lebensmittel, Bücher und Arbeitsmaterialien. Die Unigebäude sind gut ausgestattet, Mensen und Cafés laden zum Verweilen ein, die Bibliotheken sind gut bestückt. Die Studierenden können sich voll und ganz auf ihr Studium konzentrieren.

Vor 70 Jahren sah das anders aus. Als der Lehrbetrieb an der TU Berlin nach dem Krieg wieder startete, hatten die Studierenden erst einmal ziemlich unwissenschaftliche Probleme zu lösen. So galt als Voraussetzung für die Immatrikulation der Nachweis über die Ableistung von 100, später von 200 Arbeitsstunden beim Wiederaufbau der Hochschule. Gebäude und Hörsäle mussten wiederhergestellt werden, damit der Lehrbetrieb überhaupt stattfinden konnte. Fenster mussten vernagelt werden, anfangs mit Pappe, später mit Röntgenbildern. „Ich hatte über ein Mädchen Verbindungen zur Charité in Berlin, so bekamen wir tonnenweise Röntgenaufnahmen“, erzählt Hans-Ulrich Bach, von 1946 bis 1948 Vorsitzender der Studentenvertretung der TU Berlin. Baumaterialien mussten beschafft werden, nicht selten auf dem Schwarzmarkt; Studieren hieß zu dieser Zeit vor allem Organisieren können. Und das galt nicht nur für die Studenten. So machte sich Professor Wilhelm Westphal eines Tages an einem Autowrack zu schaffen, das vor dem Gelände der Hochschule lag. Er schlug die Scheibe ein, um an eine Gummidichtung zu gelangen, die er für ein Experiment in seiner Physik-Vorlesung gebrauchen konnte.

Aufgrund des Zerstörungsgrades der Hochschule waren die Vorlesungsräume ständig überfüllt, und nicht selten wurde ein Student in aller Frühe vorgeschickt, um Plätze für Kommilitonen zu reservieren. Im Winter trugen die Studenten während der Vorlesungen Mantel und Handschuhe, Heizmaterial gab es nicht. War es besonders kalt, brachten Studenten Kohlebriketts mit, die sie auf dem Schwarzmarkt eingetauscht hatten.

Studierende an der Armutsgrenze

Die Studierenden waren körperlich und seelisch vom Krieg gezeichnet, ihr Gesundheitszustand besorgniserregend. 1947 waren 88 Prozent der TU-Studierenden untergewichtig, 10 Prozent hatten offene Tuberkulose (TBC), bei 25 Prozent bestand der Verdacht darauf. Um ihren Zustand zu verbessern, wurde an der TU eine Studentenspeisung eingeführt. Nicht selten stand die sogenannte Hochmoorsuppe auf dem Speiseplan, ein Gemisch aus Grützwurst, Ölsardinen und Rosinen. „Wir haben sie trotzdem gegessen“, so Hans-Ulrich Bach.

Die schwierige finanzielle Situation der Studenten führte 1950 zur Gründung der Dienstleistungs-Institution TUSMA, „TU-Studenten machen alles“ oder später: „Telefoniere und Studenten machen alles“. Ein besonders lukrativer Job für die Studenten war die Überführung von Autos von Berlin nach Hannover und zurück für Leute, die nicht selbst durch die „Ostzone“ fahren, sondern diese lieber überfliegen wollten.

Das Studium war in den ersten Jahren an der TU Berlin nur unter schwierigsten Bedingungen möglich. Viel strömte auf die Studierenden ein. Für den Blick zurück, für die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus blieb dabei kaum Raum.

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