Der Berliner Courier regte sich 1828 über "die Masse Hunde" auf

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Geschichte der Hundehaltung in Berlin : Vom Königshof zum Hinterhof
Christoph Stollowsky

Die Schinder waren also durchaus motiviert, doch auch sie konnten die Hundebegeisterung im biedermeierlichen Berlin nicht bremsen. So gerieten Hundefreunde und -gegner schon damals heftig aneinander. Pamphlete gegen den Hund wurden veröffentlicht, sie gleichen heutigen Leserbriefen in Berliner Tageszeitungen. Eine solche bissige Kriegserklärung stand am 11. Juli 1828 im "Berliner Courier". "Es wäre wahrhaft an der Zeit, etwas zur Verminderung der Hunde zu tun", schreibt der Kritiker des Blattes. "Es grenzt ans unglaubliche, welche Masse Hunde in Zimmern und Straßen herumlaufen und die Leute anfallen ... Wenn in jedem Jahr nur ein Mensch unglücklich wird durch den Biß eines tollen Hundes, so ist das hinreichendes Motiv, alle Hunde der Welt todt zu schlagen. Hat aber jemand eine Liebhaberei, wie es denn viele Herren gibt, die ihre Menschen wie die Hunde, und die Hunde wie die Menschen behandeln, so sollte ein jeder wenigstens 20 Taler jährliche Taxe bezahlen, dafür, daß er auf die Gefahr seiner Mitmenschen Hunde hält. Die Damen, die ihre Stubenmädchen maltraitieren und ihre Hündchen in Seide legen, sollten jährlich dafür 100 Taler bezahlen. So würde sich diese Plage der Menschheit nach und nach vermindern".

Mit der Hundesteuer wurden seit 1830 die Gehsteige finanziert

Knapp zwei Jahre später, am 20. April 1830, wurde in Berlin die Hundesteuer eingeführt. Dabei spielten auch frühere Überlegungen eine Rolle, den Armen das Halten von Hunden generell zu verbieten. Das würde sie nicht allzu sehr treffen, meinten die Befürworter. Angehörige dieser Schicht hätten ja ohnehin keinen Besitz, den Hunde schützen müssten. Doch soweit kam es nie. Statt dessen sollte die neue Steuer die unteren Volksklassen finanziell unter Druck setzen und zum freiwilligen Verzicht auf ihre überflüssigen Tiere bewegen. Derart teuer wie vom "Berliner Courier" gefordert, war die tierische Leidenschaft allerdings nicht. Ein Hund kostete jährlich drei Taler.

Mehrere Seiten füllte das "Reglement über die Einführung einer Hundesteuer in Berlin" im Berliner Intelligenzblatt. Auch zur Verhinderung der "Hundswuth", welche "furchtbare Folgen" habe, werde sie eingeführt, hieß es.
Das hatte gute Gründe: Allein im Jahr 1827 ereigneten sich nach einer amtlichen Statistik 28 Unglücksfälle "durch den Biß toller Hunde" und 45 wutkranke Hunde wurden im folgenden Jahr in die Tierarzneischule eingeliefert. Insgesamt waren damals etwa 6000 Hunde in Berlin registriert. Diese Statistik mussten die Hauswirte halbjährlich aktualisieren, indem sie die Hunde ihrer Mieter in Listen eintrugen. Jedes angemeldete Tier bekam eine Blechmarke mit Jahreszahl und Steuernummer, Farbe und Gestalt wechselten jährlich, um Betrug zu verhindern. Hunde ohne Marke wurden aufgegriffen und nach drei Tagen getötet.

Steuerhinterzieher mussten den dreifachen Betrag an die Armenkasse entrichten, hatten sie kein Geld, so steckte man sie ins Gefängnis und nahm ihnen den Hund weg. Steuerfrei waren nur

Schächtermeister, Viehtreiber und andere Hundehalter, die ihre Tiere zur Bewachung und Arbeit brauchten.

Volles Chaos - nur einer schläft. Schuhmacherfamilie mit Hund, Stich von Theodor Hosemann.
Volles Chaos - nur einer schläft. Schuhmacherfamilie mit Hund, Stich von Theodor Hosemann.Repro. Tsp

Tatsächlich verringerte sich die Zahl der Hunde in den folgenden fünf Jahren auf 3300, doch bald ging es wieder bergauf: 1850 wurden in Berlin knapp 10.000 Tiere gezählt. Damit wuchs die Schar der Hunde noch schneller als die Bevölkerung, die sich von 1810 bis 1850 mehr als verdoppelte. Die Liebhaberei hatte den Sieg davongetragen - und den Hausbesitzern kam das zugute, denn seit 1834 wurden die Einnahmen der Hundesteuer zweckgebunden zur Befestigung der Bürgersteige verwendet. Das war auch dringend nötig.

Wie desolat die Straßen damals aussahen, schildert Gustav Langenscheidt in seinem 1878 erschienener Spaziergang durch das alte Berlin. "So breit und schön die Straßen auch dem ersten Anblicke nach sind, so weiß doch der Fußgänger zuweilen nicht, wie er sich vor schnell fahrenden Wagen, vor Koth und Goßen hüten soll", schreibt der Begründer des weltberühmten Langenscheidt-Verlages. "In der Mitte der Straße ist es bei schlechter Witterung außerordentlich kothig und in dem Steinpflaster selbst gibt es unzählige Löcher." 1824 verhielt sich die Weinstube und spätere Sektkellerei "Lutter & Wegner" am Gendarmenmarkt wegweisend, indem sie ihren Gehsteig befestigte; 1828 verpflichtete eine Kabinettsorder die Hauseigentümer der frequentiertesten Straßen zu solchem Tun, aber viele hatten kein Geld für Granitsteine. So wurden die Hunde ihre Wohltäter, denn künftig konnten sie Zuschüsse aus dem Hundesteuer-Topf beantragen, die eine städtische Deputation verteilte.

Hunde waren zu teuer - die Ärmsten mussten ihre Tiere ersäufen

Anderen entlockte die neue Steuer "manchen Seufzer", wie Johann Friedrich Cottas im "Morgenblatt für gebildete Stände" berichtete. Die Ärmsten der Armen sähen keine andere Wahl, als ihre Lieblinge zu ersäufen oder an Menagerien zu verkaufen. Der Berliner Romantiker Adelbert von Chamisso verfaßte sogar unter dem Eindruck des Vormärz eine sozialkritische Ballade über den Bettler und seinen Hund:

"Drei Thaler erlegen für meinen Hund! So schlage das Wetter mich gleich in den Grund! Was denken die Herren von der Polizei? Was soll nun wieder die Schinderei? Ich bin ein alter, ein kranker Mann, Der keinen Groschen verdienen kann; Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brod, Ich lebe ja nur von Hunger und Noth .... Es geht zur Neige mit uns Zwein; Es muß, mein Thier, geschieden sein!

Du bist, wie ich, nun alt und krank; Ich soll Dich ersäufen, das ist der Dank! Das ist der Strick, das ist der Stein, Das ist das Wasser, es muß ja sein, Komm her, Du Köter, und sieh mich nicht an, Noch nur ein Fußstoß, so ist es gethan! Wie er in die Schlinge den Hals ihn gesteckt, Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt; Da zog er die Schling sogleich zurück Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und that einen Fluch, gar schauderhaft, Und raffte zusammen die letzte Kraft. Und stürzt in die Fluth sich, die tönend stieg, Im Kreise sich zog und über ihm schwieg ...."

Diese rührselige Geschichte erregte viel Aufsehen. Sie macht deutlich, wie heftig die neue Steuer manche ärmeren Zeitgenossen erregte.

Es war der Beginn einer Protestbewegung unter Hundefreunden, die bis heute gegen den Fiskus aufbegehrt. Schon in der Märzrevolution gab es demokratische Schelte. Es gehe hier nicht um die Hunde einer bestimmten Rasse, sondern um die einer bestimmten Klasse. Und in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts demonstrierten verzweifelte Hundehalter vor dem damaligen Tierhort in der Schicklerstraße in Mitte gegen eine drastische Erhöhung der Hundesteuer, die sie zwang, sich von ihren Tieren zu trennen.

lnfolge der Inflation schnellten die Hundekosten damals extrem hoch, entsprechend sank die Steuermoral. 1922 verlangte der Staat für einen einzelnen Hund jährlich 300 Mark, für den zweiten 450 Mark und für Luxustiere wie Chinesische Palasthunde oder Seidenpinscher gar 1000 Mark. Im Dritten Reich sank die Steuer dann wieder auf 60 Mark, und in der Nachkriegszeit war ihr Satz ebenfalls für die meisten Menschen erschwinglich. Gleichwohl organisierten Tierschützer in den fünfziger Jahren Patenschaften für finanzschwache Hundefreunde oder ermutigten sie, ihren Liebling schwarz zu halten.

Seit 1863 mussten alle Hunde einen Maulkorb tragen - aber kaum jemand hielt sich dran . . .

Schauen wir zurück ins Jahr 1863. Am 2. Juli ergeht eine verschärfte Polizeiverordnung, nach der "jeder Hund, welcher auf öffentlicher Straße oder an Orten, wo das Publikum sich aufhält, verkehrt oder zu verkehren pflegt, mit einem regelrechten Maulkorb versehen sein muß". Wird er ohne diesen angetroffen, fangen ihn die Scharfrichterei-Gehilfen "im Interesse der allgemeinen Sicherheit und Steuerkontrolle" ebenso weg wie einen Streuner, der ohne Steuermarke herumläuft. Dabei haben sie allerdings ähnliche Probleme wie unsere heutigen Amtspersonen beim Gerangel um Häufchen oder den Leinenzwang im Park. Die Anordnung klingt wie ein Machtwort, doch wie man sie durchsetzen soll, bleibt ungeklärt.

. . . und die Obrigkeit konnte sich nicht durchsetzen.

"Die Beschäftigung dieser Knechte ist bei der bekannten Rohheit des Berliner Publikums nicht die angenehmste, sie ist vielmehr mit fortdauernden wörtlichen und selbst thätlichen Angriffen verbunden ", faßt eine Zeitung erste Erfahrungen zusammen. Jeder Hundehalter könne den Fängern sein Tier wieder ungestraft wegnehmen, weil sie nur als Privatpersonen auftreten. Und er werde dies auch tun, da "er in dem Publikum einen stets bereiten Beistand

findet". Selbst hohe Gerichte hätten Hundeeigentümer schon ungestraft ausgehen lassen, die sich widersetzten, schreibt das Blatt.

Deshalb müsse die Berliner Hundepolizei amtliche Rechte wie ein Beamter erhalten. Und zwar unverzüglich. Begründung: "Nach den in Berlin herrschenden Verhältnissen hält ein großer Theil unserer Hundebesitzer eine Besteuerung für überflüssig." Noch entbehrlicher erschien den Hundefreunden allerdings der verordnete Maulkorb beim Gassi gehen. Er wurde ignoriert und als Schildbürgerstreich verspottet. Oder man lieferte sich Spiegelgefechte, ob die armen Tiere nun zu bedauern seien oder nicht.

In einer humoristischen Schriftensammlung aus dem Jahre 1871 ist gar vom "Allgemeinen Hundejammer über die Einführung der Maulkörbe" die Rede. Andere sprachen vom "genialen Berliner Maulkorb" und priesen dessen Vorzüge, wie Robert Springer in seinem 1868 erschienenen Buch "Berlin wird Weltstadt". "Alle Hunde in Berlin müssen zwar einen Maulkorb tragen, aber dieser bewahrt uns Menschen weniger vor den Bissen, als er die Hunde selber, wenn sie uns angreifen, wie ein Visier oder eine Fechtkappe vor gefährlichen Schlägen auf die Nase schützt."

Im steinernen Berlin wurde die Großstadt-Töle vom 6. Hinterhof geboren

Die Stadt wuchs in diesen Jahren so stürmisch wie nie zuvor. Im steinernen Berlin sollten möglichst viele Menschen auf wenig Platz unterkommen, beispielsweise in "Meyers Hof" in der Weddinger Ackerstraße, wo in 300 Kleinwohnungen mehr als 1000 Menschen lebten. Das war die Geburtsstunde der Großstadt-Töle vom sechsten Hinterhof. Keine Top-Figur, aber originell - gelungene Kiezmischung. Betrachten wir eine Zeichnung aus Heinrich Zilles Bilderbogen: "Zweites Quergebäude, Kellerwohnung". Vielleicht haben die Hof-Hundchen ja am liebsten in einer solchen Wohnküche unterm Vogelbauer geschlafen oder wedelnd hinaufgeschaut, als wollten sie den kleinen Sänger befreien - voller Mitgefühl wie der barfüßige Steppke auf dem Bild. "Armer Vogel", sagt er, "kriegst keene Sonne uff unsern dustern Hof! Un wenn mir ooch Vata uffn Abend verhaut - ick laß dir raus - flieg ins Vogelland!"

Suchbild: Arbeiterkinder im Berliner Hinterhof, 1910. Wo ist der Hund, ein Jack Russell Terrier?
Suchbild: Arbeiterkinder im Berliner Hinterhof, 1910. Wo ist der Hund, ein Jack Russell Terrier?Repro: Tsp, entnommen dem Buch "Jack - Album für einen großartigen Hund", erschienen im Verlag "Friedenauer Brücke" 2014/15

Da hatten es die Tölen besser. Sie wetzten kläffend hinter den Kindern über Höfe und Straßen, das war für sie wichtiger als ein letztes bisschen Grün. Und ihre zweibeinigen Spielgefährten verloren dank der Hunde nicht gänzlich die Nähe zur Natur. Sie wurden ohnehin schon von Pädagogen bedauert. "Kaum kann man es noch eine Kindheit nennen. Die Wagen und Klingelzeichen der elektrischen Straßenbahnen spielen eine größere Rolle in ihrem Leben und in ihrer Phantasie als etwa das Leben unserer Hausthiere." Es gab zwar noch die Karrenköter, aber der Stadthund war auch für die breite Bevölkerung schon längst kein Haustier mehr wie Kuh und Schwein oder seine wachsamen Artgenossen auf dem Lande. Er zog als Freizeitkumpel in die Villen und Mietskasernen ein, zahlreicher denn je. Und er fühlte sich hier wohl, war nur seine Herrschaft zusammen. So veränderte sich das Verhältnis zwischen Städter und Hund. Es entwickelte sich eine empfindsame Beziehung, um so inniger, je stärker Berlin wuchs.