Angels in America : "Es ist eine Höchstleistung"

Erstmals inszeniert Isabel Hindersin eine Oper an der UdK Berlin.

Christina Schoßig
Klarer Fokus. Für Isabel Hindersin stehen die Studierenden im Zentrum der Produktion.
Klarer Fokus. Für Isabel Hindersin stehen die Studierenden im Zentrum der Produktion.Foto: Urban Ruths

Voller Stolz auf ihre Studierenden berichtet Isabel Hindersin von der Produktion „Angels in America“. Sie ist Professorin für Szenischen Unterricht und hat im Juni die Oper von Peter Eötvös, die inhaltlich auf der siebenstündigen Vorlage von Tony Kushners gleichnamigem Epos beruht, an der UdK Berlin inszeniert. Die Berliner Erstaufführung am 27. Juni war ein großer Erfolg. Vier Tage wurde das Stück von zwei unterschiedlichen Besetzungen im UNI.T, dem Theater der UdK Berlin, aufgeführt.

Das moderne Stück ist für die Studierenden in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Es berührt komplexe Themen wie Aids, Homosexualität oder die Flucht in Drogen und lässt dabei die Grenzen zwischen Realität, Traum- und Geisterwelten verschwimmen. Der Fokus liegt auf den Seelenlandschaften der Figuren und verdichtet das Werk zu einem Porträt einer sich selbst vernichtenden Welt, in der dennoch der Lebenswille und die urtiefste Hoffnung des Menschen siegt. Für die 16 Studierenden des Studiengangs Gesang/Musiktheater war es das Abschlussprojekt, mit dem sie ihren Bachelor- oder ihren Masterabschluss absolvierten. Über Monate haben sie das Stück konzipiert und einstudiert. Die Studierenden haben die verschiedensten kulturellen Hintergründe, und so waren für einige von ihnen die Themen der Oper befremdlich oder neu. Auch körperliche Nähe, sexuell angehauchte, aggressive oder beleidigende Sprache bedeuteten für einige der Studierenden zunächst Überwindung.

Für Isabel Hindersin war „Angels in America“ die erste große Opernproduktion an der UdK Berlin. Seit Oktober 2016 ist sie Professorin im Studiengang Gesang/Musiktheater. Im Gespräch stellt sie sofort klar: „Bei dem Opernstück geht es nicht um mich als Regisseurin. Ich wünsche mir für alle eine erfolgreiche Prüfung. Hier geht es ganz klar um die Studierenden, darum, sie ins Spiel zu bringen. Die Lehre steht im Vordergrund.“

Die Komposition ist höchst anspruchsvoll

Isabel Hindersin selbst schaut auf eine facettenreiche Biografie als Schauspielerin und Sängerin zurück. Zunächst wurde sie an der Otto-Falckenberg-Schule München zur Schauspielerin ausgebildet, danach folgte ihre Gesangsausbildung an der Musikhochschule Luzern und dem Opernstudio Köln. Sie hatte zahlreiche Auftritte in Film und Fernsehen, sowohl in Deutschland als auch in ihrer Heimat Spanien. Ein Schwerpunkt ihrer gesanglichen Laufbahn liegt in der zeitgenössischen Musik. Zu sehen war sie unter anderem im Konzerthaus Berlin, bei den Schwetzinger Festspielen, am Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg, an den Münchner Kammerspielen, dem Schauspielhaus und der Oper Köln, der Oper des Nationaltheaters Mannheim und den Festspielen Bad Hersfeld. Ihr Regiedebüt gab sie 2013 am Centre de Perfeccionament Plácido Domingo in Valencia.

Zu ihrer Arbeit als Regisseurin sagt sie: „Es sind immer wieder die vier Ws: Wer bin ich? Wo bin ich? Mit wem? Warum? Um diese vier Ausgangsfragen szenischer Darstellung geht es, sie bestimmen den Charakter einer Bühnendarstellung“. Weiter erklärt sie: „In der Oper ist man als Sänger tendenziell zunächst eher fixiert auf die Stimme. Bei ,Angels in America’ war es ein längerer Weg zur Szene als bei einem klassischen Stück. Die zeitgenössische Musik fordert den Studierenden ein hohes Maß an mathematischem Denken ab. Die Komposition ist höchst anspruchsvoll.“ Und hat man „die musikalische Ebene bewältigt“, beginnt die Arbeit an der szenischen Darstellung.

Die Studierenden sind ihre "kleinen Helden"

Geradezu liebevoll beschreibt Hindersin den Entwicklungsprozess: „Es ist eine Höchstleistung, die hier vollbracht wird. Die Studierenden müssen lernen, neben einer professionellen Stimmperformance Emotionen zu vermitteln. Oft trauen sie sich nicht, fühlen sich noch unsicher in der Verbindung von Stimmtechnik und leidenschaftlicher Darstellung. Sie wollen weinen, wütend sein, all das, sie wollen sich reinschmeißen, aber da ist auch die Angst, die Stimme könnte leiden. Peu à peu lernen sie, eine jeweils auf die Partie zugeschnittene Strategie zu erarbeiten.“ 

Für Isabel Hindersin sind die Studierenden daher ganz klar „ihre kleinen Helden“. Dennoch betont sie, dass sie auch beim Inszenieren mit Studierenden keine Kompromisse eingeht: „Ich hatte hier die gleichen Ansprüche wie gegenüber einem gestandenen Ensemble. Nur, dass manchmal der Weg zum Ergebnis ein anderer ist als im täglichen Opernbusiness.“