Porträt Barış Kalkan : „Kunstunterricht ist Herzensbildung“

Barış Kalkan will Kunstlehrer werden. In den letzten Wochen fragte er sich, wie das während einer Pandemie eigentlich möglich ist.

Stella Schalamon
Barış Kalkan stellte während des Lockdowns zu Hause berühmte Kunstwerke nach, hier ein Selbstporträt von Frida Kahlo.
Barış Kalkan stellte während des Lockdowns zu Hause berühmte Kunstwerke nach, hier ein Selbstporträt von Frida Kahlo.

Barış Kalkan sitzt auf seinem Balkon in Friedrichshain und blickt auf seine Projekte der letzten Zeit. Ein junger Mangobaum. Die schwarze Banane, die in einer aufgeschnittenen Milchtüte steckt. Ein paar Kiwikerne in der Erde. Ungewöhnliche Wochen liegen hinter dem Masterstudenten, der an der UdK Berlin Bildende Kunst auf Lehramt studiert.

„Es ist ziemlich doof Kunst zu studieren, wenn man nicht in die Uni darf“, erzählt er. Wie andere Hochschulen auch verschob die Universität der Künste aufgrund der Covid-19-Pandemie zuerst den Start des Sommersemesters und stieg dann auf Fernlehre um. Die Ateliers und Werkstätten blieben geschlossen. Das gerade für ein Kunststudium so wichtige praktische Arbeiten war nur noch beschränkt von zu Hause möglich.

Barış Kalkan bemerkte bald: Digitale Lehre ist nichts für ihn. Er braucht Menschen um sich herum. Er nahm nur an den nötigsten Veranstaltungen teil. Etwa an denen, die für sein Nebenfach Französisch, das er an der Humboldt-Universität belegt, Pflicht sind. Auch wenn das für ihn bedeutet in den nächsten Semestern mehr zu tun, vielleicht sogar länger studieren zu müssen.

Digitale Lehre ist nichts für ihn

Stattdessen pflanzte er an. Schlief mal einen ganzen Tag. Und fing an, mit Gegenständen, die er zu Hause hat, Kunst zu machen hatte. Denn Barış Kalkan ist ein Sammler. Aus Austernschalen bastelte er eine Lampe. Mit antiken Büchern verzierte er die Wand hinter seinem Bett.

Und einen riesigen Teppich malte er an manchen Stellen probeweise dunkelgrün an. „Vorher hatte ich die Möglichkeit, ganz viel zu machen. Jetzt frage ich mich: Was kann ich überhaupt machen?“

Er kneift die Augen zu. Die Sonne blendet. Er greift in eine Schale mit regenbogenfarbenen Fruchtgummis.

Was neben Pflanzenziehen und Dinge für die Wohnung bauen noch ging, war Instagram. Als schließlich die Museen zumachten, poppte dort eine neue Challenge auf: „Alte Meister“. Die Aufgabe: all die berühmten Gemälde nachzustellen, zu denen es  nun keinen Zugang mehr gab.

Kunst, mit Gegenständen, die man zu Hause hat

Barış Kalkan dachte sich „Ich kann immerhin Kunst“ und begann mit Frida Kahlos „Selbstporträt mit Bonito“. Während auf Kahlos Schulter Papagei Bonito sitzt, hält Kalkan einen Papagei aus Papier in die Kamera seines Handys. Er selbst hat sich dicke dunkle Augenbrauen gemalt. Im Hintergrund: Pflanzen.

Es folgten Gustav Klimts schlafende „Danaë“ und Joseph Stielers wild dreinblickender Beethoven.

Was anfangs ein Gag war, wurde zur intensiven Auseinandersetzung mit den Kunstwerken. „So etwas könnte man sehr gut auch mit Schülerinnen und Schülern machen“, überlegt Kalkan.

Für sich hat er zwar einen Weg gefunden, aus den Einschränkungen das Beste zu machen. Doch von seinen ehemaligen Lehrerinnen und Lehrern aus Soltau in der Lüneburger Heide weiß er, dass Kunstunterricht momentan nicht stattfinden kann. Selbst jetzt, wo die Schulen langsam wieder öffnen. Das besorgt ihn.

Früh war ihm klar: er will Kunstlehrer werden

„Kunstunterricht ist die Herzensbildung der Jugendlichen“, sagt er. „Und gerade in der Krise nichts, was man vernachlässigen sollte.“

Während seiner eigenen Schulzeit war der Kunstunterricht  für ihn Zeit, in der er sich selbst ausprobieren konnte, in der es nicht nach einer festen Struktur ablief. Daher war ihm früh klar: Nicht Künstler, nicht Lehrer, Kunstlehrer will er werden!

Er will mit seinen zukünftigen Schülerinnen und Schülern zeitgenössische Galerien besuchen. Er will ihnen zeigen, dass Kunst aufregend sein kann. Und träumt davon, dass eines Tages eine oder einer seiner Schülerinnen und Schüler an eine Kunstuniversität geht. So wie er 2016.

Damit das möglich ist, will er lernen, wie Kunstunterricht auch in Zeiten wie diesen gewährleistet werden kann. Sein Wunsch: ein Kurs übers Unterrichten während einer Pandemie zum Beispiel. Den würde er auch online belegen.