Interview mit Jessica Lee : 15 Sekunden Schmerz, dann kommt das Glück

Die Schriftstellerin Jessica Lee schwimmt das ganze Jahr in Berliner und Brandenburger Seen. Im Winter findet sie es am schönsten.

Bettina Homann
Mit Handtuch und Hammer - Im Januar wird der Schwimmrucksack etwas anders gepackt als im Juli.
Mit Handtuch und Hammer - Im Januar wird der Schwimmrucksack etwas anders gepackt als im Juli.Foto: privat

Frau Lee, woher kommt Ihre Passion für Seen?

In einem See zu schwimmen ist für mich der perfekte Weg, mich mit einem Ort vertraut zu machen. Es geht um Intimität und Maßstab. Das Meer ist einfach zu groß, es überwältigt dich. Aber in einem See kannst du immer das Ufer sehen, du bist mitten in einer bestimmten Landschaft, wirst eins mit ihr.

In ihrem neuen Roman "Waldesdunkel" schreibt Nicole Krauss über das Schwimmen: "Im Wasser zu denken, ist anders, als an Land zu denken, weil man die Welt körperlich fühlen kann." Können Sie das nachvollziehen?

Ja, ich sehe das genau so! Eine Landschaft zu spüren und mich selbst in ihr - das erlebe ich beim Schwimmen im See.

Im Sommer können das ja sicherlich viele nachvollziehen, aber im Winter?

Im Winter ist es eigentlich viel schöner, weil es dann ganz still und leer ist. Im Januar, wenn alle anderen sich drinnen verstecken, dann gehört der See dir allein, das ist magisch. Die purste Wintererfahrung, die es gibt.

Aber muss man dafür wirklich ins eiskalte Wasser gehen?

Wenn man das einmal gemacht hat, kann man richtig süchtig werden. Es tut 15 Sekunden weh, danach kommt die Glückseligkeit. Ich habe Leute kennen gelernt, die es mit einem Heroinflash vergleichen. Das kalte Wasser löst einen Endorphinrausch aus. Du fühlst dich extrem wach und sehr lebendig.

Vielleicht ist das schlicht das Glück darüber, es überlebt zu haben ...

Der Körper reagiert einfach so auf die starke Temperaturschwankung. Ich vergleiche es gerne mit dem Runners High, nur dass ich dafür nicht eine Stunde laufen muss, sondern nur kurz ins kalte Wasser tauchen.

Wie schafft man das?

Einfach reingehen. Nicht springen, aber auch nicht zögern. Einfach so gehen, als würdest du eine Straße entlang laufen. Und nicht zurückschrecken. Dein Körper wird fragen: "Bist du wahnsinnig?" Diese Reaktion musst du überwinden. Dann geht die Qual vorbei und du gehst einfach eine Runde schwimmen.

Das Schwimmen im Winter gefällt der Schriftstellerin besonders gut - länger als 5 Minuten sollte man sich aber nicht im Wasser aufhalten.
Das Schwimmen im Winter gefällt der Schriftstellerin besonders gut - länger als 5 Minuten sollte man sich aber nicht im Wasser...Foto: Thilo Rückeis

Ist das nicht gefährlich, wenn es so kalt ist?

Man sollte natürlich gesund sein. Außerdem ist es wichtig, nicht zu übertreiben und die Zeit im Auge zu behalten. Wenn ich in sehr kaltem Wasser schwimme, zähle ich die Schwimmzüge. Ich bleibe nie länger als 120 Züge im Wasser. Das sind fünf Minuten, mein Maximum.

Man sollte meinen, dass man ganz von selbst schnell wieder raus will.

Die Gefahr ist, dass man die Kälte nach einer Weile nicht mehr spürt. Wenn du das Gefühl bekommst "Es ist gar nicht so kalt, ich fühle mich richtig wohl", solltest du definitiv raus gehen.

Es heißt ja, dass man sich kurz vor dem Erfrieren ganz warm und wohl fühlt.

Ja, das Erfrieren sollte man natürlich vermeiden. Dabei hilft das Zählen.

Kann man die Glücksgefühle, die Sie beschreiben auch unter der kalten Dusche erfahren?

Manche sagen ja, aber mir geht es darum, ein Gewässer zu erfahren, eine Landschaft.

Und danach - ist man dann nicht völlig durchgefroren?

Ich ziehe mich an und schüttle mich zehn Sekunden lang, dann geht es mir gut. Interessanterweise friere ich im Herbst eher mehr als im Winter, der Körper gewöhnt sich an die Kälte.

Gibt es ein Limit?

Selbst wenn ein See zugefroren ist, ist das Wasser darunter nicht kälter als 4 Grad und ich habe festgestellt, dass man unter 8 Grad keinen Unterschied mehr spürt.

Die eiskalte Havel ist für die Kanadierin bei -5 Grad Außentemperatur ein Paradies.
Die eiskalte Havel ist für die Kanadierin bei -5 Grad Außentemperatur ein Paradies.Foto: Thilo Rückeis

Was erleben Sie für Reaktionen, wenn Sie im Winter in einen See steigen?

Ich habe schon sehr oft gesagt bekommen, dass ich verrückt bin. Manchmal bleiben Leute aber auch stehen und fragen interessiert nach. Aber der Anblick ist nicht mehr ganz so selten. Das Winterschwimmen wird immer populärer.

Woran liegt das?

Es gibt diesen starken Wunsch, die Natur zu erleben, sich selbst zu spüren. Und es wird viel mehr über das Thema berichtet. In Berlin gibt es den Club der Berliner Seehunde, das war mal ein FKK-Club. Als ich da das erste Mal hingegangen bin, waren dort hauptsächlich ältere Leute. Ein lustiger Anblick: eine Gruppe nackter 60-Jähriger, die Löcher ins Eis hacken.

Und jetzt?

Inzwischen gibt es viele jüngere Mitglieder und viele Expats dort.

Das Winterschwimmen ist ein gutes Hobby für Berlin, hier dauert der Winter ja lang.

Nicht so lange wie in Kanada, wo ich herkomme. Dort dauert der Winter acht Monate. Aber es kann hier schon deprimierend werden, wenn es ab Oktober nur noch grau und dunkel ist. Für mich ist das Schwimmen die beste Methode gegen die Winterdepression.

Dann träumen sie nie davon, in einer Gegend wie Kalifornien zu leben?

Oh Gott, das wäre mein schlimmster Alptraum!