200 Jahre Thonet : Was macht den Stuhl der Stühle aus?

Mit ihren Bugholz- und Stahlrohrmöbeln schreibt die familiengeführte Firma Thonet seit 200 Jahren international Designgeschichte.

Illustre Stehparty. In der Neuen Sammlung in München läuft bis zum 2. Oktober 2020 die Ausstellung „Thonet & Design“.
Illustre Stehparty. In der Neuen Sammlung in München läuft bis zum 2. Oktober 2020 die Ausstellung „Thonet & Design“.Foto: Die Neue Sammlung

Da ist sie, die Verführerische. Ihren Kurven und Rundungen mit dem Blick zu folgen, ist so subtil sinnlich, dass es ein bisschen prickelt um die Bauchnabelgegend. Wie sie sich in die Luft schmiegt, sich zart zurücklehnt, leicht federnd - das ist geradezu betörend. Ganz zu schweigen von diesem Rot! Eine Sirene. Als würde sich Marilyn Monroe die Lippen nachziehen.

Etwas weiter steht der Intellektuelle. Kühl, nüchtern, klar. Dominant und gleichzeitig reserviert. Wie geht das? Ohne Zweifel beherrscht dieser elegante Dandy die Kunst des distinguierten Flirts - und zwar meisterhaft. Vielleicht trinkt er Single Malt, neat. Vermutlich denkt er auch lieber als er redet. Wenn er Letzteres aber doch einmal tut, dann mit einem unerwartet sonoren Timbre, das einem die Knie weich werden lässt.

Und dann gibt es da noch den Diskreten. Seine zurückgenommene Silhouette ist schmal, er streckt sich förmlich, als ob er die Schultern nach oben zöge, wie um zu sagen: „Ich lasse Ihnen gerne den Vortritt, gnä' Frau.“ Dennoch tut er es: auffallen, weil seine gewandte Zurückhaltung so eindrücklich ist.

Was nach den Gästen einer illustren Stehparty klingt, ist der „Cantilever Chair S 275“ von Verner Panton (1956), der „B3 Wassily“ von Marcel Breuer (1925) und der berühmte Konsumstuhl „Nummer 14“, der „Stuhl der Stühle“, von Michael Thonet selbst (1859) - allesamt Designklassiker aus dem Hause des deutschen Tischlermeisters.

„Warum vier Beine nehmen, wenn zwei ausreichen“

Man könnte ewig so fortfahren: mit dem Futuristischen, der Exzentrischen, dem Gemütlichen, der Launischen, dem Humorvollen. Für die Jubiläumsschau zum 200-jährigen Bestehen der familiengeführten deutschen Möbelmanufaktur Thonet hat die Münchner Pinakothek der Moderne 70 Exemplare versammelt. Da stehen sie, chronologisch arrangiert, wie die bestuhlten Ränge eines Theaters oder die Reihen einer Modeschau. Sie zeigen die Geschichte, ja, die Evolution des markanten Thonet-Designs. Jeder von ihnen scheint dabei mit einer eigenen Persönlichkeit versehen, einzigartig - und doch stammen sie alle irgendwie aus derselben Familie, sind miteinander verwandt. Durch eine stilistische Essenz, die den Mythos Thonet ausmacht. Doch worin besteht der?

„Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer“, sagte der deutsche Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der für Thonet 1927 den Stahlrohr-Freischwinger „S 533“ entwarf. Es war die Weiterentwicklung des hinterbeinlosen Kragstuhls, den sein niederländischer Kollege Mart Stam ein Jahr zuvor designt hatte, angelehnt an den „Wassily“. Ein bahnbrechender Entwurf, der auf zwei übereinanderliegenden Kuben basiert. Diese Kuben ersetzte Mies van der Rohe durch Bogen aus kalt gebogenem Stahlrohr, die Stams kantiges Modell schließlich zum Schwingen brachten.

Der legendäre Stuhl „S 533 F“ von Ludwig Mies van der Rohe wurde vom Designerduo Besau Marguerre neu aufgelegt.
Der legendäre Stuhl „S 533 F“ von Ludwig Mies van der Rohe wurde vom Designerduo Besau Marguerre neu aufgelegt.Foto: Thonet

Beide Stühle wurden in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung präsentiert - und waren ein Kulturschock. Der kalte Stahl, ein bisschen dazwischen gespannter Stoff beziehungsweise Leder, und dann noch die Sache mit der fragwürdigen Statik. Andererseits: „Warum vier Beine nehmen, wenn zwei ausreichen?“, soll der Dadaist Kurt Schwitters gefragt haben.

Der Stuhl wird zum It-Möbel der Moderne

Seither gehört der Stuhl für Möbelbauer wohl zum interessantesten Objekt, das sich gestalten lässt, denn er ist mit den Jahren zum Statussymbol geworden, zum Accessoire und Eyecatcher der modernen räumlichen Inszenierung. Leichter zu arrangieren als eine Sofalandschaft, preiswerter als ein handgeknüpfter Kelim.

War der Stuhl früher noch ein Privileg ägyptischer Pharaonen, eines von Königen und Herrschern, natürlich auch des Klerus, die von prächtig geschmückten Thronen hinabblickten auf ihr am Boden kauerndes und kniendes Volk, hat sich seine Verwendung inzwischen demokratisiert. Der Stuhl als Rangmerkmal wird im 16. Jahrhundert abgelöst, als die Renaissance dem Mittelalter beikam. Er avanciert zum It-Möbel der Moderne, weil seine Idee so simpel ist: Platz zu nehmen. Der Stuhl war schon immer eine Einladung. Erst wenn er besessen wird - im wahrsten Sinne des Wortes - ergibt er Sinn. Und im Fall von Thonet sitzt das Auge eben mit.

Meister ihres Handwerks. Thonet verfügt über 200 Jahre Erfahrung im kunstvollen Biegen von Bugholz.
Meister ihres Handwerks. Thonet verfügt über 200 Jahre Erfahrung im kunstvollen Biegen von Bugholz.Foto: Thonet

Es war die Wiener Kaffeesiederin Anna Daum, die sich in Michael Thonets zierlichen Bugholzstuhl verliebte. 1850 stellte Thonet eines seiner Modelle auf einer Gewerbemesse aus, verspielt und schwerelos, aber durchaus robust. Für ihr Kaffeehaus am Kohlmarkt in Wien bestellte Daum den Stuhl „Nummer 4“ mit der zu zwei Schnecken geschnörkelten Rückenlehne und der Sitzfläche aus Korbgeflecht. Das markiert den Beginn einer hollywoodesken Liebesgeschichte: Kein Kaffeehaus ohne Thonet- Stuhl - diese Liebe hält bis heute. Damals wurde der Grundstein dafür gelegt, was man heute „Projektgeschäft“ nennt: Möbel für den öffentlichen Raum zu produzieren, für jedermann.

Die Poesie des gebogenen Holzes

Im Café Daum herrschte reges Treiben. Nahe der Hofburg trafen sich galante Offiziere, Adjutanten und Politiker ebenso wie Dichter, Maler und Träumer. Heute würde man, rein unternehmerisch, von klugem Product Placement sprechen. Eine bessere Werbung hätte sich Thonet nicht wünschen können. Sein Traum von einem klassenlosen Stuhl verband sich mit hoher Qualität zu einem günstigen Preis - und die Poesie des gebogenen Holzes tat ihr Übriges. Die nächste Bestellung folgte umgehend: 400 Stühle für ein Hotel in Budapest.

Nun gibt es unzählige Stühle auf dieser sitzsüchtigen Welt. Aber nur wenige, die einen so ausdauernden Charme beweisen wie die Thonet-Modelle. Das liegt nicht zuletzt an der Firmenphilosophie, die seit fünf Generationen dieselbe ist: die Reduktion auf das Nötigste. Möbel mit klaren Formen und wenigen Materialien. Damit nahm Michael Thonet Mitte des 19. Jahrhunderts vorweg, was Mies van der Rohe später mit dem Bauhaus-Credo „Less is More“ definieren sollte.

Noch bevor Thonet auf Empfehlung von Fürst von Metternich nach Wien übersiedelte („In Boppard bleiben Sie ein armer Mann“), wuchs seine Idee im Mittelrheintal, wo zwischen rot-goldenen Weinbergen Brentanos Loreley nicht weit, und wo im Spätsommer die Luft von Federweißem beschwipst ist. Thonet war hier bekannt für seine anschmiegsamen Biedermeierstühle, edle Unikate aus Nussbaum und Mahagoni.

Ein Verfahren, mit dem die Revolution begann

Ein Glück, dass der Schreiner die Zeichen der Zeit erkannte und an das einfache Volk dachte, das sich diese Möbel nicht leisten konnte. Um einen formschönen, erschwinglichen Stuhl in großen Mengen zu produzieren, verwendete er einheimisches Holz, das reichlich vorhanden war. Und er entwarf die Modelle so, dass sie industriell als Serie herzustellen waren.

Michael Thonet hat die Bugholztechnik nicht erfunden, aber in jahrelangen Experimenten perfektioniert.

Sebastian Herkner hat den „Thonet 118“ in Rückgriff auf den „214“ und den „Frankfurter Stuhl“ neu gestaltet.
Sebastian Herkner hat den „Thonet 118“ in Rückgriff auf den „214“ und den „Frankfurter Stuhl“ neu gestaltet.Foto: Thonet

Mit diesem Verfahren begann die Revolution - und es funktioniert heute noch so, wie er es sich 1856 patentieren ließ: Fünf Stunden weicht das Buchenholz im Wasserdampf ein, dann bleiben drei Minuten, um es in Form zu bringen, bevor es zu trocken ist und bricht. Dafür braucht es Fingerspitzengefühl, weil jedes Holzstück anders ist. Das Biegen ermöglicht ein völlig neues Design, das sich nicht nur in Wien an Frau Daum, sondern in alle Welt verkauft. Die „Nummer 14“ steht im Weißen Haus und auf Henri de Toulouse-Lautrecs Gemälde „Au Moulin Rouge“. Sie stand bei Lenin und Franz Joseph Strauss und im Kinderzimmer von Leo Tolstois Moskauer Haus. Pablo Picasso wippte und malte in Thonets erstem Schaukelstuhl. Und der Schweizer Architekt Le Corbusier stattete 1925 seinen „Pavillon de l'Esprit Nouveau“ auf der Pariser „Exposition des Arts Décoartifs“ mit dem Armlehnstuhl „Nummer 9“ aus und sagte: „Noch nie ist Eleganteres und Besseres in der Konzeption, Exakteres in der Ausführung und Gebrauchstüchtigeres geschaffen worden.“

Ikea-Gründer griff Thonets Erfolgskonzept auf

Dass diese schlichten Stühle einen derartigen Siegeszug antreten konnten, liegt aber nicht nur am Design, sondern auch an Thonets Vertriebsidee. Die „Nummer 14“ besteht aus sechs Holzteilen, zwei Muttern und zehn Schrauben. Mehr nicht. In einer Transportkiste mit einem Kubikmeter Rauminhalt konnte man damals schon 36 demontierte Stühle verschicken. Montiert werden sie vor Ort - in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Afrika.

Thonet nimmt damit ein Erfolgsprinzip vorweg, das ein gewisser Ingvar Kamprad 1943 für seinen schwedischen Einrichtungskonzern Ikea aufgreifen sollte. Für diese Pionierarbeit in Sachen modernem Industriedesign erhielt Michael Thonet 1862 die Bronzemedaille der Londoner Weltausstellung.

1929 stand während der Bauhaus-Ära in der Ausstellung „Der Stuhl“ eine Frage im Zentrum: Es ging um die Suche nach dem „neuen Stuhl“, der den Lebensgewohnheiten des modernen Menschen entsprechen soll, wie es Fritz Wichert, damaliger Direktor der Frankfurter Kunstschule, formulierte. Bei der Schau, die zur „Ergänzung auffordern und anregen“ soll, war auch Thonet mit zahlreichen Entwürfen vertreten.

Der neue Stuhl ist der alte Stuhl

Und sieht man sich das neueste Thonet-Modell des deutschen Designers Sebastian Herkner von 2018 an, wird deutlich: der neue Stuhl ist der alte Stuhl. Herkner spielt mit einem gebogenen Sitzrahmen, einer mit Rohrgeflecht bespannten Sitzfläche, verschränkt die „Nummer 14“ mit dem „Frankfurter Stuhl“, den Thonet ab 1930 fertigte, auf zeitgemäße Art. Da steht, wenn man so will, der Klassiker: Ehrlich, filigran, präzise. Schlicht, aber vornehm. Ein beliebter Gast auf Familienfeiern, weil er sich niemals so in den Vordergrund drängen würde wie der betrunkene Onkel. Verlässlich.

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Vielleicht gewinnt er deswegen auch den Flirt mit der Verführerischen gegenüber dem etwas versnobten Intellektuellen. Und wenn alles gut geht, wird Herkners Offenbacher Stuhl „118“ noch in 200 Jahren besessen werden. Das ist der Mythos Thonet: Er war lange vor uns da und wird uns lange überdauern. Nur was er alles erlebt hat, das behält er leider für sich.