Design aus Berlin : Coole Kanten

Süleyman Mazanli suchte ein Bett. Keines überzeugte ihn. So baute er selbst eins. „Ion“ gefiel auch anderen. Der gebürtige Berliner startete die Produktion. Nun steigt die Nachfrage.

Alles stimmt. „Ion“, auch in Weiß oder Schwarz, ist schlicht überzeugend.
Alles stimmt. „Ion“, auch in Weiß oder Schwarz, ist schlicht überzeugend.Foto: promo

Es ist nie verkehrt, etwas von Wirtschaft zu verstehen. Aber als Süleyman Mazanli seinen Bachelorstudiengang „Economics“ an der TU abgeschlossen hatte, war ihm klar, dass er sein (Berufs-)Leben nicht mit Zahlen und Fakten füllen wollte. Was war die Alternative? Kreatives Tüfteln in einer Borsigwalder Fabriketage. Die Geschichte entwickelte sich überraschend: Süleyman brauchte ein neues Bett – und fand keines, weder in einem Laden noch im Internet. „Ich wollte etwas Außergewöhnliches“, sagt er, vor allem wollte er einen Rahmen aus Stahl. Kindheitsflausen. Denn als kleiner Steppke, der heute 31-jährige Süleyman wurde in Berlin geboren, verbrachte er die Ferien oft bei den Großeltern in der Türkei. „Die hatten in ihrem Garten Metallstühle, die so schön gequietscht haben“, erinnert er sich. Ein ähnliches Material fürs Bett sollte es sein, natürlich ohne Quietschen.

Gemeinsam mit einem Freund schweißte er sein erstes Bett zusammen, im Herbst 2015. Ein Bekannter sah das Resultat – und wollte prompt auch so eine Liegestatt haben. Die Sache nahm ihren Lauf. Ein gutes halbes Jahr später hatte Süleyman seine eigene Firma „Tatkraft“ gegründet. Und kann heute schon etliche Bettgestelle pro Monat auf die Reise schicken, nach Deutschland, aber auch nach Italien oder in die Schweiz.

Schlicht und funktional kommt „Ion“ daher. Das Bettgestell mit 150 Schweißnähten dürfte vor allem jenen gefallen, die industrielles Design mögen. Aus 26 Einzelteilen ist es zusammengeschweißt – und erstaunlich leicht. Nicht einmal 20 Kilogramm wiegt es. „Man kann es mit einer Hand anheben“, sagt Süleyman. Auf dem Gestell wird ein Lattenrost ausgerollt, fertig ist das Bett. Man kann es in einer Breite ab 140 Zentimeter bestellen. Lange hat der Designer getüftelt, bis alles perfekt war.

"Marzahn wird eher cool als Reinickendorf"

Auch die Höhe des Bettes – exakt 30 Zentimeter – macht natürlich Sinn. Darunter könnte man allerlei verstauen, aber schöner ist es doch, den Platz einfach freizulassen. Dann wirkt das Bett schöner, und außerdem, sagt der pragmatische Süleyman, „kann man den Staub gut drunter wegsaugen“.

Kratzer sind kein Problem bei dem Möbelstück, ein wenig Patina stünde ihm sowieso gut, sagt der Erfinder. Wer den Metalllook nicht mag, kann das Gestell auch in Weiß oder Schwarz bekommen. Eine Ausführung in Edelstahl ist geplant; auch passende Beistelltischchen sind bereits in Arbeit.

Während andere ihre Start-ups meist in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg eröffnen, hat sich Süleyman für Reinickendorf entschieden. Das kleine Team um ihn herum gehört zum „kreativen Freundeskreis“. Auch Andreas, in Russland geboren und Mitte der 90er Jahre nach Berlin gekommen, gehört dazu. „Wir kennen uns aus der Weddinger Grundschule“, sagen beide und betonen: „Das hier ist unsere Heimat.“ Sie lieben die Ruhe im Kiez und dass hier noch alles so ist, wie es immer war. „Marzahn wird eher cool als Reinickendorf“, scherzt Andreas.

Ein Darlehen von der Bank wollte er nicht

Süleyman und seine Freunde träumen davon, ihre 650 Quadratmeter Gewerbefläche auch als „Eventlocation“ zu nutzen. „Wir wollen kreative Räumlichkeiten entwickeln“, erzählt Andreas. Rundherum in den Gewerbehöfen geht es bodenständig zu. Eine Schreinerei gibt es dort, eine Spedition, eine Schilderfabrik und eine Manufaktur für Crossräder. Wird das junge Tatkraft-Team von den Nachbarn ernstgenommen? „Klar“, sagt Süleyman, „die kriegen ja mit, was wir verkaufen.“

Inzwischen arbeite die kleine Firma schon kostendeckend, sagt der Gründer stolz. Ein Darlehen von der Bank wollte er nicht. Immerhin nahm er ein Privatdarlehen der Familie an, damit die Produktion beginnen konnte.

Nachnamen und die Siezerei mögen sie nicht im Team. Alles soll locker sein. Sie fangen eher später an, arbeiten dann aber auch mal bis tief in die Nacht. Und sie wollen vieles anders machen. So verschicken sie ihr Produkt nicht in umweltfeindlichen Umverpackungen. „Das Bett kommt im handgenähten Jutesack“, erklärt Süleyman. Überhaupt bemühe sich „Tatkraft“ bei der Produktion einen geringstmöglichen „Fußabdruck“ zu hinterlassen. Eine CO2-Ausgleichsabgabe wird bezahlt.

„Wir verkaufen schließlich auch ein Stück Berlin“, sagt der 31-Jährige. Den Geist der Stadt wollte man einfangen, und der sei nun mal „hart, kantig und herzlich“. Eine Botschaft, die ihr Bett irgendwie rüberbringt. Und deshalb kommt es in Europa offenbar genauso gut an wie die gehypte Stadt.

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