Designer Stephan Burks : Vielfalt macht Laune

Stephan Burks hat eine Vision: Im 21. Jahrhundert wird das Design von technischer Intelligenz und multikulturellen Einflüssen geprägt sein. Auch er sucht überall auf der Welt nach Ideen – und setzt damit ein Zeichen gegen Intoleranz.

Was woanders in der Tonne landet, erweckt Stephen Burks zu neuem Leben.
Was woanders in der Tonne landet, erweckt Stephen Burks zu neuem Leben.Foto: promo/www.stephenburksmanmade.com

Es scheint kaum einen Ort in der Welt zu geben, an dem Stephen Burks noch nicht gearbeitet hat. Südafrika, Senegal, Kenia, Ghana, Haiti, Indien, Mexiko, Indonesien und Kolumbien lagen bereits auf der Reiseroute des großgewachsenen New Yorkers mit der sympathischen Zahnlücke, immer mit der Mission, regionales Kunsthandwerk mit modernem Design in Kontakt zu bringen. Auch nach Berlin führte ihn seine Arbeit schon: In dem Kreuzberger Projekt Cucula gab er einen Workshop für Geflüchtete, die aus Holz Tische und Stühle fertigen. Was Stephen Burks antreibt, ist aber nicht etwa, eine Mutter Teresa des Designs zu werden. Es ist seine Begeisterung für alles Handwerkliche – und für gebrauchte Materialien. Was woanders in der Tonne landet, erweckt der Designer zu neuem Leben. So fertigte er aus geschredderten Zeitungen Tische für Capellinis „Love Collection“ an und beklebte eine Vase für Missoni mit Stofffetzen aus der Kollektion des Modehauses.

Ideen wie diese, die ihm den Respekt von Stardesignern wie Alfredo Häberli einbringen, kommen ihm ganz banal im Alltag oder auch in Zusammenarbeit mit Firmen wie Dedon. Für den deutschen Hersteller hochwertiger Outdoormöbel hat Stephen Burks bereits mehrere Möbelserien entworfen. Auf der Mailänder Möbelmesse im April 2017 stellte er die Leuchtenserie „The Others“ vor. Die handgewebten Laternen für Innen und Außen entfalten im erleuchteten Zustand ihre skulpturale Erscheinung. Mit Augen aus Acryl wirken sie fast menschlich.

Für Stephen Burks ist die Kollektion auch ein politisches Statement. „Wir alle waren an einem Punkt der Geschichte ,die Anderen’“, sagt er und spielt auf die aktuelle Migrationskrise und die wachsende Fremdenfeindlichkeit in der Welt an. „Ich möchte ausdrücken, dass man durchaus unterschiedlich sein kann, aber trotzdem gut miteinander auskommt.“

In Europa trifft er auf Verständnis für seine Arbeitsweise

Auch Stephen Burks ist oft „der Andere“, nämlich einer der wenigen US-amerikanischen Designer, die in Europa Fuß gefasst haben und mit den großen Namen der Branche zusammenarbeiten, sei es nun Cappellini, Ligne Roset oder Roche Bobois. Warum gibt es so wenige Gestalter aus seinem Land, die weltweit bekannt sind? „In den USA arbeiten Designer normalerweise Inhouse bei den Unternehmen und sind stark in die Hierarchie eingebunden“, erklärt Burks. „Daher sieht man dort auch eher konventionelle Produkte, weil es wenig Raum für Kreativität gibt.“

Die humorvolle Leuchtenkollektion "The Others" von Dedon blickt zum Betrachter zurück.
Die humorvolle Leuchtenkollektion "The Others" von Dedon blickt zum Betrachter zurück.Foto: Dedon

An seiner Arbeit mit europäischen Kunden schätzt der Amerikaner den direkten Dialog mit den Entscheidungsträgern, also dem Creative Director und dem Firmeneigentümer. „Ich denke, dass je näher der Designer mit der Produktion Hand in Hand arbeitet, desto mehr Raum gibt es für Innovation.“

In Europa trifft er auf Verständnis für seine unangepasste Arbeitsweise, die sich eher in der Werkstatt als am Computer abspielt. „Wir arbeiten im Feld, wir gehen in die Fabriken und lassen die Projekte in Zusammenarbeit mit den Kunsthandwerkern entstehen“, erklärt er. „Sie steuern ihre Expertise und ihr Wissen für die Produktentwicklung bei.“

Während die Kontakte früher über Non Profit Organisationen wie Aid to Artisans zustande kamen, entstehen sie heute über Firmen und Kooperationspartner, die mit ähnlichen Methoden arbeiten wie Stephen Burks, um Handwerkstechniken in große Produktionen überführen zu können. So beschäftigt Dedon in der Hochsaison auf den Philippinen 1600 Weber und ist so in der Lage, 300 Möbel pro Tag per Hand herstellen zu lassen. Den Produktionsstandort wählte das Unternehmen aus, weil die Weberei stark in der Handwerkstradition verankert ist.

Seine Mutter drängte ihn zum Produktdesign-Studium

Für Stephen Burks ist Handarbeit die Basis aller Massenproduktion, ja sogar die Quelle für Inspiration. „Was wir heute Kunsthandwerk nennen, ist unsere ursprüngliche Art, die physische Welt zu begreifen. Mit dessen Hilfe werden wir die ausdrucksstärksten und intelligentesten Produkte der Zukunft entwickeln“, philosophiert er und verweist auf die vielen italienischen Designmarken, die als kleine Handwerksbetriebe begannen und sich durch die Industrialisierung von Herstellungsprozessen zu Global Playern entwickelten. Seine Vision für das 21. Jahrhundert besteht in einer Verbindung aus technischer Intelligenz und Handarbeit.

Ob Stuhl, Tisch oder Laterne: Stephen Burks Kollektion besteht aus recyceltem Material.
Ob Stuhl, Tisch oder Laterne: Stephen Burks Kollektion besteht aus recyceltem Material.Foto: promo

Bereits als Kind zeichnete und bastelte der Sohn einer Krankenschwester und eines Polizisten gern. Und das obwohl Design keine nennenswerte Rolle im Elternhaus des gebürtigen Chicagoers spielte. Dennoch drängte ihn seine Mutter zum Produktdesign-Studium am Illinois Institute of Technology. Später erwarb er noch einen Abschluss an der Columbia University Graduate School of Architecture und fühlte sich vor allem durch die Ideen der Bauhaus-Bewegung inspiriert. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Uhrenmarke Swatch gründete der Gestalter in Brooklyn sein Designbüro „Stephen Burks Readymade Projects“, das sich heute „Stephen Burks Manmade“ nennt.

Mit seinem Ansatz, eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen, steht er nicht allein da. Auch Sebastian Herkner und seine „Ames Sala“-Kollektion, Matteo Thun und die Eigenkollektion „Matteo Thun Atelier“ oder Paola Navone, die bereits in den 80ern mit asiatischen Kunsthandwerkern kooperierte, haben den Anspruch, die Welt durch Design ein bisschen besser zu machen. Es wäre schön, wenn das gelänge.

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