Zeitung im Salon am 2. Oktober : Großmutter in Schwarz

Sie konnte nicht lesen und schreiben - aber über das Weltall diskutieren. Thomas de Padova hat ein Buch über seine süditalienische Großmutter geschrieben.

Wir sehen uns im September. De Padovas Nonna.
Wir sehen uns im September. De Padovas Nonna.Foto: privat

Anfangs hatte er Angst vor ihr, dieser kleinen Frau, die immer ganz in Schwarz gekleidet war. Die ihn, den Enkel aus Deutschland, mit Wonne in die Backen kniff und mit angeblichen Gespenstern erschreckte. Die in einem Haus ohne Kühlschrank und ohne Telefon lebte, nie zur Schule gegangen war und weder lesen noch schreiben konnte.

Wie ein Relikt aus der Vergangenheit

La nonna, die Großmutter: Jeden Sommer fuhr die Familie von Thomas de Padova zu Besuch nach Mattinata, in jenes süditalienische Dorf im Gargano, dem Sporn des Stiefels, aus dem der Vater de Padovas stammte und das er 1960 verlassen hatte, um als „Gastarbeiter“ ins Rheinland zu gehen. Und jeden Sommer wartete die Nonna dort, auch als der Enkel größer wurde, Physik und Astronomie studierte, Journalist, Redakteur beim Tagesspiegel und Buchautor wurde. „Wie sie so dasaß in dem hohen Raum vor einer kalkweißen Wand, die Hände in den Schoß gelegt, hatte sie etwas von einer Statue an sich“, erinnert sich de Padova in seinem Buch „Nonna“ (Hanser Berlin): „Sie kam mir wie ein Relikt aus der Vergangenheit vor, eine Frauenfigur, die mir unbekannte Zeiträume durchlebt hatte, eine Hüterin dunkler Erinnerungen.“

„Wann kommst du wieder?“, fragte sie ihn, wenn er wieder aufbrach.

„Wir sehen uns im September.“

Die Erinnerung wachrufen

Thomas de Padova, langjähriger Wissenschaftsredakteur dieser Zeitung, hat viele Sachbücher geschrieben, sie handeln von Johannes Kepler und Galileo Galilei („Das Weltgeheimnis“), von Leibniz und Newton („Die Erfindung der Zeit“) oder von Albert Einstein („Allein gegen die Schwerkraft“). Dass er ein so persönliches, literarisches Buch über seine Großmutter schreiben würde, das war auf den ersten Blick nicht zu erwarten. Im Tagesspiegel-Salon stellt er es am 2. Oktober im Gespräch mit Politik-Redakteurin und Italien-Kennerin Andrea Dernbach vor.

Schon als de Padova 2005 den Tagesspiegel verließ, um als freier Buchautor zu arbeiten, wollte er über seine Nonna schreiben, hatte für die nächste Italienreise ein Aufnahmegerät eingepackt, um ihre Stimme aufzunehmen. Aber einen Tag bevor er in Mattinata ankam, erlitt sie einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr erholte. Drei Monate später starb sie – und de Padova verschob das Projekt. „Aber irgendwann merkt man, dass die Erinnerung verblasst“, sagt er. Dieses Buch mehr als zehn Jahre nach dem Tod der Nonna zu schreiben, war für ihn eine Gelegenheit, die Erinnerung wachzurufen und alles noch einmal zu durchleben, im Buch verdichtet auf einen Sommer. Das Halbdunkel des Hauses zieht sich durch das Buch, aber auch das Licht Süditaliens: „Am Fuß des Dorfes liegt die Adria. Wie ein Seidenband in kühlem Blau, das in der Ferne satter und tiefer wird. Darüber wölbt sich wolkenlos der Himmel. Ich blinzle. Die Sonne glüht schon in den Morgenstunden.“

Sie hielt ihn für einen Buchbinder

De Padovas Mutter ist Deutsche, und auch sein Vater hat immer Deutsch mit ihm gesprochen. Die italienische Sprache und vor allem den Dialekt, den seine Nonna sprach, hat er erst spät gelernt, zu Beginn konnte er sich mit ihr kaum verständigen. Und auch im Erwachsenenalter ist die Kommunikation von teils komischen Missverständnissen geprägt. Als er der Nonna stolz sein erstes Buch „Am Anfang war kein Mond“ präsentiert, zeigt sie ihm ein zerfleddertes Bilderbuch – das einzige Buch, das sie besitzt – und bittet ihn, es auch so schön zu machen. Erst mit Verzögerung versteht er, dass sie glaubt, er sei Buchbinder. „Sie zweifelt offenbar keinen Moment daran, dass ich das Buch eigenhändig gebunden habe und dass dies den eigentlichen Wert meiner Arbeit ausmacht. Als ich ihr erkläre, ein Verlag habe das Buch maschinell drucken und binden lassen, ich selbst hätte nur den Text verfasst, legt sie ihr Exemplar mit enttäuschtem Gesichtsausdruck zurück auf die Nähmaschine.“ Darauf entspinnt sich jedoch ein Dialog zwischen der Nonna und dem Physiker-Enkel über das Weltall, die Sterne, den Mars.

Die Männer wanderten aus, die Frauen blieben zurück

In seinem Buch spürt Thomas de Padova dieser Frau nach, ihrer schweren Kindheit, ihrer unglücklichen Ehe, aber er schreibt gleichzeitig auch die Geschichte seiner Familie und des Dorfes, aus dem immer wieder die Männer aufbrachen, um Arbeit in der Ferne zu finden, und die Frauen dort zurückließen. Urgroßväter, Großvater und Vater de Padovas, sie alle wanderten aus, in die USA oder nach Deutschland. „Dadurch entstand unter den Frauen ein starker sozialer Zusammenhalt“, hat de Padova beobachtet. Seine Nonna, die wegen einer Gehbehinderung fast immer zu Hause saß, bekam viel Besuch und wusste alles über das Dorf. Auch der Enkel weiß jetzt viel mehr darüber – und sein Buch ist auch der Versuch, zu erkennen, „wo ich meinen eigenen Platz finde in dieser zerklüfteten Familiengeschichte, die wie die Felsformation des Gargano ins Meer der Gegenwart hineinreicht.“

Zeitung im Salon mit Thomas de Padova und Andrea Dernbach, Dienstag, 2. Oktober, Beginn 19 Uhr, Eintritt 16 Euro inkl. Sekt und Snack, Anmeldung erforderlich.

BUCHVERLOSUNG

Wir verlosen Exemplare des Buchs. Mitmachen können Sie bis zum 25. September, Stichwort Salon.

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