Zeitung im Salon mit Michael Bienert am 23. Mai : Unterwegs mit Franz Biberkopf

Berlin Alexanderplatz: ein Roman, der auf der Straße liegt. Sein Autor kannte Berlin wie kaum ein anderer. Michael Bienert präsentiert "Döblins Berlin" im Tagesspiegel-Salon.

Mordsgefährlich. Mit einem solchen Sahneschläger erschlug Franz Biberkopf seine Braut Ida.
Mordsgefährlich. Mit einem solchen Sahneschläger erschlug Franz Biberkopf seine Braut Ida.Foto: Dorothee Nolte

Kaum einer hat Berlin so sehr geliebt, so gut gekannt wie er. Und kaum ein Autor hat das Berlin seiner Zeit so genau beschrieben, wie Alfred Döblin es getan hat: derart präzise nämlich, dass man den Wegen seiner literarischen Figuren heute noch nachlaufen kann, als hätten sie wahrhaftig hier, etwa um den Rosenthaler Platz herum, im Scheunenviertel, am Alexanderplatz, ihr meist kümmerliches Dasein gefristet.

Wo hat Franz Biberkopf, der proletarische Held von „Berlin Alexanderplatz“, seine Freundin Ida erschlagen, ihre Schwester Minna vergewaltigt, wo hat er Schlipse, Schnürsenkel und völkische Zeitungen verkauft? An welchem Bahnhof ist er, nachdem er seine Haftstrafe in Tegel verbüßt hat, in der Mitte der Stadt angekommen? Michael Bienert, Stadtführer, „Berlinologe“ und Tagesspiegel-Autor, weiß das alles, denn er folgt Döblins und Biberkopfs Spuren schon seit 25 Jahren. Schüler, Erwachsene, Einheimische und Touristen führt er durch das Berlin von heute und das der späten Zwanziger Jahre, in denen der Roman „Berlin Alexanderplatz“ (erschienen 1929) spielt. Die Verbindung zwischen Text und Stadt herstellen: das ist Michael Bienerts Profession und seine Leidenschaft.

Ein glücklicher Autor

Das Wissen, das er sich auf den Straßen erarbeitet hat, liegt nun auch zwischen zwei Buchdeckeln vor: „Döblins Berlin – Literarische Schauplätze“ heißt sein neuer, reich bebilderter Band, erschienen im Verlag Berlin-Brandenburg (192 Seiten, 25 Euro). Er folgt auf die Bände „Kästners Berlin“ und „E.T.A. Hoffmanns Berlin“, geht ihnen aber eigentlich voraus: „Mit Döblin habe ich mich am längsten beschäftigt“, sagt Bienert. Und: „Sie sehen einen glücklichen Autor vor sich.“ Denn das Werk ist perfekt auf Döblin abgestimmt, bis hin zur Farbgestaltung: Die Grüntöne im Buch sind den Farben der Fliesen im U-Bahnhof Alexanderplatz nachempfunden. Am 23. Mai wird Michael Bienert sein Buch im Tagesspiegel-Salon mit einem Bildvortrag vorstellen, dazu passend gibt es berlinisches Essen und Musik.

Oft gehen Bienerts Touren am Nordbahnhof los, dort wo zu Döblins Zeit der Stettiner Bahnhof stand. Hier kamen die Züge von der Ostsee an. Auch Döblin selbst, 1878 in Stettin geboren, erblickte als Kind hier zum ersten Mal die Stadt, die zum „Mutterboden aller seiner Gedanken“ werden sollte.

Mordwaffe Sahneschläger

Wenn Michael Bienert an der Ackerstraße, Ecke Invalidenstraße steht – in der Markthalle gegenüber kauft die Roman-Minna Sellerie ein – , dann zieht er einen altertümlichen Sahneschläger aus der Tasche, mit rotem Holzgriff. „Mit so einem Ding hat Franz Biberkopf seine Braut Ida erschlagen.“ Gruseln bei den Zuhörern. Rundherum blitzen Balkone von Eigentumswohnungen, die Gegend um den Rosenthaler Platz ist gentrifiziert, und dennoch kann man sich, wenn Bienert erzählt, vorstellen, wie es im damaligen Armeleuteviertel zugegangen sein mag.

Döblin kannte die Milieus, die er beschrieb, sehr gut, denn er war hauptberuflich Nervenarzt und erlebte in seiner Praxis Menschen und Schicksale aus allen Schichten. Die Mietskasernen und Fabriken Berlins waren sein Anschauungsmaterial, und er lobte die „fabelhaft ausdrucksreiche Mundart, deren sich aber lächerlicherweise die eigenen gebildeten Bürger der Stadt schämen“. Michael Bienerts Tour geht vorbei an der ehemaligen Dragoner-, heute Max-Beer-Straße – hier trifft Franz Biberkopf einen Ostjuden, der ihn einlädt. Und sie endet, natürlich, am Alexanderplatz, auf dem damals mit der „Dampframme“ der U-Bahnhof gebaut wurde.

Diese Erregung der Straßen

Berlin war für Döblin „das Benzin, mit dem mein Motor läuft“. „Diese Erregung der Straßen, Läden, Wagen ist die Hitze, die ich in mich schlagen lassen muss, wenn ich arbeite, das heißt: eigentlich immer.“ Das sagte er im Rundfunk drei Jahre bevor die Nazis ihn zur Flucht zwangen, zunächst nach Frankreich, dann in die USA. Nach dem Krieg kehrte er kurz nach Berlin zurück, und er kam just im Stettiner Bahnhof an. Erschütternd, wie er das zerstörte Berlin beschreibt. Er fühlte sich „wie am Grabe eines Menschen, mit dem ich viele Jahre gemeinsam verlebte und den ich nun für immer verloren habe“.

Eigentlich wollte er bleiben, doch im Nachkriegsdeutschland kam er sich unerwünscht und verkannt vor. In Frankreich liegt er begraben, der Autor, der Berlin liebte wie kaum ein anderer.

Zeitung im Salon mit Michael Bienert, Mittwoch, 23. Mai, Beginn 19 Uhr, Askanischer Platz 3. Eintritt inkl. Sekt und Snack 16 Euro. Informationen und Anmeldung hier.

BUCHVERLOSUNG

Wir verlosen Exemplare des Buchs. Mitmachen können Sie bis zum 24. April unter www.tagesspiegel.de/gewinnen oder per Postkarte an Der Tagesspiegel, Askanischer Platz 3, 10963 Berlin, Stichwort Salon.

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