Von Tisch zu Tisch - die Restaurantkritik : Eine Familie, die ihr Handwerk versteht

Bürgerlich mit italienischem Einschlag – klingt uncool. Aber in "Seegerts Weinrestaurant" in Wilmersdorf passt es ganz gut.

"Seegerts Weinrestaurant" am Ludwigkirchplatz setzt auf Bewährtes. Und das ist gut so.
"Seegerts Weinrestaurant" am Ludwigkirchplatz setzt auf Bewährtes. Und das ist gut so.Foto: promo/Seegerts

Die Wirte von Berlins hippen Speisestätten treiben hohen Aufwand, um sich ältere Gäste vom Hals zu halten. Zum Einsatz kommen dabei laute Musik, harte Sitzgelegenheiten, schummriges Licht sowie Englisch als Grundsprache; auch das rätselhafte Stakkato der aktuellen Speisekarten trägt dazu bei, all jene zu vertreiben, die gern vorher wissen, was da auf sie zu kommt. All das trifft vor allem traditionell gestimmte ältere Gäste – viele werden immer noch den Phantomschmerz der Schließung des „Alt Luxemburg“ oder von Markus Semmlers Restaurant spüren ...

Deshalb ist es schön, über ein absolut uncooles Restaurant im bürgerlichen Wilmersdorf berichten zu können, das all diese Dinge traditionell handhabt. Die Begrüßung durch den Seniorchef ist persönlich, das Licht angenehm hell, man sitzt bequem, und die Speisekarte erklärt sich praktisch von selbst. Wobei diese Speisekarte für anspruchsvolle Gäste eventuell doch ein Problem sein könnte, weil da überwiegend Standards stehen, die keine stilistische Richtung erkennen lassen außer einer gewissen Neigung zum italienischen Fach. Da waren die beiden eingangs erwähnten Restaurants in einer höheren Liga unterwegs, das sei nur sicherheitshalber gesagt.

Eine gute Adresse für traditionell gestimmte Gäste

Aber schauen wir uns mal an, was hier läuft. Da gibt es zum Beispiel Ravioli mit Hirschfüllung und Maronen (also Esskastanien), angerichtet in einer transparenten, nicht zu intensiven Rotweinsauce, ein Gericht, das jeden „echten“ Italiener in Berlin durchaus schmücken würde. Als „Seegerts kleine Leckereien“ kommt ein Antipasti-Teller mit Wurst und Schinken, den wir nicht probiert haben; er sah gut aus und wurde am Nebentisch beifällig geleert.

Der hausgebeizte Lachs verströmt kühle Frische und nur dezente Würzung, er wird begleitet von ebenso mildem Zitronen-Senf-Schmand und gerösteter Malz–Focaccia, die das Gericht angenehm erdet. Die gebratenen Forellenfilets sind korrekt saftig, dazu gibt es Schmorgurken und Kartoffelstampf mit Meerrettich, auch das schmeckt sehr gut, die Proportionen stimmen, wenngleich die Kombi recht abgegriffen ist. Aber wer neue Ideen sucht, der muss woanders hingehen – das sage ich nicht als Kritik, sondern durchaus lobend für ein Küchenteam, das sich aufs Handwerkliche konzentriert.

Der Hirschrücken kommt in einem großen Stück und überzeugt

Auch der Hirschrücken aus dem Brandenburgischen überzeugte uns. Das rundum kräftig angebratene, große Stück kam ungescheibelt im Ganzen, war aber entgegen unseren Befürchtungen innen schön saftig rosa. Begleitend gab es Kürbis als Püree und gewürfelt, insgesamt ein wenig zu süßlich-kontrastarm, sowie einen Cassis-Jus, von dem wir gern – altmodisch – mehr gehabt hätten. Einfach sind hier auch die Desserts wie die Lavendel-Panna-Cotta mit marinierten Zitrusfrüchten oder die Nougat-Mousse mit Portwein-Apfel-Chutney, aber sie schmecken gut, unverkünstelt, wie sie sind (Vorspeisen 12 bis15, Hauptgänge um 25, Desserts um 9 Euro).
Wer nun sagt, das klinge ein wenig wie die Rolle rückwärts in die Neunziger, der hat sicher Recht; andererseits gibt es keinen vernünftigen Grund, weshalb das falsch sein sollte. Die hippen Avantgarde-Esser, die so etwas abtun würden, verirren sich ohnehin nicht an den Ludwigkirchplatz. Sie kennen deshalb auch nicht das Phänomen der familiären Atmosphäre, die hier aufkommt, wenn die kochende Schwiegertochter selbst die Teller an den Tisch bringt und sie beredt, geradezu charismatisch annonciert.

Nun ist das ein erklärtes Weinrestaurant, und an dieser Stelle hätte ich mir doch ein wenig mehr modebewussten Enthusiasmus gewünscht. Was es gibt, ist ganz überwiegend italienisch geprägt mit guten, bekannten Namen, wenig zeitgemäß. Jeder findet was, aber gerade da ist noch Luft nach oben.

Seegerts Weinrestaurant, Emser Str. 24, Wilmersdorf, Tel. 23 39 57 23, Di – Sa ab 17.30, So ab 17 Uhr

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