Von Tisch zu Tisch - die Restaurantkritik : Einfach mal zum Essen nach Frohnau

Frohnau in Berlins hohem Norden ist selbst für eingeborene Berliner meist unbekanntes Terrain. Das Restaurant "Leimers" lohnt die Anreise.

Wohnzimmer-Atmosphäre. Das Restaurant "Leimers Kunst und Küche" in Frohnau.
Wohnzimmer-Atmosphäre. Das Restaurant "Leimers Kunst und Küche" in Frohnau.Foto: promo/Leimers

Es ist möglich, ja sogar normal, jahrzehntelang in Berlin zu leben, ohne Frohnau ein einziges Mal zu betreten. Das ist dieser Vorort kurz vor Hamburg, nicht wahr? Wer Näheres zu wissen glaubt, erinnert sich daran, dass da oben die Reichen wohnen – allerdings ist außer Reinhard Mey und Horst Bosetzky praktisch kein prominenter Einwohner bekannt. Ach, und wer dann doch mal zufällig hinkommt, weil er zum Beispiel den richtigen S-Bahnhof verpasst hat, der sagt in aller Regel: Boah, ist richtig schön da oben!

Dem ist an sich wenig hinzuzufügen, außer – an dieser Stelle nicht unerwartet – dass die örtliche Gastronomie das Vorort-Übliche bietet, ein paar Italiener der Mittelklasse also. Und es gibt seit einiger Zeit „Leimers“ mit dem Untertitel „Kunst und Küche“, ein kleines Restaurant mit Terrasse zur Straße, das aus dem Feinkostgeschäft „Tafelfürst“ hervorgegangen ist. Kunst, das betrifft die Bilder wechselnder Künstler an den Wänden, die hier nicht zur Rezension anstehen. Die Küche ist einfach, die sehr kleine Standardkarte bietet Caesar’s Salad, Käsespätzle, Tatar, Lachs und Ochsenbäckchen an; nebenher gab es bei unserem Besuch noch drei Gerichte als Tagesofferte, die sich etwas inspirierter lasen.

Das kleine Restaurant vereint "Kunst und Küche"

Wir haben sie probiert. Ach, zunächst: Der Name des Restaurants verweist offenbar auf die Besitzerfamilie, die auf der Website auch die familiäre Atmosphäre des Hauses lobt – allerdings scheint sie sich nicht sehr reinzuhängen, denn außer einem sehr versierten Kellner und (offenbar) einem Koch bekamen wir niemanden zu sehen, was nicht überraschend zu ziemlich langen Wartezeiten führte. Aber wer einmal hier oben ist, der hat vermutlich auch Geduld.

Also: Fünf gute, nicht übergarte Riesengarnelen kamen auf einem Bett von grünem Erbspüree, begleitet von Pancetta-Streifen und einer punktuell eingesetzten, gebundenen Estragon-Sauce. Das war gute Profiarbeit, kräftige Aromen, handwerklich einwandfrei. Beim handgeschnittenen Rindertatar wurde der größte Teil der Arbeit, wie üblich, dem Gast überlassen, das war gutes Fleisch mit Kapern, Zwiebeln, Gurken, Schnittlauch, Eigelb, Ketchup und Senf zu gleichen Teile angerichtet. Wer das alles so, wie es kommt, durcheinanderrührt, der hat den Klumpatsch selbst zu verantworten, aber er muss ja nicht (15 Euro).

Die Hauptgerichte sind hier wirklich welche, jedenfalls, wenn man unter dieser Bezeichnung eine gewisse Mindestgröße erwartet. Und sie sind gut: Das saftige Kabeljaufilet unter krosser Haut mit Rote-Bete-Graupen und grünem Spargel (21 Euro) sagte uns ebenso zu wie die schön rosig gebratene Lammhüfte mit kräftiger Jus auf Kartoffelstampf (24 Euro). Das hieß zwar „getrüffelt“, aber wir argwöhnten Trüffelöl, bekamen dies bestätigt und baten, es einfach wegzulassen. Das klappte.

Wir baten darum, das Trüffelöl wegzulassen - das klappte

Steht ein Solist in der Küche, so ist meist von den Desserts nicht allzuviel zu erwarten. Drei waren im Angebot, wir bestellten Apfelcrumble mit Vanilleeis (zehn Euro) und halbflüssigen Schokokuchen mit Waldbeeren (acht Euro). Das war sicher überwiegend zugekauft, aber mit Sorgfalt – wir waren durchaus zufrieden und sahen uns am Ende bestätigt im Eindruck, dass hier ein solide ausgebildeter Profi arbeitet, der sicher noch mehr kann als nur Standards abzuarbeiten – das wäre dann auch unsere einzige Kritik.

Ach, und das mit dem Wein. Wir hörten, die Weinkarte sei nicht mehr aktuell, aber was wir denn trinken wollten? Das ist natürlich eine blöde Frage, wenn unbekannt ist, was es überhaupt gibt. Aber aus dem Zwiegespräch ergab sich der sehr gute Veltliner „Am Berg“ von Bernhard Ott für faire 28 Euro. Das geht also alles sicher noch besser, aber es ist gut genug für eine Empfehlung auch bei Anreise aus der Innenstadt. Bernd Matthies

Leimers Kunst und Küche, Fürstendamm 1a, Frohnau, Tel. 51 73 28 00, geöffnet Di–So 12–22 Uhr

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

0 Kommentare

Neuester Kommentar