Der Tagesspiegel : Welchen Islam hätten S? denn gern?

Udo Ulfkotte warnt vor der muslimischen Weltrevolution,Amartya Sen vor konstruierten Identitäten

Hannes Schwenger
Sehitlik-Moschee in Berlin
15.09.2006, Berlin, DEU - Im Vordergrund der Minarette der Sehitlik-Moschee weht eine deutsche Fahne. (Deutschland, Berlin,...Caro / Trappe

Nach dem Abschied des Kommunismus spukt ein neues Gespenst in Europa herum. Statt mit Klassenkampf droht es mit einem ?Heiligen Krieg?, dessen letztes Gefecht schon im Gange ist, glaubt man Udo Ulfkottes Buch ?Heiliger Krieg in Europa?. Der Journalist und Lehrbeauftragte für Spionage- und Terrorabwehr an der Universität Lüneburg sieht den Untergang des Abendlandes greifbar nahe: demografisch, wenn bis zum Jahr 2065 die Hälfte aller Bundesbürger Muslime seien, und politisch, wenn sich bis dahin der Islamismus in ganz Europa durchgesetzt haben werde. Sein Buch befasse sich deshalb ?mit dem zentralen Geheimbund, der mit grenzenlosem Hass und einer langfristigen Strategie die europäische Kultur zu zerstören sucht: der Muslimbruderschaft?. Zum Beweis dient ein ?Masterplan?, der 1982 verfasst und 2001 in der Schweiz bei einer Hausdurchsuchung entdeckt worden und Teil eines ?100-Jahre-Plans? sei, ?um die Ideologie der Muslimbruderschaft rund um die Welt zu verbreiten?. Schon 2020 solle ?der Rest der Welt durch eineinhalb Milliarden Muslime niedergeworfen sein?. Das klingt verdächtig nach den ominösen ?Protokollen der Weisen von Zion?, mit denen Nazis und andere Antisemiten jüdische Pläne für eine Weltherrschaft beweisen wollten (und die sich längst als Fälschung herausgestellt haben). Aber Ulfkotte ist sicher: ?Die Muslimbruderschaft hat einen geheimen Plan zur Unterwanderung nichtmuslimischer Staaten. Das ist keine Verschwörungstheorie, denn sie bekennt sich freimütig zu diesem Ziel.? Doch genau darum handelt es sich bei seinem Buch, das auf 300 Seiten noch die abstrusesten Beweise einer neuen Weltverschwörung präsentiert; oft genug ohne Quellenangabe oder unter Berufung auf Zeitungsmeldungen und Verfassungsschutzberichte, deren Quellen nicht bekannt sind. Um nicht missverstanden zu werden: Die Existenz der Muslimbruderschaft, 1928 in Kairo gegründet und für die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat verantwortlich, ist unbestritten. Bassam Tibi zählt sie im Vorwort zu Ulfkottes Buch zu den ?Grundpfeilern des islamischen Fundamentalismus?, ohne sich auf Spekulationen über Verbindungen zu Al Qaida oder Hamas einzulassen, die Ulfkotte umstandslos in das Netzwerk der Muslimbrüder einreiht. Für ihn laufen in der Muslimbruderschaft ?beide Strömungen zusammen: jener Islam, der in der ganzen Welt dem Koran mit friedlichen Mitteln Geltung verschaffen will, und jene islamistische Bewegung, die auf diesem Weg auch den Terror als Waffe nutzt?. Sie trete unter ?vielen harmlos klingenden Namen als Sprachrohr der Muslime auf?, ihr Netzwerk kenne ?nur ein Ziel; die Vernichtung der freiheitlichen westlichen Demokratien und die Wiedererrichtung des Kalifats, einer Religionsdiktatur?. Ob Kopftuch- oder Karikaturenstreit, ob Moscheebauten oder Islamisches Banking: Immer stehen im Hintergrund Muslimbrüder. Sie ?kämpfen mit allen Mitteln, mit friedfertigen wie auch mit gewaltsamen. Und sie haben Erfolg?. Seine Beispiele: ein Badestrand nur für Muslime in Italien, eine Klassenfahrt muslimischer Kinder aus den Niederlanden nach Mekka, die ? inzwischen widerrufene ? Absetzung der Oper ?Idomeneo? in Berlin. In England gar ?verschwinden Sparschweine aus den Sparkassen, weil diese angeblich den Islam beleidigen?. So ?verändert die Muslimbrüderschaft in Europa Stück für Stück unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung?.Amartya Sen, Nobelpreisträger für Ökonomie, formuliert im Untertitel seines Buches ?Die Identitätsfalle? die Gegenthese: ?Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt.? Er erinnert daran, dass Menschen nicht nur eine Identität besitzen, sondern neben ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit auch politische und soziale Orientierungen entwickeln. Er möchte verhindern, dass Migranten nur nach der Zugehörigkeit zu einer einzigen Gemeinschaft eingeordnet werden, die von religiösen Führern definiert wird ? ?seien sie auch ,moderate? Priester, ,milde? Imame oder Sprecher von Religionsgemeinschaften.? Eine Nation dürfe nicht als Ansammlung abgeschotteter Segmente definiert werden, in denen die Bürger vorbestimmte Plätze zugewiesen bekommen. Als Kronzeuge dient ihm Mahatma Gandhi, der von den Briten forderte, die Bevölkerung Indiens nicht nur nach religiösen Gesichtspunkten zu betrachten, sondern ?die Pluralität der vielfältigen Identitäten der Inder zu erkennen?. Vielleicht deshalb habe Indien, wo mehr Muslime leben als in fast allen Ländern mit muslimischer Mehrheit, ?extrem wenige Terroristen hervorgebracht, die im Namen des Islam auftreten, und fast keine, die mit Al Qaida zu tun haben?. Beigetragen dazu habe wohl auch die ?weithin anerkannte Idee, für die Gandhi eintrat, dass es außer religiösen Zugehörigkeiten noch viele andere Identitäten gibt, die für das Selbstverständnis des Menschen und für die Beziehung zwischen Bürgern unterschiedlicher Herkunft innerhalb des Landes ebenfalls von Bedeutung sind?. Sen findet es nicht erstaunlich, dass die Vorstellung einer einzigen Identität für aggressive Zwecke ausgebeutet werden kann. ?Ein mit Nazipropaganda verseuchter nichtjüdischer Deutscher ist gewiss ein nichtjüdischer Deutscher. Um aus diesem Selbstverständnis ein Mordinstrument zu machen, wird erstens die Bedeutung aller übrigen Zugehörigkeiten ignoriert, und zweitens werden die Anforderungen der ,einzigen? Identität in besonders aggressiver Weise umdefiniert. Dies ist der Punkt, wo all das Gehässige und die Begriffsverwirrungen sich einschleichen.? Aus der Identitätsfalle gibt es für ihn nur einen Ausweg: ?Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass unser Geist nicht durch einen Horizont halbiert wird.? ? Udo Ulfkotte: Heiliger Krieg in Europa. Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht. Eichborn Verlag, Frankfurt 2007, 304 S., 19,90 Euro.? Amartya Sen: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. C.H. Beck, München 2007, 208 S., 19,90 Euro.