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Amoklauf an US-Schule : In Parkland geht Amerikas Albtraum weiter

Ein 19-jähriger Ex-Schüler schießt an einer Highschool in Florida um sich, 17 Menschen sterben. Taten wie diese sind in den USA schon beinahe an der Tagesordnung.

USA, Florida, Parkland: Schüler versammeln sich vor der Marjory Stoneman Douglas High School, nachdem dort tödliche Schüsse gefallen sind.
USA, Florida, Parkland: Schüler versammeln sich vor der Marjory Stoneman Douglas High School, nachdem dort tödliche Schüsse...Foto: John Mccall/South Florida Su/dpa

Der Unterricht war fast vorüber, alle in der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland im US-Bundesstaat Florida warteten auf die Klingel. Doch stattdessen hörten Schüler und Lehrer kurz vor drei (Ortszeit) am Mittwochnachmittag die Sirene des Feueralarms. Viele wunderten sich, denn es hatte schon eine Übung an diesem Tag gegeben. Geovanni Vilsant verließ mit seinen Mitschülern dennoch wie vorgeschrieben den Spanisch-Unterricht. Er war noch nicht weit gekommen, da fielen Schüsse: Der Feueralarm war von einem bewaffneten Angreifer ausgelöst worden, der mit der Sirene die Kinder und die Lehrer aufscheuchen wollte, um möglichst viele von ihnen zu erschießen. Zwanzig schreckliche Minuten später waren 17 Menschen tot.

Der 15-jährige Geovanni sah drei blutüberströmte Leichen auf dem Boden, bevor er von seinem älteren Bruder, ebenfalls ein Schüler an Douglas High, aus dem Gebäude gebracht wurde. Zusammen mit rund hundert anderen Teenagern brachten sie sich in einem nahen Supermarkt in Sicherheit. „Überall war Blut“, sagte Geovanni einem Reporter der Zeitung „Miami Herald“.

Während der Teenager mit seinem Bruder aus der Schule rannte, durchkämmten schwerbewaffnete Polizisten und mehrere Sondereinsatzkommandos das dreistöckige Gebäude. In einigen Klassenzimmern fanden sie nur Leichen. „Schau‘ da nicht rein, das ist nicht schön“, habe einer der Beamten gesagt, berichtete ein Mädchen, das von der Polizei gerettet wurde. Eine Lehrerin beschrieb im Sender WSVN, sie habe sich mit 19 Schülern ihrer Klasse einem Geräteraum verschanzt, um den Schüssen zu entgehen. Im „Miami Herald“ war von einem „amerikanischen Albtraum“ die Rede.

Dem Todesschützen gelang beinahe die Flucht

Parkland ist ein wohlhabender Vorort von Fort Lauderdale, der laut der „New York Times“ für seine guten Schulen bekannt ist. Verbrechen sind selten, Parkland gilt als sicherste Stadt von ganz Florida. Das Wappentier von Douglas High ist der Adler: „Sei positiv, sei leidenschaftlich, sei stolz darauf, ein Adler zu sein“, heißt das Motto der Schule, die nach einer Journalistin und Umwelt-Aktivistin benannt ist. Am Mittwoch zerbrach die heile Welt von Douglas High.

Im Kugelhagel, dem Chaos und der Panik in der Schule mit ihren mehr als dreitausend Schülern gelang dem Todesschützen beinahe die Flucht. Der 19-jährige Nikolas Cruz, der im vergangenen Jahr wegen Drohungen gegen andere Teenager die Schule verlassen musste, wurde außerhalb des Schulgebäudes von der Polizei gefasst. Der lokale Polizeichef Scott Israel sagte vor Journalisten, die Behörden untersuchten Cruz‘ Profile in den sozialen Medien und seien auf „sehr, sehr verstörende“ Dinge gestoßen. Einzelheiten nannte er nicht.

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Blutbad an Schule in Florida: 17 Tote
Blutbad an Schule in Florida: 17 Tote

Mathematik-Lehrer Jim Gard, der Cruz im vergangenen Jahr unterrichtete, sagte dem „Miami Herald“, dem späteren Todesschützen sei damals zunächst verboten worden, mit einem Rucksack zur Schule zu kommen – offenbar um sicherzugehen, dass er keine Waffen mitbringt. Später sei Cruz dann ganz von der Schule geflogen.

Ehemalige Mitschüler berichteten, Cruz habe Waffen zu Hause gehabt. Unter den Schülern habe er schon immer als gefährlich gegolten, sagte ein namentlich nicht genannter Oberschüler dem Fernsehsender WJXT: Unter Gleichaltrigen sei gewitzelt worden, Cruz werde eines Tages die Schule zusammenschießen. Cruz kenne die Schule und habe genau gewusst, wo er seine Opfer finden würde: „Er war doch mit uns bei Feueralarm-Übungen dabei.“

Was Cruz schließlich dazu brachte, 17 Teenager und Lehrer zu ermorden, ist noch nicht bekannt. Seine Adoptivmutter soll vor wenigen Monaten gestorben sein. Fest steht, dass er keine Probleme hatte, sich das Mordgerät zu beschaffen. Cruz erschoss seine Opfer mit einem halbautomatischen Sturmgewehr des Typs AR-15, das in abgeänderter Form bei den US-Militärs im Einsatz ist. Er hatte zahlreiche Ersatzmagazine dabei, um immer wieder nachladen zu können.

Fast 300 Schießereien an US-Schulen seit 2013

Die AR-15 sei die Lieblingswaffe von Massenmördern in den USA, berichtete die „New York Times“. Das Schnellfeuergewehr wurde unter anderem bei dem Massaker von Las Vegas im vergangenen Jahr benutzt, bei dem 58 Menschen starben. Eine AR-15 kostet zwischen 500 und 900 Dollar und ist seit der Aufhebung eines Verbots im Jahr 2004 leicht erhältlich.

Nach einer Zählung des waffenkritischen Verbandes Everytown for Gun Safety gab es allein seit 2013 fast 300 Schießereien an Schulen in den USA. Die Attacke von Cruz in Florida war bereits der 18. Schusswaffen-Angriff in einer Schule in diesem Jahr.

Und es wird nicht der letzte gewesen sein, denn auch nach der Tragödie in Parkland wird sich nichts an der freien Verfügbarkeit von Waffen in Amerika ändern, meint Jim Hines. Der demokratische Abgeordnete vertritt im Repräsentantenhaus einen Wahlkreis im Bundesstaat Connecticut, in dem sich vor sechs Jahren ein ganz besonders grausiges Massaker abspielte: Ein junger Mann erschoss damals an der Grundschule Sandy Hooks 20 Kinder im Alter zwischen sechs und sieben Jahren sowie sechs Lehrer und Angestellte. Das Blutbad löste eine heftige Debatte über die Waffengesetze im Land aus, doch am Ende änderte sich nichts. Ähnlich werde es jetzt wieder laufen, sagte Hines dem Nachrichtensender CNN. Jeder Politiker werde zunächst betonen, wie sehr er für Opfer und Angehörige bete: „Und dann wird der Kongress der Vereinigten Staaten genau nichts tun.“

Auch der demokratische Senator Chris Murphy aus Connecticut ging mit der politischen Klasse hart ins Gericht. „Das passiert nirgendwo sonst, außer in den Vereinigten Staaten“, sagte er. Murphy sprach von einer „Epidemie von Massentötungen“. „Das passiert nicht durch Zufall, nicht durch Unglück, sondern als Konsequenz aus unserer Untätigkeit“, betonte er.

Die US-Demokraten fordern seit langer Zeit schärfere Waffengesetze, um die Vielzahl der schweren Straftaten mit Toten und Verletzen einzudämmen. Allein im laufenden Jahr ereigneten sich in den USA nach Murphys Darstellung bereits 19 Vorkommnisse mit Schusswaffen an Schulen. Die konservativen Republikaner und die Waffenlobby wollen jedoch keinesfalls Einschnitte beim Recht auf Selbstverteidigung auch mit Schusswaffen in Kauf nehmen.

US-Präsident Donald Trump, ebenfalls ein Befürworter des freien Zugangs zu Schusswaffen, ließ sich nach Angaben des Weißen Hauses über die Lage in Florida unterrichten. „Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Betroffenen“, hieß es in einer Stellungnahme. Das Weiße Haus sagte wegen der Entwicklung in Florida die täglich stattfindende Pressekonferenz mit Regierungssprecherin Sarah Sanders ab.

Prominente fordern Trump zum Handeln auf

Bei Prominenten wie Popstar Britney Spears und Schauspielerin Reese Witherspoon löste die Tat Entsetzen und Fassungslosigkeit aus. Und es hagelte Kritik an der Politik. „Drei der zehn schlimmsten Massenschießereien in der US-Geschichte haben sich in Ihrem ersten Jahr ereignet, Herr Präsident. Was werden Sie dagegen unternehmen?“, twitterte der britische TV-Moderator und Journalist Piers Morgan.

Sängerin und Schauspielerin Bette Midler wurde noch deutlicher - in Richtung US-Kongress, der von Trumps Republikanern beherrscht wird. „Herzlichen Glückwunsch an die rückgratlosen Feiglinge, die nichts tun, um uns zu helfen, diese schreckliche Epidemie einzudämmen“, schrieb die 72-Jährige auf Twitter.

Die Schüsse von Florida haben in den USA auch hartgesottene Profis mitgenommen. Philipp Mudd, Terrorexperte des Fernsehsenders CNN, brach vor laufenden Kameras in Tränen aus. „Können wir in diesem Land nicht endlich anerkennen, dass wir das nicht akzeptieren können?“ Anschließend brach er das Gespräch ab.

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