CSD : Ein Besuch in der Christopher Street in New York

Ein historischer Ort der Schwulen- und Lesbenbewegung: Im Stonewall Inn, einer Bar in der Christopher Street begann der Widerstand. Eine Reportage aus dem West Village in New York.

Vor dem Stonewall Inn in der Christopher Street: Die Pride Parade im Juni in New York.
Vor dem Stonewall Inn in der Christopher Street: Die Pride Parade im Juni in New York.Foto: REUTERS

Wenn es Nacht wird, wird alles anders. Wenn es Nacht wird, verwandelt sich die Christopher Street. Dann wird sie wieder zu dem, was sie lange auch tagsüber gewesen ist: ein Treffpunkt der Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen im Herzen von Manhattan.

New York an einem warmen Freitagabend im Juli, der Sommer lockt Jung und Alt vor die Tür, die Anwohner der Christopher Street genauso wie Touristen und Kneipengänger aus der Upper East Side oder Brooklyn. Und, da es langsam Nacht wird, treffen auch die jungen und weniger jungen Männer aus Harlem oder der Bronx ein, aus Gegenden New Yorks, die nicht ganz so liberal und freizügig sind wie Greenwich Village, das Viertel rund um die Christopher Street.

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Die Christopher Street beginnt am legendären Pier 45, einem einstigen Landungssteg, an dem früher die Stricher auf die Matrosen gewartet haben. Harte Männer auf der Suche nach Zuneigung oder auch einfach nur Sex. Fotografien von Leonard Fink (1930-1992) und Peter Hujar (1934-1987), die gerade in New York ausgestellt werden (Fink) beziehungsweise wurden (Hujar), erzählen von dieser Zeit. Die West Side Piers waren eine No-Go-Zone für viele Menschen – für Schwule, vor allem auch für farbige, war die heruntergekommene Industriegegend am Wasser dagegen ein Rückzugsort, an dem sie sich frei fühlen und ausleben konnten.

Magischer Ort

Heute, im Sommer 2018, ist der Pier tagsüber ein beliebter, familienfreundlicher Picknicktreffpunkt. Es ist ein magischer Ort, wenn sich die Abendsonne in den Hochhausfassaden von Lower Manhattan spiegelt und auf der anderen Seite des Hudsons hinter den Türmen von Hoboken leuchtend rot untergeht. New York von einer seiner atemberaubend schönen Seiten. Ein schwules Paar in Weiß nutzt den perfekten Moment für das Ja-Wort, ein anderes liegt im Gras, der Kopf des einen im Schoß des anderen. Alltag an einem friedlichen Ort.

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Nachts würde er allerdings davon abraten, hierher an den Pier zukommen, sagt Calixto. Man könne dann schon mal Männer aufstören, die hier Sex unter freiem Himmel hätten. Calixto stammt aus Mexiko, hat aber seit dem letzten Präsidentschaftswahlkampf die amerikanische Staatsbürgerschaft, er wollte damals „für Hillary Clinton stimmen“. Gebracht hat es bekanntlich nicht viel. Doch für Calixto, der gerade sein Modedesignstudium abgeschlossen hat, war es ein Bedürfnis, Position zu beziehen, etwas zu tun. Für viele amerikanische Trans- und Homosexuelle ist Trump und der Rechtsruck, der mit dem US-Präsidenten einhergeht, eine konkrete Bedrohung. Für einen mexikanischen Schwulen noch viel mehr.

Weg vom Pier, hinauf auf die Christopher Street, die im rechten Winkel abzweigt. Auf den gut anderthalb Kilometern bis zur Seventh Avenue reiht sich eine Kneipe an die andere, neben Buchläden, Restaurants und Einrichtungsgeschäften, auf den ersten Blick eine Straße wie so viele andere in New York, zumindest tagsüber. Am Abend füllen sich die Sexshops und Gay Bars, die hier schon seit Jahrzehnten stehen.

Was damals geschah

Bei der Suche nach den Anfängen der Queer-Bewegung ist ein Besuch im Stonewall Inn Pflicht. Hier in der Christopher Street 53 ging die New Yorker Polizei bei einer Razzia – die Kneipe wurde von einem Mafia-Clan betrieben – am frühen Morgen des 28. Juni 1969 so rüde gegen die anwesenden Schwulen, Lesben und Transsexuellen vor, dass der Protest ausbrach, an den bis heute Christopher Street Day-Paraden in aller Welt erinnern. Was so bemerkenswert in dieser Nacht war: Die Homo- und Transsexuellen, die die Pöbeleien und Demütigungen so lange schon erduldet hatten, wehrten sich auf einmal gegen die Polizei – und bekamen dabei tatkräftige Unterstützung von Gästen der umliegenden Kneipen. Die Polizisten mussten sich im Stonewall Inn verbarrikadieren, so heftig war der Aufruhr. Stundenlang tobte die Straßenschlacht, am Ende zog sich die Polizei zurück. Die Proteste hielten noch vier Tage lang an. Der „Gay Pride“ war geboren, wobei „gay“ für alle Homosexuellen steht. Genau ein Jahr später gab es die erste spontane „Gay Pride“-Parade, die von hier zum Central Park zog.

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Auch das Stonewall Inn ist stolz auf diese Nacht, als die Scham dem Selbstbewusstsein wich: Der Eingangsbereich ist ein kleines Museum voller Erinnerungsstücke. Ansonsten ist es eine unspektakuläre, in die Jahre gekommene Kneipe. Draußen regelt ein rotes Absperrband den Andrang, der Eintritt ist frei, aber der Ausweis wird kontrolliert, kein Zutritt unter 21, da ja Alkohol ausgeschenkt wird. Ein Schild lockt mit „Happy Hour bis 19.30 Uhr“ und Karaoke ab 18 Uhr. Innen ist das Stonewall Inn ein uriger Touristen-Hotspot mit langem, holzgetäfeltem Tresen, Tanzfläche und abgedeckten Billardtischen. Darüber schweben Bildschirme, auf denen Musikvideos in Dauerschleife laufen. Viele Schwule, aber auch Heteros feiern hier gemeinsam – früher undenkbar.

Wer den historischen Spuren der Szene folgt, landet unweigerlich auch im Pieces, einer anderen legendären Gay Bar in der Christopher Street, die heute ebenfalls mit Happy Hour und Karaoke für sich wirbt und bekannt dafür ist, dass hier auch immer aufgebrezelte Drag Queens anzutreffen sind. Und ja, auch an diesem Abend überragen zwei von ihnen die anderen Gäste, es wird gefeiert und getanzt. Madonna tönt aus dem Lautsprecher. Im Monster ein paar Meter weiter die Straße herunter geht es ähnlich zu. Die Kneipe ist zweistöckig, unten gibt es Livemusik, oben nimmt man seinen Drink stehend an der Bar und wippt mit der lauten Musik.

Eher Bier als Champagner

Das Expertenurteil am Ende der Tour: „Ganz okay, aber nicht State of the art“, sagt Calixto, man trinkt hier auf der Christopher Street eher Bier und Gin Tonic als Champagner. Die hippe Szene, immer auf der Suche nach Neuem, ist längst weitergezogen, in die Bars und Clubs von Hell’s Kitchen, Chelsea oder Williamsburg. Dafür bieten Busunternehmen inzwischen Ausflüge in die Christopher Street an. Und eine Gipsfiguren-Gruppe zeigt ein schwules und ein lesbisches Paar, ein beliebtes Fotomotiv für Touristen aus aller Welt.

„Eigentlich brauchen wir solche Orte auch gar nicht mehr“, fährt Calixto fort. Solche Orte wie die Christopher Street? Ja. „Das Internet mit seinen vielen Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen, aber vor allem die Dating-Apps wie Tinder haben es für Schwule so viel einfacher gemacht, mit sexuell gleich Orientierten Kontakt aufzunehmen.“

Die anderen Jungs, die an diesem Abend dabei sind, nicken. Thomas, der Exil-Berliner, ergänzt: „Für mich als etablierten, verheirateten Schwulen spielen rein homosexuelle Treffpunkte keine große Rolle mehr. Es ist nett zum Ausgehen, aber auch nicht mehr.“ Verstecken müssten sich Schwule und Lesben schon lange nicht mehr. Früher waren Gay Bars die einzigen Orte, an denen sie sich offen zeigen konnten, die häufig angeschlossenen Darkrooms waren geschützte Orte, um Sex zu haben.

Für die selbstbewusste Szene New Yorks ist die Christopher Street heute nicht mehr „The Place to be“. Aber Calixto, Thomas und all die anderen wissen, warum dieser Ort wichtig war und für viele auch immer noch wichtig ist. Gerade in diesen Zeiten.

(Einen Beitrag über die Geschichte des Berliner CSD lesen Sie hier.)

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