Welt : Der nächste Frauentag

Eine weibliche Band ist Favorit beim Grand-Prix-Vorentscheid – aber die Männer sind auch nicht schlecht

Jörn Wöbse

Eigentlich – so zumindest die Meinung der meisten Pop-Auguren – ist längst entschieden, wer Deutschland im Mai beim Grand Prix im finnischen Helsinki vertreten wird: Monrose werden es machen. Die drei jungen Frauen, die im vergangenen Jahr die Casting-Show „Popstars“ gewonnen haben, verfügen über eine große und junge Fangemeinde, die weiß, wie die Wiederholungstaste beim Handy funktioniert. Und deshalb gehen auch die meisten Kenner der Branche davon aus, dass Monrose den deutschen Vorentscheid gewinnen werden, den die ARD an diesem Donnerstag ab 20 Uhr 15 live ausstrahlt.

Aber – man erinnere sich an vergangenes Jahr – Überraschungen sind möglich: 2006 sprach alles für Vicky Leandros; der Boulevard hatte sich für sie entschieden, das Grand-Prix-Finale fand in ihrer Heimatstadt Athen statt, und dann wählte das Fernsehpublikum Olli Dietrichs Cowboy-Combo „Texas Lightning“. In diesem Jahr gilt der Swing-Künstler Roger Cicero als chancenreicher Außenseiter. Sein Album „Männersachen“ liegt seit Monaten weit oben in den Charts. Roger, Sohn des legendären Jazz-Pianisten Eugen Cicero, ist ein überaus talentierter Sänger, hat eine großartige Band hinter sich und wurde offenbar als kleines Kind sogar von der großen Sängerin und Tänzerin Josephine Baker auf dem Arm herumgetragen. Keine Frage, der Mann hat den Swing im Blut!

Außerdem gilt er als Frauenschwarm, das Lied, das er singt, heißt „Frauen regier’n die Welt“. Ob sie am heutigen Abend aber auch die Telefone regieren, wird sich noch herausstellen. Cicero selbst zumindest hat bei seinen Konzerten schon mal vorsorglich die Fernsehzuschauer gebeten, während der Show die Handys ihrer Kinder zu verstecken. Und gibt sich ziemlich kämpferisch: „Ich glaube, dass das alles noch nicht so klar ist, wie alle sagen“, sagte er der „Neuen Presse“ mit Blick auf seine Konkurrentinnen von Monrose. Beim Vorentscheid komme es auf die Live-Erfahrung an. „Ich weiß nicht, wie viel Live-Erfahrung Monrose haben“, so der 36-Jährige. „Aber ich weiß, dass ich selbst sehr viel Live-Erfahrung habe und schon immer meinen Lebensunterhalt mit meiner Musik verdient habe.“

Weil es aber auch in diesem Jahr wieder drei Kandidaten sein sollten, die beim Grand-Prix-Vorentscheid vorsingen, hat der federführende Norddeutsche Rundfunk noch einen dritten aus dem Hut gezaubert. Er ist die eigentliche Überraschung der Veranstaltung: Heinz Rudolf Kunze.

Der Mann, der seit gut 25 Jahren im Musikgeschäft ist, gilt als derjenige, dem in diesem Jahr die geringsten Chancen auf den Sieg zugetraut werden. „Die Welt ist Pop“ wird er vortragen, einen flotten Rocksong, der um ein bolleriges Keith-Richards-Riff herumgestrickt ist und in der Melodieführung ein bisschen an Asias „Heat of the Moment“ erinnern soll. Das jedenfalls hören allgegenwärtige Pop-Kenner aus dem Stück heraus. Der Autor dieses Textes möchte ihnen aber auch aus persönlicher Liebe zu dem Wortkünstler mit dem Studienrat-Image wenigstens zurufen: „Pop ist Zitat!“ Schließlich räumt Kunze selbst gewisse Affinitäten zu „Satisfaction“ von den Rolling Stones und Neil Youngs frühem „Mr. Soul“ ein. Inhaltlich befasst er sich mit den aktuellen Befindlichkeiten eines Landes, das Weltmeister (in fast allem), Papst und jetzt auch Oscar ist.

Monrose also mit dem poppigen Song „Even Heaven cries“, Roger Cicero mit der flockigen Swingnummer von „Frauen regier’n die Welt“ – oder Heinz Rudolf Kunze. Dessen Name jedenfalls würde auch in Helsinki schon mal signalisieren: Hier singt ein deutscher Mann.

In der ARD läuft der Grand Prix Vorentscheid „Wer singt für Deutschland“ an diesem Donnerstag ab 20 Uhr 15.

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