Der Weihnachtsmann : Aufpusten, beleuchten

Der arme Weihnachtsmann, was ist aus ihm geworden. Unser Kolumnist hat ein bisschen Mitleid. Eine Glosse.

Durch die Luft schweben. Weihnachtsmann in Hamburg.
Durch die Luft schweben. Weihnachtsmann in Hamburg.Foto: Bodo Marks/dpa

Das sind verflucht harte Zeiten für die Freunde des Weihnachtsmanns. Das Berliner Studierendenwerk vermittelt ihn zum Fest nicht mehr, sondern verweist mit fast schon neoliberal zu nennender Hartherzigkeit auf private Anbieter; am Sonntag im „Tatort“ lief einer mit Bart, roter Kutte und Machete herum und hinterließ eine unromantische Blutspur. Und auch der Weihnachtsbaum, untrennbares Accessoire des Weißbärtigen, hat es jetzt von allerhöchster Stelle abbekommen: Es gehe, sprach der Papst tadelnd, gegenwärtig nicht um die Geburt eines Weihnachtsbaums, sondern um die Geburt Jesu.

Oh, werden jetzt viele säkular gestimmte Leser sagen, Jesu, Jesu… Ist das eventuell dieser Jesus Christus, von dem wir mal in der Schule gehört haben? Und werden dann weiter überlegen, was sich so alles aus Stroh und Plastik und Leichtmetall in Haus und Garten aufstellen ließe. Dabei handelt es sich zum großen Teil zwar noch um Weihnachtsmänner, aber um welche, die der Zeitgeist schon längst zum Weihnachtsmann im Sinne von „Du Weihnachtsmann!“ gemacht hat.

Es sind mit Warmluft aufgeblasene Verlierer, die nach Mitternacht aus Energiespargründen in sich zusammenfallen müssen, und sie tragen einen meist eher debilen Gesichtsausdruck, wenn überhaupt. Denn das Produkt der Saison ist ein kleiner dicker Mann aus Kunststoff in roter Dienstkleidung, der aber kopfüber im Kamin feststeckt, sodass oben nur noch die prallen Schenkel herausgucken: einfach in den Garten stellen, aufpusten, beleuchten, ablachen.

Traurige Gestalt

Zahllose ähnliche Exemplare hängen erschöpft über Balkonbrüstungen oder an Dachrinnen – sie klammern sich, so der Eindruck, ans althergebrachte Zustellsystem, während der Amazon-Mann drunten computergesteuert an ihnen vorüberfährt, effizient, ohne Rentier und jeglichen spirituellen Einschlag. Ho, ho ho? Das ist nicht mehr der Work Song von Santa Claus, sondern der Hohn all jener, die sich über ihn lustig machen.

Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Diese traurige Gestalt hat ihre Autorität komplett eingebüßt, sie steht Schulter an Schulter neben dem Schneemann, der als leicht grinsender Dussel mit Möhre und Hut sein Territorium zwischen Gartenzaun und Eingangstür zu verteidigen sucht; meist hängen beide schon gedemütigt am selben Kompressor, umkränzt von bunten LED-Ketten.

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Man könnte sich vorstellen, dass hier ein Wutbürger erwächst, der uns noch Sorgen bereiten… Aber nein, das mit der Machete im TV hatte doch ganz andere Gründe.

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