Einmal hingeschaut : Auf den wunden Punkt

Kritik liegt unserem Autor Ahmet Refii Dener. Trotzdem versteht er seine Kritiker manchmal nicht. Eine Kolumne.

Ahmet Refii Dener
Da braut sich was zusammen - ein Shitstorm im Netz.
Da braut sich was zusammen - ein Shitstorm im Netz.Foto: bluedesign - stock.adobe.com

Wer kritisiert, steht im Kreuzfeuer der Kritik. Jeder sollte das kritisieren, wovon er Ahnung hat, in der Sprache, die er am besten beherrscht. Dem Geschehen in Deutschland bin ich beruflich bedingt lange Jahre ferngeblieben. Dafür kenne ich die Türkei und die Türken in- und auswendig.

Ich finde, wenn man über ein Land schreibt, muss man in diesem Land leben. Sonst spürt man die Freuden und den Schmerz nicht und muss das glauben, was die Propagandamedien berichten. Mein Leben und Schicksal ist und war immer an die Türkei gekoppelt. Worüber ich schreibe, habe ich am eigenen Leibe erfahren, mit meinen eigenen Augen gesehen, beobachtet und analysiert. Wer vor Ort ist und war, in totaler Abhängigkeit von diesem Land lebt, das Gesamtbild sieht und über das Wissen verfügt, alles zu analysieren – der sollte das auch tun.

Ich glaube, ich habe Ahnung

So, jetzt habe ich kundgetan, dass ich mich zu der Gruppe zähle, die Ahnung hat. Je mehr ich auf die wunden Punkte drücke, umso lauter wird die Kritik. Wie sagte Helmut Schmidt? „Wer Kritik übel nimmt, hat was zu verbergen.“ Es ist ja auch so, dass die wenigen, die kochen und wütend werden, zumeist aus der AKP-Fangemeinde kommen. Es gibt auch welche, die sagen, ich würde das Türkei-Bashing der deutschen Medien mitmachen.

Am meisten gefällt mir die Kritik: „Warum musst du alles in Deutsch schreiben, sollen wir uns vor den Deutschen blamieren?“ Ein Satz mit Schmunzeleffekt. Der Kritiker gibt zu, dass ich recht habe, möchte aber nicht, dass ich es in Deutsch kundtue. Wie sagte Bruce Lee, der kein Fußballer war, aber dennoch den Ball ins Spiel brachte: „Wenn du kritisiert wirst, dann musst du irgendwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“

Kritik soll Schmerzen verursachen

Eigentlich ist das auch die Bestätigung, dass ich mein Ziel erreicht habe: Kritik soll Schmerzen verursachen, zu Veränderungen führen und zur Besserung beitragen. Whataboutism, die Praxis, auf eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage mit einer Gegenfrage oder einem neuen Thema zu reagieren, regiert die Welt. Berichte ich über die Türkei, sagt der Türkischstämmige: „In Deutschland ist das auch nicht anders.“ Ja und? Also sollen wir darüber nicht reden, weil es woanders genauso ist? Deshalb ändert sich in der Türkei auch nichts zum Besseren. Die, die was zu sagen haben, sitzen ein oder werden mundtot gemacht. Deshalb bin ich in Deutschland, deshalb kann ich das sagen, was ich zu sagen habe. Schalte um, wenn es dir nicht passt!

Ahmet Refii Dener arbeitet als Türkei-Berater. 2017 ist ARDner, wie sich der Blogger (go2tr.de) nennt, nach Berlin gezogen. Sonntags erscheint seine Kolumne im Tagesspiegel.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar