• Einmal hingeschaut: Wie eine Rede aus dem Jahr 1943 die heutige Türkei überdauert

Einmal hingeschaut : Wie eine Rede aus dem Jahr 1943 die heutige Türkei überdauert

Vor knapp 75 Jahren eröffnete der Großvater von Ahmet Refii Dener die wissenschaftliche Fakultät der Universität von Ankara. Mit einer Rede, die bis heute ihre Wirkung entfaltet. Eine Kolumne.

Ahmet Refii Dener
Professor Hayri Dener hat an der Universität von Ankara gelehrt.
Professor Hayri Dener hat an der Universität von Ankara gelehrt.

Heute möchte ich an eine Rede meines Großvaters Hayri Dener erinnern, Professor für angewandte Physik. Er war wirklich ein Großer und bewegte in der Türkei der besseren, säkularen Jahre etwas. Seine Rede vor knapp 75 Jahren ist eigentlich ein Appell an die Türkei und die türkische Jugend gewesen. Leider ist die Türkei davon weit entfernt. Was sage ich: Es geht genau in die andere Richtung. Während Industrieländer von künstlicher Intelligenz und Blockchain reden, steckt die Türkei im Sumpf von Syrien, deckt die Natur mit Beton ab und wird zu einer Importnation. Regiert wird nicht. Der Versuch eines Einzelnen, die Macht zu erhalten, ruiniert das Land.

Ankara, am 8. November 1943. Mein Großvater, Professor Hayri Dener, hält seine Rede zur Eröffnung der von ihm gegründeten ersten Wissenschaftlichen Fakultät der Universität als 1. Dekan:

„Die Zahl der Fakultäten und ihr Niveau im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eines Landes ist ein Indikator für ihren Wissensreichtum. Das sind die Orte an denen der Türke seine wissenschaftliche Genialität an den Tag legen kann, indem er systematisch und fortwährend arbeitet.

Eine Wissenschaft, die in aller Stille arbeitet und sich gesittet in ihrer Ecke aufhält, ist der Lehrmeister der lärmenden Technik und ein Dompteur der Menschheit: ohne die Wissenschaft, hätte sich die Technik nicht weiterentwickeln können; ein Mensch, der es sich zur Devise gemacht hat, in der Wissenschaft nach der Wahrheit zu suchen und zu erkennen, ist der gerechteste, das Recht anerkennende Menschentyp.

Der Umstand, dass die Naturgesetze überall und jederzeit gleich sind, ist genauso schön wie erschreckend. Schön, weil jemand, der nur eine Ecke von ihnen kennt, gleichzeitig jede Ecke des Universums kennt; erschreckend, weil sie neutral ist und diese Neutralität ist absolut; nur jemand der sie kennt und anerkennt wird seine helfende und fürsorgende Hand ausstrecken. Indem wir diese schöne Natur finden und erfahren, werden wir nun hier versuchen, sie zu unserem Freund zu machen.

Ethisch und gebildet zu sein betrachten wir als eine der Bedingungen dafür, als Nation und als Staat stark und unabhängig zu sein. Unser einziges Ziel ist es, all die Jugendlichen, die in diesem Glauben aus den Gymnasien zu uns gekommen sind, an unserer Fakultät mit den wahren und reinen Quellen der positiven Wissenschaft zu sättigen, damit eine gesittete Generation entsteht, die sich auf die positive Wissenschaft stützt und an sich selbst glaubt.“

Ahmet Refii Dener

arbeitet als Türkei-Berater. 2017 ist ARDner, wie sich der Blogger (go2tr.de) nennt, nach Berlin gezogen. Sonntags schreibt er an dieser Stelle.Fotos: privat, Leila Memet-Serbest

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