Scharfe Küchenmesser : Damit sollen jetzt Kinder arbeiten?

Messer, Gabel, Schere, Licht … dürfen Kinder jetzt doch, findet auch Erziehungsguru Jesper Juul. Unser Autor ließ die potenziellen Mordwaffen von seiner Tochter testen.

Finger in Gefahr. Der Hersteller Opinel sagt, der Absatz seines „Le Petit Chef“ sei im laufenden Jahr um 20 bis 25 Prozent gestiegen.
Finger in Gefahr. Der Hersteller Opinel sagt, der Absatz seines „Le Petit Chef“ sei im laufenden Jahr um 20 bis 25 Prozent...Foto: imago/Westend61

Als es so weit ist, kostet es doch ein bisschen Überwindung. Ob das wirklich eine gute Idee war, dem Kind, das eher in die Kategorie hibbelig und überhaupt gerne fällt, eine Klinge in die Patschehändchen zu geben? Zehneinhalb Zentimeter blitzender Stahl. Der Unterarm der vierjährigen Küchenhilfe ist nur unwesentlich länger. Im Geiste sieht man schon abgehackte Fingerkuppen, Blut und Tränen. Haben wir noch Jod im Haus? Eiswürfel? Plastikbeutel?

Im Alltag verdrängt man den Gedanken ja gerne, aber streng genommen handelt es sich bei Messern um tödliche Waffen. Mit keinem anderen Werkzeug werden in Deutschland mehr Morde begangen. Und damit sollen jetzt Kinder arbeiten? Viele Eltern und Pädagogen sagen: Ja. Die Hersteller sowieso.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Messer meint hier nicht das Miniatur-Silberbesteck, das dem Nachwuchs traditionell kurz nach der Geburt in samtausgeschlagenen Geschenkkartons überreicht wird, um dann unbenutzt in der Schublade zu verschwinden. Gemeint sind echte Küchenmesser. Jene faszinierenden Präzisionswerkzeuge zum Schneiden, Hacken und Zerteilen, die nicht selten mythisch überhöht werden. „Küchenmesser haben eine kulturelle, historische und technologische Bedeutung, die ihren simplen Aufbau bei Weitem übertrifft“, schwärmt der Journalist Tim Hayward in seinem jüngst erschienenen Kompendium „Messer“.

Messer, Gabel, Schere Licht ... War da nicht mal was?

War da nicht mal was mit „Messer, Gabel, Schere, Licht ...“? Wer sich dieser Tage durch die Geschirrabteilungen der Kaufhäuser drängelt, bekommt arge Zweifel an der Gültigkeit der vermeintlich zeitlosen Wahrheit. WMF hat in der Kinder-Kollektion „Willy Mia Fred“ ein Exemplar mit passendem Sparschäler im Angebot, der norddeutsche Koch Tim Mälzer sein „TMJ 1000“, ein Werkzeug mit Elf-Zentimeter-Wellenschliff-Klinge aus dem Hause Kai. Im Repertoire der japanische Schmiede Tojiro findet sich das beidseitig geschliffene „Brisa Bonita“.

Viele der Kindermesser sind von ihren Vorbildern erst mal nur durch Größe und Farbe zu unterscheiden. Eine Ausnahme bildet Opinel, dessen „Le Petit Chef“ neben der abgestumpften Spitze auch noch über ein Loch für den Zeigefinger im Griff verfügt, was Abrutschen verhindern soll. Laut der französischen Firma kletterten die Absatzzahlen des Messers, das jetzt schon zu ihren 20 meistverkauften Produkten gehört, im laufenden Jahr um 20 bis 25 Prozent. Grund dafür sei wohl „der Wunsch, Kinder in der Küche aktiv einzubinden und damit eventuell auch Freude am Kochen zu vermitteln“.

Dass Kinder in Haushalt und Küche helfen sollen, werden Pädagogen nicht müde zu betonen. Zu sehen und zu spüren, dass man einen Beitrag zum Familienleben leistet, stärke Verantwortungsgefühl, Pflichtbewusstsein, Selbstwertgefühl. Und oft zeigt sich dann, dass selbst mäkelige Esser plötzlich ganze Zucchiniberge vertilgen, weil sie diese vorher geputzt oder eben geschnippelt haben.

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