Formel-E-Rennwagen : Selbsttest im Elektroflitzer mit 180 Sachen

Der Journalist Thomas Geiger hat sich in ein Elektroauto gesetzt, von 0 auf 100 in drei Sekunden beschleunigt und beschrieben, wie das ist.

Eng und schnell - Selbsttest im Formel-1-Rennwagen.
Eng und schnell - Selbsttest im Formel-1-Rennwagen.Foto: Audi AG/dpa

Einsteigen, anlassen und losfahren? Von wegen! Wer zum ersten Mal ins Cockpit eines Formel-E-Rennwagens klettert, der braucht nicht nur eine Aufwärmgymnastik, damit er seinen viel zu großen Körper überhaupt in die viel zu enge Carbonröhre schlängeln kann. Sondern dem drückt der Renningenieur erst einmal eine Bedienungsanleitung mit einem Dutzend Seiten in die Hand. Das Lenkrad übersät mit Knöpfen und dazwischen digitale Instrumente, die für den Laien so aussagekräftig sind wie chinesische Schriftzeichen, und irgendwo am anderen Ende der maßgeschneiderten Carbonliege die Pedale für Gas und Bremse, die man hier mit beiden Füßen bedient – mit einem normalen Auto hat dieser Rennwagen nichts, überhaupt nichts mehr gemein.

Das ist bei jedem Formel-Fahrzeug so, bei dem der Fahrer wie in einem Einbaum mittig sitzt und von vier mehr oder minder frei stehenden Rädern umgeben ist. Beim Elektroauto kommen noch ein paar Besonderheiten dazu. Dass hier zum Beispiel 700 Volt anliegen und man schon aufpassen muss, wo man hinfasst, warnt der Systemingenieur. Und dass man bei einer Panne darauf achten sollte, lieber keine Spannungsbrücke zu bauen und stattdessen besser mit beiden Füßen gleichzeitig aus dem Wagen springt – wenn man sich erst einmal aus dem Hosenträgergurt befreit und irgendwie unter dem Überrollbügel herausgeschält hat, der wie ein Heiligenschein um den Fahrer gebaut ist und deshalb den Spitznamen Halo trägt.

Der Rennkurs ist völlig verwinkelt

Aber von einer Panne wollen wir hier und heute nichts wissen. Schließlich wird der Wagen noch gebraucht. Weitgehend neu entwickelt, bis auf den Motor und dessen Steuerung für alle Teams identisch und in der Leistung ohnehin normiert, sitzen wir im Dienstwagen des Brasilianers Luca de Grassi, der zusammen mit seinem Teamkollegen Daniel Abt vom 15. Dezember an beim Auftaktrennen der fünften Formel-E-Saison in Riad für Audi die Teamweltmeisterschaft verteidigen will.

Um die Hüften eine Batterie von 52kWh, die mit ihren 374 Kilogramm mehr als ein Drittel des Fahrzeuggewichts ausmacht, dahinter ein E-Motor, der je nach Rennsituation und Reglement zwischen 200 kW/272 PS und 250 kW/ 340 PS leistet und vor den Augen ein Rennkurs auf Mallorca, der ähnlich verwinkelt ist wie die Stadtkurse, auf denen die 13 Rennen der nächsten Saison ausgetragen werden.

Er gewinnt jeden Vergleich mit einem "normalen" Auto

Dass die Geraden sehr viel kürzer sind als etwa in der Formel 1 und die Kurven enger – das macht dem elektrischen Boliden nichts aus. Weil das maximale Drehmoment beim E-Motor vom ersten Augenblick anliegt, schießt er schneller davon als jeder andere Rennwagen. Und weil die Elektronik die Kraft und das Bremsmoment besser verteilen kann, nimmt er die Kehren viel enger. Zumal ein Formel-Rennwagen mit seinen Rennreifen, seiner breiten Spur, seinem geringen Gewicht und seinem tiefen Schwerpunkt ohnehin jeden Vergleich mit einem normalen Auto gewinnt und so fährt, als wären die Reifen von Pattex und nicht von Michelin.

Zwar ist auch der F05 E-Tron ein Leisetreter: Wo sich die Teams sonst anschreien müssen, stört hier nur ein scheues Surren den Funkverkehr zwischen Fahrer und Boxencrew. Doch an Emotionen mangelt es ihm nicht: Wenn man in weniger als drei Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt, auf einer nicht einmal 200 Meter langen Geraden bald 180 km/h erreicht und den Wagen am eigenwilligen Lenkrad enger um die Ecken zirkelt, als man es sich je hätte träumen lassen, kann man auf das bisschen Motorsound und Vibrationen gut verzichten. Denn schon so können die sieben Sinne den Rausch des Rasens kaum verarbeiten. Und dass der Formel-E-Wagen mit seinen 240 km/h Spitze langsamer ist als viele Serienautos, fällt dabei auch nicht ins Gewicht.

Nach der Renndistanz sind die Batterien leer

Dabei ist das hier nur ein leichtes Training. Denn als wären die Fahrzeugbeherrschung und der Kampf mit den anderen Piloten nicht schon Herausforderung genug, haben die Macher der Formel-E-Rennserie noch reichlich Spielraum für Spannung und Strategie im Regelwerk gelassen. Zwar reichen die neuen Akkus, die Technologiepartner McLaren für alle Teams entwickelt hat, jetzt für ein ganzes Rennen, und der Fahrzeugwechsel zur Halbzeit entfällt. Doch dürfen die Teams nur mit 70 Prozent der Ladung starten und müssen sich den Rest durch Rekuperation beim Bremsen, durch Segeln ohne Motor und durch eine geschickte Taktik dazuverdienen.

Dass nach einer Renndistanz die Batterien leer sind, ist deshalb zwar nicht unbedingt ein Pluspunkt für die Elektromobilität. Aber für den Fahrer ist das ein Segen, erst recht, wenn er kein Profi ist. Denn dessen Akkus sind schon viel früher erschöpft. Und zwar so sehr, dass man mitunter nicht einmal mehr alleine aus dem Auto kommt. Gut, dass der Wagen deshalb jetzt erst mal 45 Minuten laden muss. Bis die Akkus voll sind, ist auch der Fahrer wieder bei Puste und irgendwie aus dem Wagen geklettert. (Thomas Geiger/dpa)

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