Die einzige Spur: Kreuzworträtsel

Seite 2 von 4
Geschichte : Der Kreuzworträtsel-Mord
Neben der Leiche des kleinen Lars fanden die Ermittler mehrere ausgefüllte Kreuzworträtsel. Sie suchten nach Auffälligkeiten im Schriftbild, die im Analyseblatt links festgehalten wurden, etwa die Lücke im oberen Bogen bei den Buchstaben A, B, D, M und R. Tatsächlich führten die Rätsel auf die Spur des Täters.
Neben der Leiche des kleinen Lars fanden die Ermittler mehrere ausgefüllte Kreuzworträtsel. Sie suchten nach Auffälligkeiten im...Fotos: privat / Sebastian Leber

Bald stand fest, dass der Junge im Koffer Lars Bense ist, dass der Siebenjährige missbraucht und dann mit einem dumpfen Gegenstand erschlagen worden war. Und dass es praktisch keine Spuren gab, die zum Täter führen konnten. Außer den Kreuzworträtseln. Denn im Koffer lagen auch Zeitungen und Illustrierte: mehrere Ausgaben der „Freiheit“, der SED-Bezirkszeitung von Halle, dazu das FDJ-Blatt „Junge Welt“, das Frauenjournal „Für Dich“, auch eine „Berliner Zeitung am Abend“. Die Ermittler vermuteten, dass der Mörder Angst hatte, Blut könnte aus dem Koffer laufen, während er ihn durch die Stadt zum Bahnhof schleppen, in den Zug steigen und auf die nächste Gelegenheit warten würde, Leiche samt Koffer unbemerkt aus dem offenen Fenster zu werfen. In den Zeitungen entdeckten die Ermittler ausgefüllte Kreuzworträtsel. Sechs waren fast vollständig gelöst, bei anderen blieben die meisten Felder leer, waren jeweils nur wenige, kurze Begriffe eingetragen. Kampfplatz: Arena. Nebenfluss der Wolga: Moskwa. Tierprodukt: Ei. Stets in derselben Handschrift. Wer den Menschen findet, der hier gerätselt hat, wird auch den Mörder finden, glaubte Siegfried Schwarz. Bei der Staatsanwaltschaft, in der Mordkommission und bei den aushelfenden Schutzpolizisten firmierte der Unbekannte fortan unter dem Namen „der Schreibverursacher“.

Die Suche nach dem Schreibverursacher geriet zum aufwendigsten Ermittlungsverfahren in der Geschichte der DDR. In Halle-Neustadt, der vom Politbüro beschlossenen, auf einem Acker hochgezogenen Betonstadt, lebten 17 Jahre nach Grundsteinlegung mehr als 90 000 Menschen. Die Wohnungen waren billiger und moderner als die in der Altstadt, sie wurden mit Fernwärme beheizt. Viele Bewohner arbeiteten im Schichtbetrieb in den Chemiewerken in Leuna oder bei Buna in Schkopau, auch Lars Benses Vater.

Vielversprechend schien die Suche nach dem Unbekannten vor allem, weil dessen Handschrift leicht auffiel. Selbst ungeübte Polizisten würden die markanten Buchstaben beim Vergleichen nicht übersehen. Zum Beispiel das A in „Aas“ oder „Auge“: Es wies zwischen dem linken senkrechten Strich und dem oberen Bogen häufig eine kleine Lücke auf. Die Experten sprachen von einer „Schreibunterbrechung“, die dem „Schreibverursacher“ hier regelmäßig unterlief. Bei den Buchstaben B, D und E war es ähnlich, das Z zierte in der Mitte ein kleiner Querstrich. Kriminalpsychologen glaubten, dass die Rätsel von einer Frau mittleren Alters ausgefüllt worden waren – die schon allein körperlich kaum in der Lage gewesen wäre, den Jungen derart schwer zu verletzen. Der Schriftverursacher war also nicht der Mörder. Aber er würde ihn kennen.

Die Fahnder wollten in großem Umfang Schriftproben einholen. Sie selbst nannten es „Schreibleistungen“. Wenn sich Siegfried Schwarz heute an den Fall erinnert, sagt er lieber „Proben“. Die Volkspolizisten und freiwilligen Helfer, die damals von einer Wohnungstür zur nächsten zogen, hatten vorgedruckte Papierbögen bei sich. Sie diktierten jedem Bewohner einen Satz, der in großen Druckbuchstaben niedergeschrieben werden sollte: „Ein zweitägiges Kolloquium, das am Dienstag in Berlin begann, befasst sich mit Karl-Friedrich Schinkels Werk und dessen Bedeutung für die DDR.“ Später stellten die Ermittler das System um, erbaten nur noch einzelne Wörter, die besonders viele verräterische Buchstaben enthielten – hintereinander aufgereiht wie in einem Kreuzworträtsel.

Dame, Uta, Lehrer. Gage, Hut, Ski. Page, Raps, Cello.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

10 Kommentare

Neuester Kommentar