Gesundheit : Die Hypothese Gott

In den USA attackieren Naturwissenschaftler und Philosophen die Religion

Hartmut Wewetzer

„Sie könnten jeden Moment sterben. Sie könnten noch nicht einmal so lange leben, um das Ende dieses Absatzes zu lesen … Sie sind nicht nur gezwungen, zu sterben und diese Welt zu verlassen; Sie werden dies auf eine so überstürzte Weise tun, dass die gegenwärtige Bedeutung von allem – Ihren Beziehungen, Ihren Zukunftsplänen, Ihren Hobbys, Ihren Besitztümern – als völlige Illusion erscheinen wird … Wenn eine unsichtbare Hand den Stecker des Lebens herauszieht, wird es nichts geben, was übrig bleibt.“

Schonungslos und direkt führt der amerikanische Philosoph und Hirnforscher Sam Harris in seinem Buch „The End of Faith“ („Das Ende des Glaubens“) seinen Lesern eine ziemlich unersprießliche Zukunft vor Augen. Harris steht an der Spitze einer Bewegung in den USA, die den Atheismus als neue gesellschaftliche Kraft etablieren will.

Harris sagt: Unser Ende können wir nicht verkraften. Unser Sinn für Wirklichkeit scheint unser Ableben auszuklammern. Schließlich bezweifeln wir das Einzige, was (neben den Steuern) sicher ist: den Tod.

An dieser Stelle kommt für viele Menschen die Religion ins Spiel. Sie verspricht ein Leben nach dem Tod. Das gibt Trost und Sicherheit. Es ist der Tod, der der Religion Macht verleiht.

Eine Macht, die auf dem Tod gründet und die ihrerseits wieder Tod hervorbringen kann, wie Harris meint. Den Entschluss zu seinem Buch fasste er an dem Tag, an dem fanatische Gotteskrieger zwei Flugzeuge in das World Trade Center steuerten und im Namen einer höheren Macht tausende Unschuldiger ermordeten. Als Belohnung winkte den Selbstmordattentätern das Paradies.

Seit Harris 2004 das „Ende des Glaubens“ ausrief, sind in den USA und Großbritannien mehrere Bücher veröffentlicht worden, in denen Naturwissenschaftler oder ihnen nahe stehende Intellektuelle den Aufstand gegen die Religion proben. So unternahm der Bio-Philosoph Daniel Dennett 2006 mit „Breaking the Spell“ („Den Zauber bannen“) den Versuch, Religion mit Hilfe der Evolutionstheorie als eine Art Naturphänomen zu erklären. Und mit seinem kurz darauf erschienenen furiosen Großessay „The God Delusion“ („Der Gotteswahn“, erscheint 2007 auf Deutsch) legte der britische Biologe Richard Dawkins nach. Seitdem ist der Kulturkampf auf der anderen Seite des Atlantiks in vollem Gange.

Die neuen Atheisten um Sam Harris und Richard Dawkins nehmen die Religion von zwei Seiten in die Zange. Sie erklären den Menschen als das Produkt einer biologischen Entwicklung, die sich über Milliarden Jahre hinzog und nicht als das Ergebnis eines einzigartigen Schöpfungsakts. Gott ist nicht mehr zwingend erforderlich. Auf der anderen Seite kann religiöser Fundamentalismus – und damit Religion selbst – im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen zur globalen Bedrohung werden.

Sam Harris ist nun der prominenteste Atheist Amerikas. Kein reines Vergnügen in einem Land, in dem 97 Prozent der Menschen an Gott glauben. „The End of Faith“ ist nicht nur eine Abrechnung mit der dunklen Seite der Religion, sondern mit dem Glauben schlechthin. Harris lässt das Argument, bei den islamischen Gotteskriegern handle es sich um ein Häuflein Extremisten, das den Koran falsch auslege, nicht gelten. Er zitiert seitenweise Sentenzen aus dem Koran, in denen unter anderem von den mannigfachen Strafen die Rede ist, die Ungläubigen nach ihrem Tod widerfahren werden. Der Koran lehrt die Verachtung Andersgläubiger, schreibt Harris. Wem der Zusammenhang zwischen muslimischem Glauben und muslimischer Gewalt nach der Lektüre des Korans nicht klar sei, der solle einen Nervenarzt konsultieren.

„Unser Feind ist niemand anders als der Glaube selbst“, schreibt Harris. Und mit seinem zweiten Buch „Letter to a Christian Nation“ („Brief an eine christliche Nation“) machte er klar, dass er für die christliche Seite des Monotheismus nur geringfügig mehr Sympathien hegt. „120 Millionen von uns datieren den Urknall 2500 Jahre nach dem Zeitpunkt, zu dem Babylonier und Sumerer das Bierbrauen gelernt hatten“, schreibt er über seine Landsleute.

Den gemäßigt Religiösen wiederum, die die Bibel nicht buchstäblich nehmen, wirft Harris vor, sich die Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken: „Das ist ganz einfach verdünnte Eisenzeit-Philosophie.“ In der Eisenzeit liegen die Wurzeln des Alten Testaments.

Die Lautstärke der Polemik ist für europäische Ohren ungewohnt. Das liegt auch daran, dass Darwins Evolutionstheorie in Europa weitgehend unumstritten ist und die Gemüter kaum erregt. Theologie und Biologie leben in friedlicher Koexistenz. Man lässt sich in Ruhe. In den USA ist das anders. Dort debattiert man wie eh und je um die Frage, ob Gott oder die Mächte des Zufalls und der natürlichen Auslese an der Wiege des Menschen gestanden haben. Auch für den Evolutionsbiologen Richard Dawkins war diese erbitterte Auseinandersetzung wesentlicher Anlass zum Scheiben seines Bestsellers „Der Gotteswahn“.

Dawkins versucht im „Gotteswahn“, das zentrale Argument der Evolutionsgegner zu widerlegen. Es stammt von dem Astronomen und Evolutionskritiker Fred Hoyle und lautet: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben auf der Erde entstand, ist nicht größer als die Chance, dass ein Hurrikan, der über einen Schrottplatz fegt, dabei eine Boeing 747 entstehen lässt. Komplexe Dinge – Flugzeuge, Bäume, der Mensch – können nicht „einfach so“ entstehen. Der Mensch ist kein Zufall, da steckt ein Konzept dahinter. Vielleicht ein Schöpfer.

Falsch, sagt Dawkins. Denn der Mensch ist nicht auf einen Streich entstanden, sondern verdankt sich unzähligen winzigen Schritten. Auch Leute, die keine Bergsteiger sind, können einen sehr hohen, sehr steilen Gipfel ersteigen, wenn es gleichzeitig einen ganz flachen Aufstieg gibt. Die Entwicklung komplizierter Lebewesen ist so ein Gipfel: extrem unwahrscheinlich, dass man ihn mit einem Streich, mit einem Schritt erklimmt. Aber zehn Millionen Schritte? Da sieht die Sache schon anders aus.

„Natürliche Auswahl ist ein kumulativer Prozess, der das Problem der Unwahrscheinlichkeit in kleine Stücke zerteilt“, schreibt Dawkins. Jedes dieser Teilchen ist ein wenig unwahrscheinlich, aber nicht völlig unmöglich. Jedes dieser Teilchen türmt sich auf das nächste; Steinchen für Steinchen wächst so ein Gebirge heran. Oder ein kompliziertes Lebewesen mit einem Bauplan von Zehntausenden von Genen.

Den neuen Atheisten bläst heftiger Wind ins Gesicht. Vor einigen Wochen widmete das US-Magazin „Time“ seine Titelgeschichte einem Zwiegespräch zwischen Richard Dawkins, nach eigener Einschätzung „Fast-Atheist“, und dem gläubigen Genomforscher Francis Collins, Autor des US-Bestsellers „The Language of God: A Scientist Presents Evidence for belief“ („Die Sprache Gottes: Ein Wissenschaftler präsentiert Beweise für den Glauben“).

Collins glaubt, dass die Entstehung des Universums und letztlich auch die Entwicklung des Lebens bis zum Menschen so unwahrscheinlich waren, dass ein „Designer“, ein Schöpfer, eine „ziemlich plausible Erklärung“ darstellt. Dawkins kontert: „Weil etwas sehr unwahrscheinlich ist, brauchen wir einen Gott als Erklärung. Aber dieser Gott macht die ganze Sache noch komplizierter und unwahrscheinlicher.“ Und bietet als Alternative die ziemlich neue Theorie von den „Multiversen“ an – unser lebenspendendes Universum ist nur eines unter vielen, was es wiederum wahrscheinlicher macht. Das weist Collins zurück: „Ich finde Gott überzeugender als diese ganzen blubbernden Multiversen.“

Welchen tieferen Sinn kann ein Mensch ohne Gott im Leben sehen? Das Wissen darum, dass unser Leben einzigartig ist, macht es umso kostbarer, schreibt Dawkins. Er vergleicht unsere Existenz mit einem winzigen Lichtpunkt entlang eines gewaltigen Zeitstrahls: „Alles vor diesem Punkt ist dunkle Vergangenheit, alles danach unbekannte Zukunft. Wir können uns atemberaubend glücklich schätzen, für einen Moment im Scheinwerferlicht zu stehen. Wie kurz auch immer unsere Zeit in der Sonne ist, wenn wir eine Sekunde davon vergeuden oder uns beschweren, dass es dämlich, öde oder langweilig ist – ist das nicht ein Anschlag auf all jene, denen niemals die Möglichkeit zu leben gegeben wurde?“

Mehr im Internet unter: www.samharris.org und http://richarddawkins.net

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